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«Migrations-Gemeinden leisten gewaltige Inkulturationsarbeit»   

Interview mit Patrick Renz, Nationaldirektor von «migratio»

Die Migrationsgemeinden beleben mit ihrer Vielfalt die katholische Kirche der Schweiz. Davon ist Patrick Renz überzeugt. Wir haben den Direktor von «migratio» zu einem Gespräch getroffen und ihn zuerst gefragt, was denn die Hauptfunktion dieser Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz ist.

Patrick Renz: Wir stellen im Auftrag der Bischöfe sicher, dass die anderssprachigen Migrantinnen und Migranten seelsorgerlich gut betreut werden. Dies geschieht über anderssprachige Seelsorgestellen und Missionen. Dabei geht es um pastoral-inhaltliche, personelle und finanzielle Aspekte. Das bedingt intensive Absprachen mit unseren Bistümern, aber auch mit den Bischöfen der Herkunftsländer der Seelsorger. Dann möchten wir sowohl die Migrationsgemeinden wie auch unsere lokalen Pfarreien für einen offenen Umgang miteinander sensibilisieren, nach dem Motto: «Vom Nebeneinander zum Zueinander, Miteinander und Füreinander.»

Während die Nationalkommission «Justitia et Pax» Fragen der Migration und die Flüchtlingsthematik eher aus gesellschaftspolitischer Sicht betrachtet, konzentrieren wir uns auf den «unpolitischen» Bereich – auf seelsorgliche und organisatorische Aspekte der Migrations-Gemeinden.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Betriebswirtschaftler mit langjähriger Berufserfahrung im In- und Ausland Leiter einer Stabstelle der Bischofskonferenz wird. Warum das?

Nach meinem Studium war ich zehn Jahre bei einem Konsumgüterkonzern tätig und habe Erfahrungen als Geschäftsführer mittlerer Unternehmen gesammelt. Ich führte von 1992 bis 2006 ein «Expat-Leben», wohnte und arbeitete in zehn Ländern. Irgendeinmal, nach dem x-ten Vierteljahresreport, begann ich an der vorherrschenden Wachstumsphilosophie in der Wirtschaft zu zweifeln. Ich fragte mich, ob ich meine Fähigkeiten nicht sinnvoller in die Gesellschaft einbringen könnte. Ich wurde darum im April 2014 Direktor des Fastenopfers und bin seit Anfang 2017 – zuerst ein paar Monate interimsweise – Nationaldirektor von «migratio».

Bei Ihrem Amtsantritt forderten Sie, dass sich «migratio» stärker für die eigentliche Flüchtlingspastoral einsetzen müsse. Für die Flüchtlinge setzen sich doch auch die Caritas oder die Schweizerische Flüchtlingshilfe ein?

Wenn man im Volksmund von Migranten redet, dann spricht man sehr schnell von Flüchtlingen und von eigenen Bedenken oder Ängsten davor. «migratio» macht viel für Migrantinnen und Migranten, aber noch recht wenig für Flüchtlinge und deren seelsorgliche Bedürfnisse. Wir möchten sicherstellen, dass die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg zur Integration in unsere Gesellschaft von Beginn eine gute seelsorgliche Struktur erhalten. Denn gerade für sie spielen Glaube und Religion in ihrer unsicheren Situation eine zentrale und stabilisierende Rolle.

Zum katholischen Selbstverständnis gehört, dass wir einer universalen Kirche mit ähnlichen Ritualen und Strukturen angehören, wir uns also überall heimisch fühlen können. Jetzt gibt es in der Schweiz über 600 Migrations-Gemeinden, davon rund die Hälfte katholische. Sie sind zum Teil über 60 Jahre alt. Fördert das nicht eher die Abschottung der Migranten?

Silo-Denken oder Integration?  – Das ist tatsächlich das grosse Thema innerhalb der Migrantenseelsorge. Ein Migrant kommt zu uns mit vielen Bedürfnissen, etwa nach Anerkennung und Geborgenheit. Es stellen sich ihm viele Fragen: Wo lerne ich Leute kennen, wie schule ich meine Kinder ein, wie lerne ich die Sprache, warum verstehe ich die amtlichen Dokumente nicht?

In unseren lokalen Kirchen finden Migranten nur schwer Anschluss. Manchmal bekommen sie Antworten auf ihre Bedürfnisse bei gewissen Vereinen. Halt, Hilfe und Geborgenheit finden sie aber noch heute vorwiegend in Migrationsgemeinden. Das hat vor kurzem erneut eine Studie des Pastoralsoziologischen Instituts festgestellt. Migrationsgemeinden leisten gewaltige Integrationsarbeit. Es braucht sie als «Zwischenglied», als Vermittler, um sich in unserer Kultur zu integrieren. Es sind lebendige Gemeinden, in denen die Menschen zueinander stehen.

Darum braucht es die vor rund 60 Jahren gegründete Missione Cattolica Italiana heute noch?

Ich denke schon. Es gibt ja gerade in letzter Zeit wieder neue Einwanderungsbewegungen aus Italien oder auch aus Spanien und Portugal. Heute sind es vor allem junge, hochqualifizierte Migranten. Auch diese Menschen haben ähnliche Bedürfnisse wie jene vor 60 Jahren. Auch bei ihnen kommt einmal die Zeit, wo für sie die Suche nach den eigenen Wurzeln sowie die Muttersprache wieder wichtiger ist.

Migrationsgemeinden sind für die katholische Kirche also eine Bereicherung?

Ja, die Rolle der Migranten ist für unsere Kirche sehr wichtig im Sinne einer Bereicherung und einer Vielfalt. Sie bringen Leben in unsere Kirche im Sinne einer «Vielfalt in der Einheit». Anderseits ist mir schon bewusst, dass Migranten bei ortsansässigen Pfarreimitgliedern manchmal Angst auslösen. Wir müssen aber einfach auch mal versuchen, den Standpunkt zu wechseln. Wenn wir Angst gegenüber dem Fremden haben, sind wir nicht allein – ein ankommender Migrant, eine Migrantin haben auch Angst. Wenn wir diese Gemeinsamkeit als Ausgangspunkt einer Begegnung nehmen, entsteht aus Angst Kraft für Gemeinsames.

Was können denn lokale Pfarreien unternehmen, um Migranten zu integrieren?

Ich muss kritisch zurückfragen: Macht es denn Sinn, eine blühende aktive Migrationsgemeinde in eine schrumpfende, überalterte Schweizer Pfarrei zu integrieren? Müssen Migranten wirklich so werden wie wir? Können unsere Pfarreien nicht von ihnen lernen?

«Schweizer Pfarreien und Pastoralräume mit Migrationsgemeinden sollen gemeinsame Aktivitäten entwickeln, auf Augenhöhe.»

Ich bin für ein Miteinander, ein Geben und Nehmen: Schweizer Pfarreien und Pastoralräume mit Migrationsgemeinden sollen gemeinsame Aktivitäten entwickeln, auf Augenhöhe. Ich weise auf das Beispiel von Basel-Stadt hin. Hier werden die Seelsorgeräume mit den Migrations-Gemeinden im Gespräch gemeinsam neu organisiert. Jetzt sind die Gemeindeleiter und Pfarrer neu gleichberechtigte Partner auch der Migrationsgemeinden und arbeiten eng mit ihnen zusammen. Also nicht theoretisieren, sondern mutiger werden und etwas unternehmen, vielleicht kleine Schritte, aber etwas tun.

Sind katholische Migrationsgemeinden eigentlich autonom in der Gestaltung ihres Gemeindelebens?

Sie sind so autonom wie es unsere Ortspfarreien sind. Auch das Personal und die Infrastruktur der Migrationsgemeinden werden mit den Erträgen der Kirchensteuer finanziert: Das gilt, ob sie lokal – etwa für Italiener –, regional – Beispiel Albaner –  oder gesamtschweizerisch – Beispiel Vietnamesen –  ausgerichtet sind.

Etwas komplizierter sind die Ansprechpartner. Migrationsgemeinden haben viele Ansprechpartner, die in einem engen Austausch sein müssen: die Ortspfarrei, das zuständige Bistum, unsere Fachstelle «migratio», Heimatbistum wie auch die staatskirchenrechtlichen Strukturen. Diesen Austausch effizient zu organisieren ist nicht immer einfach.

Beat Baumgartner


Zum Weiterlesen:

Kirchen in Bewegung. Christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz, Edition SPI, St. Gallen, 250 S.

Siehe auch: https://kirchenstatistik.spi-sg.ch/


Facts & Figures

Gemäss Zahlen von «migratio» gab es Ende 2016 in den katholischen Bistümern der Schweiz 97 Migrationsgemeinden oder Missionen mit 95 Priestern in Voll- und 29 in Teilzeit sowie 44 Pastoralassistenten. Zudem kümmert sich eine Ordensschwester um die Philippinen in der Romandie, ein ausländischer Priester zusammen mit einem Theologiestudenten um Katholiken des griechischen Ritus und die ukrainischen Katholiken, ein Pastoralassistent um die Chinesen sowie ein eritreischer Priester um