ite/frères en marche
PDF-Dokument

«Frag mit deinen Händen nach den Geheimnissen des Himmels»   

Unser Körper – Geschenk Gottes oder «störrischer Esel»?

Der Körper ist zur Projektionsfläche für zahlreiche Wünsche geworden und muss permanent verbessert werden. Darüber macht sich unsere Autorin grundsätzliche theologische Gedanken.

Er demonstriert mit seinem grossflächigen Tattoo, dass ihm die Menschwerdung Gottes in Jesus wichtig ist. Sie kann von Gottes Gegenwart durchströmt werden.
Wie kaum ein anderer katholischer Heiliger vermittelt Franziskus die Botschaft, dass die geschaffene Welt auf Gott hin «durchsichtig» ist, dass hinter allen Geheimnissen der Schöpfung ein einziger Künstler steckt.

Mein Zumba-Kurs ist zu Ende, ich stehe in Sportklamotten und völlig verschwitzt an der Ampel. Dort treffe ich eine Bekannte: Ich sollte auch mal wieder was tun. Die Watch sagt mir in letzter Zeit häufiger, dass ich meine 10»«000 Schritte nicht geschafft habe. Stolz zeigt sie mir ihre kleine, strenge Kontrolleurin am Handgelenk. Wir sind uns einig, wir sollten uns alle mehr bewegen. «Tja, wer schön sein will…», lacht sie, wir überqueren die Strasse und gehen beide unserer Wege. Ob mit oder ohne Kontrollgerät, ganz frei sind wir alle nicht von der Idee, unser Körper müsse optimiert werden. Sport, Diäten, Tattoos, medizinische oder kosmetische Massnahmen, der Körper ist zur Projektionsfläche geworden: «Ich pflege meinen Körper, also bin ich!»

Eigentlich grossartig, könnte man meinen. Der Körper ist immerhin das erste Geschenk Gottes an uns. Noch bevor wir lachen, denken, lieben können, ist er da. Noch bevor unser Bewusstsein entsteht, ist unser Körper. Alles, was wir erleben und gestalten, tun wir in und mit ihm, er begleitet jede unserer Erfahrungen: Auch und gerade die Erfahrung der Veränderung. Diesen Körper zu lieben, ist eine grossartige Sache. Und doch ist etwas faul. Der Körper wird allermeist um seiner Tüchtigkeit und Schönheit willen geliebt. Wo er möglichst perfekt ist, wird ihm gehuldigt. Doch dort, wo er nicht oder eingeschränkt funktioniert – oder etwas anderes fordert, als wir wollen – wird es schwierig.

Der Leib als störrischer Bruder

Diese Erfahrung kennt auch der heilige Franziskus. Sein Ringen mit seiner eigenen Körperlichkeit wird gemeinhin «Versuchung» genannt. Gut bekannt ist sein Wort vom «Bruder Esel». Es wird erzählt, dass Franziskus seinen Leib, diesen störrischen Bruder, solange mit Schlägen malträtierte, bis alle Empfindungen der Lust und Sehnsucht ausgetrieben sind. Bis nur noch Schmerz bleibt. Auch Klara soll sich in jungen Jahren körperlich geplagt haben: Sie bindet sich Schweineborsten oder einen Strick aus Pferdehaaren um den Bauch, damit es ordentlich scheuert bei jeder Bewegung. Von der jungen Klara wissen wir ausserdem, dass sie kaum etwas isst, auf Rebzweigen schläft und andauernd ihren Schlaf unterbricht. Trotzdem haben beide Heilige zu ganz wunderschönen Gedanken gefunden, die ihren Körper betreffen. Franz ist sterbend in der Lage, seinen Bruder Esel um Verzeihung zu bitten. Und Klara sagt eines ihrer schönsten Worte auf dem Sterbebett. Diese Fähigkeit hat mit ihrer beider Glauben an Gott als Schöpfer einer guten Schöpfung zu tun.

Vom Geheimnis aller Geheimnisse

Was Franziskus wie kaum ein zweiter Heiliger vermitteln kann, ist die helle, lichte Durchsichtigkeit der geschaffenen Welt auf Gott hin. Für ihn steckt hinter allen Geheimnissen das eine grosse, liebenswerte Geheimnis selbst, hinter allem Kunstvollen ein einziger Künstler. Thomas von Celano schreibt in seiner zweiten Lebensbeschreibung: «Dieser glückliche Wanderer hatte seine Freude an den Dingen, die in der Welt sind, und nicht einmal wenig. Er sah die Welt als klaren Spiegel von Gottes Güte. Was er in der geschaffenen Welt fand, führte er auf den Schöpfer zurück. Durch das, was sich seinem Auge an Lieblichem bot, schaute er hindurch auf den Urgrund aller Dinge. Er erkannte im Schönen den Schönsten selbst. Alles Gute rief ihm zu: Der uns erschaffen hat, ist der Beste.»

Beides zu erkennen – das Kunstwerk und den, der es geschaffen hat – ermöglicht, eine grosse Liebe zum Kunstwerk entwickeln zu können, ohne es vergöttern zu müssen. Auch Klara ist das gelungen. In ihrer Jugend noch unbarmherzig mit sich selbst, ist ein Gedanke von ihr als alte Frau überliefert, der eine leuchtende Spur sein kann für einen liebevollen Umgang mit sich selbst. Im Sterben jubelt sie Gott zu: «Sei gelobt, weil du mich geschaffen hast.» Ihr Körper ist gerade dabei all seine Kraft und vermutlich auch seine Schönheit zu verlieren. Erfolge hat sie ebenfalls keine aufzuweisen, die eigene Regel, um die sie kämpft in ihren letzten Tagen, ist noch nicht bestätigt. Aber all das spielt keine Rolle. Sie weiss sich – auch und gerade in ihrer letzten körperlichen Gestalt – geschaffen. Sie erlebt dieses Geschaffensein als unbedingtes Geschenk.

Der Stall von Bethlehem

Wer immer meint, der christliche Glaube sei am reinsten, wenn er körperlos werde, entrückt und ohne alle Leidenschaften, der hat die wichtigste Botschaft nicht verstanden: Die vom Stall in Bethlehem. Da kommt ein Kind auf die Welt, und nichts ist körperlicher als eine Geburt. Schon zur Zeugung gehören – zumindest im besten Fall – die körperliche Lust, zur Schwangerschaft sichtbare körperliche Veränderungen. Zur Geburt schliesslich Blut und Schweiss, Fruchtwasser und Wehen, Schreie und Schmerz. Eine Geburt können nur Menschen ertragen, die keine Angst vor dem Körper und all seinen Funktionen und Ausscheidungen haben. Gott hatte ganz offensichtlich keine Angst davor. Seine Menschwerdung ist ein radikal körperlicher Vorgang: «Und das Wort ist Fleisch geworden.»

Aber dabei bleibt es nicht. Gottes Menschwerdung, sein körperlich in dieser Welt Sein, verändert den Umgang mit allen, die körperlich in dieser Welt sind, einschliesslich mit uns selbst. Papst Franziskus schreibt in Evangelii gaudium, seinem Grundsatzpapier vom November 2013, wie das Ganze weitergeht: «Das Wort Gottes lehrt uns, dass sich im Mitmenschen die kontinuierliche Fortführung der Inkarnation für jeden von uns findet: «Was ihr für eines meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.» (Mt 25,40). Im anderen Menschen, der uns entgegentritt, in seiner einmaligen körperlichen Gestalt, sehen wir Jesus Christus selbst. Und die anderen sehen ihn in uns. Das ist ein abenteuerlicher Gedanke, der Konsequenzen hat: Niemand darf verachtet werden. Jede und jeder ist in seinem oder ihrem Körper gewollt vom Schöpfer selbst.

Es ist an der Zeit, den christlichen Glauben (wieder) handfester zu verstehen. Wir müssen nicht gleich zum Reliquienkult des Mittelalters zurück, der ja den schönen Gedanken birgt, dass das Göttliche irgendwie auch «anfassbar» ist. Dass Materie nicht nur schlecht, sondern auch durchströmt ist von Gottes Gegenwart. Da wäre sicher nichts, was heute unser Leben besser verstehen und leben liesse. Aber die Idee, dass der Körper ein kostbares Geschenk Gottes ist ­– Gott, der die menschliche Körperlichkeit so schätzt ­– dass er sie selbst angenommen hat, diese Idee könnte uns heute wirklich weiterhelfen: Wir müssten nicht stehen bleiben bei der Vergötterung unserer Körper, sondern wir könnten sie – in welcher Gestalt auch immer – froh als Ausdruck der Fantasie des Schöpfergottes verstehen. Wir könnten einander deutlich liebevoller und mit mehr Achtung begegnen. Und wir könnten zu einem anderen Verstehen der schönsten Momente finden, die in unserer Körperlichkeit angelegt sind: der Sexualität. Wir könnten sie würdigen als das, was sie ist, ein Geschenk.

Körper und religiöses Erleben

Ein türkischer Dichter hat einmal den schönen Satz geschrieben: «Frag mit deinen Händen nach den Geheimnissen des Himmels» (Bülent Ecevit). Unser Körper ist nicht unsere Religion. Aber wir dürfen unseren Körper stärker in unser religiöses Erleben einbeziehen. Wir können tatsächlich unsere Hände und Füsse und all unsere sieben Sinne einsetzen, um dem Glauben an einen einfallsreichen Schöpfergott neu auf die Spur zu kommen.

Martina Kreidler-Kos