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Elisabeth von Thüringen: Prophetische Solidarität   

Ein Leben voller Hingabe für die Armen

Nicht im Traum haben sich die Eltern bei Elisabeths Taufe 1207 wohl ausmalen können, dass ihre Tochter mit aller Konsequenz erfahren und leben wird, was ihr Name verheisst: «Mein Gott ist Fülle.»

Elisabeth von Thüringen mit Bettler, in Holz geschnitzt von Rudolf Moroder, Fassung von Christian Delago in der Pfarrkirche von St. Ulrich in Gröden. | © © Wolfgang Moroder

Elisabeths Leben allerdings war entbehrungsreich – sie entdeckt Fülle an einem unerwarteten Ort und erlebt sie darin, sich ganz zu geben.

Mit vier Jahren wird sie als Siegel für ein politisch vielversprechendes Bündnis von Ungarn an den Thüringischen Hof gegeben. So wird der Vertrag bekräftigt, der Böhmen, Habsburg, Ungarn, Bayern sowie die Bischöfe von Mainz, Magdeburg und Bamberg vereinen soll. Elisabeth erfährt früh, was es heisst, aus dem vertrauten Umfeld gerissen zu werden und als Migrantin auf unbekanntem Terrain Fuss zu fassen. In einer fremden Kultur wächst sie mit anderen Mädchen auf der Wartburg auf und lernt, eine Dame von Adel zu sein.

Ihr ist bestimmt, dereinst den zukünftigen und zehn Jahre älteren Landgrafen Hermann zu heiraten. Als Mädchen lernt Elisabeth spinnen, weben, sticken, nähen, musizieren, singen und tanzen, lesen und schreiben, reiten im Damensitz und vor allem «mâze»: gesittetes Benehmen, edles Auftreten, Verschwiegenheit, Schamhaftigkeit – standesgemässe Zurückhaltung in allem eben. Damit wird sich Elisabeth ihr Leben lang schwertun – sie, die in ihrer Liebe masslos war und sich selbst nicht zu schade im Einsatz für Bedürftige aller Art.

Konsequent im Lebensstil

Elisabeth ist bisweilen ein Wildfang, fröhlich und ungestüm und für die zukünftige Schwiegermutter Sophia von Wittelsbach nicht leicht zu bändigen. Andererseits prägt sie schon da eine tiefe Gottverbundenheit. Ihre Gefährtinnen erzählen später, sie hätte immer mal wieder mitten im Spiel innegehalten, die Stille der Kapelle gesucht und sich in Gottes Gegenwart gestellt. Offenbar hatte Elisabeth früh ein Gespür für dessen Präsenz in ihrem Leben und früh auch ein religiöses Empfinden. Man erzählt sich, dass sie in jungen Jahren einmal ihr kunstvoll gewundenes Kopftuch im Angesicht des Gekreuzigten abgelegt hätte, in Ehrfurcht vor dem Dornengekrönten.

Noch bevor Elisabeth mit vierzehn Jahren das heiratsfähige Alter erreicht, stirbt 1216 ihr Verlobter Hermann. Kurz darauf folgt ihm 1217 sein Vater, der glanzvolle Landgraf Hermann I., geistig umnachtet ins Grab. Ihrer Zukunft beraubt, regt sich in Hofkreisen Widerstand gegen Elisabeth: Manche – auch die regierende Witwe Sophia, die nun die Geschicke der Wartburg in Händen hält – möchten sie nach Ungarn zurückschicken.

Doch Elisabeth hängt am jüngeren Bruder ihres ehemaligen Verlobten: Ludwig. Und dieser, obwohl sieben Jahre älter, ist seinerseits ihr zugetan. Ludwig übernimmt die Führung am Hof und behauptet sich auf dem Thron. Sobald Elisabeth ihr vierzehntes Lebensjahr erreicht hat und damit volljährig ist, heiraten die beiden Liebenden. Ein dreitägiges Fest mit Spielen und Turnieren begleitet die Hochzeit.

Liebesheirat – im Mittelalter selten

Eine Liebesheirat ist im Mittelalter selten. Dass Ludwig und Elisabeth aus ihrer Zuneigung keinen Hehl machen, ungewohnt. Auch hier nimmt Elisabeth sich die Freiheit, ihrem Herzen den Vorrang zu geben. Elisabeth findet in ihrem Lieben doppelte Erfüllung: in Ludwig, ihren irdischen Liebhaber und in Christus, den geliebten Sohn Gottes. Ihre Jugendgefährtin Guda erzählt, sie habe Elisabeth bisweilen nachts wecken müssen. Dann sei jene aus dem warmen Ehebett geschlüpft und habe in der Kälte der Nacht in innigster Gottverbundenheit gebetet. Bis zum frühen Tod Ludwigs wird Elisabeth zwischen diesen beiden Lieben eingespannt sein.

Ihr Ehegatte ist viel unterwegs, sein grosses Thüringisches Reich muss verwaltet und gesichert werden. Das lässt Ludwig tage- und wochenlang von der Wartburg wegbleiben. Dennoch ist den Eheleuten früh Kindersegen beschieden: Noch nicht 15-jährig, bringt Elisabeth 1222 ihr erstes Kind Hermann zur Welt. Sie tut es auf ihrem Lieblingsschloss, der Creuzburg, in Ludwigs Abwesenheit. Gleich nach der Geburt bringt Elisabeth ihren Sohn nicht wie eine Hochadelige, sondern barfuss und in ein schlichtes Wollkleid gehüllt, zur Taufe in die nahe Pfarrkirche hinab.

Elisabeth ist bewegt und inspiriert von der neuen Armutsbewegung, die auch Thüringen und Sachsen erreicht hat. Bald darauf kommen die ersten Franziskaner in Eisenachs Umgebung an und einer von ihnen, Bruder Rüdiger, wird Elisabeths Vertrauter. Dass sich Elisabeth beseelen lässt vom Armutsideal der Brüder, zeigt auch ihr Verhalten bei Hof und am Tisch. Sie trägt im Gottesdienst keinen kostbaren Schmuck und sie verweigert Speisen, von denen sie nicht weiss, woher sie kommen oder unter welchen Umständen sie gewonnen wurden.

Wirtschaftlich wach und politisch mutig

Auf den Erstgeborenen Hermann folgt zwei Jahre später 1224 Sophie, die erste Tochter. Im selben Jahr wird Thüringen von heftigen Stürmen heimgesucht, die die Getreideernte zerstören. Das Volk leidet Hunger. Elisabeth zeigt sich wirtschaftlich wach, bezahlt den Verarmten offene Schulden und besorgt ihnen brauchbares Werkzeug, um die Felder möglichst rasch wieder zu bestellen.

Nur zwei Jahre später gibt es in Thüringen eine weitere Hungersnot. Ludwig weilt in Italien und Elisabeth ist erneut für die Geschicke des Landes verantwortlich. Sie bekämpft spekulierende Grossbauern, indem sie gegen den Widerstand am Hof die eigenen Getreidespeicher öffnen lässt und die für Kriegszeiten zurückgelegten Vorräte an die hungernde Bevölkerung verteilt. Am Fusse der Wartburg errichtet sie ausserdem ein Hospital, das sie selber dann und wann besucht. Damit verstösst sie wiederholt gegen die höfischen Gepflogenheiten. Ludwig steht dabei hinter seiner Frau, lässt sie gewähren und verteidigt sie gegen die Anfeindungen der eigenen Familie am Hof.

Solidarisch im Alltag

Elisabeth zeigt sich sensibel für Arme, gibt selbst Almosen und teilt, was sie hat. Sie weicht auch vor Aussätzigen nicht zurück und lenkt den Blick auf die Ausgestossenen am Rande. Manchmal legt sie gar selber Hand an und wäscht Kranke oder besucht Wöchnerinnen in ihren Hütten.

Die Wolle, die sie spinnt, gibt sie an die Franziskaner weiter für die Armen. Elisabeths Solidarität im Alltag wird am Hof zunehmend zum Problem. Sie brüskiert den Adel immer wieder und ist als lebendiges Mahnmal für die herrschende Klasse eine Zumutung. Dennoch setzt Ludwig sie als verantwortliche Regentin ein, als er 1227 zum Kreuzzug aufbricht und damit einem geleisteten Gelübde Folge leistet.

Elisabeth ist zu diesem Zeitpunkt mit ihrem dritten Kind schwanger. Sie lässt es sich nicht nehmen, ihren Gatten beim Aufbruch bis nach Schmalkalden zu begleiten, wo die beiden definitiv Abschied nehmen müssen. Es wird ein Abschied für immer sein. Ludwig kehrt vom Kreuzzug nicht zurück, er stirbt noch in Italien an einer Seuche.

Geschwisterlich prophetisch

Erneut vor dem Nichts hat Elisabeth keine Verbündeten mehr auf der Wartburg. Ihr Schwager Heinrich Raspe übernimmt die Regentschaft anstelle des fünfjährigen Hermann II. und macht Elisabeth ihr Witwengut streitig. Sie verlässt die Wartburg im eskalierenden Konflikt, noch planlos, mit ihren Gefährtinnen Guda, Isentrud und ihrem dritten Kind Gertrud. Sie finden vorübergehend Unterkunft in einem früheren Schweinestall. Hermann und Sophie bleiben zunächst auf der Wartburg, werden dann aber von dort vertrieben und zu Elisabeth gebracht. Mitten im Winter dem Schicksal überlassen, ist sie gezwungen, ihre älteren Kinder bei Verwandten in Sicherheit zu bringen, während sie den Säugling Gertrud bei sich behält.

Mit Hilfe ihrer eigenen Familie, ihres Beichtvaters Konrad von Marburg und zurückkehrender Gefährten Ludwigs gelingt es, dass Elisabeths ältere Kinder auf die Wartburg zurückkehren können und dort standesgemäss ausgebildet werden. Gertrud wird mit anderthalb Jahren ins Kloster Altenberg gegeben, so haben es Ludwig und Elisabeth einer Adelssitte folgend versprochen. Elisabeth selbst erhält Stadt und Schloss Marburg als Witwengut.

In die Burg zieht sie allerdings nie ein, sondern lässt sich den Gegenwert in Gulden auszahlen und baut damit am Rand der Stadt nach Gotha 1223 und Eisenach 1225 ihr drittes Hospital. Von Anfang an lebt Elisabeth in den Niederungen des aufstrebenden Marburg an der Lahn. 1228 wird der Hospitalbau aus Lehm und Holz Franziskus geweiht, der kurz zuvor heiliggesprochen wurde. Elisabeth gelobt, fortan als Schwester in der Welt zu leben und dient in ihrem Hospital zusammen mit Gefährtinnen den Kranken und Armen bis zu ihrem Tode. Auf der Schattenseite der Stadt Marburg und am Ort, wo sich die Nöte der Menschen gehäuft sammeln, stirbt die Landgräfin 1231 nur 24-jährig, von massloser Hingabe ausgezehrt.

Nadia Rudolf von Rohr