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Jasmin El Sonbati – Engagement für einen modern Islam   

Biografie einer Muslimin

Jasmin El-Sonbati mit dem Kapuziner Bischof Paul Hinder. | © © Adrian Müller

Mit wehendem rotem Haar und ärmellosem, hellblauen Kleid erwartet sie mich am vereinbarten Treffpunkt in Basel: Der Look von Jasmin El Sonbati entspricht ihrer Haltung: Sie will den Islam auf eine moderne, zeitgenössische Art leben und auch andere Muslime dazu einladen.

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Dazu hat Jasmin El Sonbati viel Gelegenheit, denn sie ist nach eigener Aussage eine «Islamreisende» durch die Schweiz geworden, seit 2010 ihr erstes Buch erschienen ist: «Moscheen ohne Minarett. Eine Muslimin in der Schweiz».

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Mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem Werdegang entlarvt sie das Stereotyp von der unterdrückten, ungebildeten Muslima. Geboren wurde Jasmin El Sonbati 1960 in Wien als Tochter einer vom Land stammenden, katholischen Österreicherin und eines muslimischen Pharmaziestudenten ländlicher Herkunft aus Ägypten. Die junge Familie zog bald nach Kairo, wo der Vater eine Anstellung in einer staatlichen, pharmazeutischen Firma fand. Zusammen mit einem jüngeren Bruder wuchs das aufgeweckte Mädchen in einem aufgeschlossenen, multikulturellen und multireligiösen, mittelständischen Milieu auf.

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Jasmin El Sonbati besuchte in Kairo als Muslima eine von katholischen Schwestern geführte Privatschule. Religion spielte in ihrer Herkunftsfamilie eine nur marginale Rolle, sowohl für den Vater wie die Mutter, die aus praktischen Gründen zum Islam konvertiert hatte.

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Als sie elf Jahre alt war, entschlossen sich die Eltern aus wirtschaftlichen Gründen dazu, in die Schweiz zu ziehen. Jasmin und ihr Bruder wurden herausgerissen aus einem in jeder Hinsicht warmen und vertrauten Umfeld. Sie sei anfangs in der Schweiz vor allem über den Mangel an Gastfreundschaft schockiert gewesen.

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Dafür rebellierte sie als Jugendliche gegen die sehr konservativen Regeln ihrer Eltern punkto Ausgang, Kleider, Umgang mit Jungen – diese Strenge habe ihre Wurzeln sowohl in deren ländlicher Herkunft wie im Islam und im Katholizismus gehabt.

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Während der jährlichen Ferien in Ägypten habe sie dann die unter Präsident Anwar as-Sadat beginnende Re-Islamisierung beobachten können, von der auch die eigene Verwandtschaft zum Teil erfasst wurde, zum Beispiel Cousinen, die plötzlich Kopftuch trugen.

Ihr eigenes, sich vertiefendes Interesse am Islam sei anfangs eigentlich eine Art pubertäre Protestreaktion gewesen, sagt die Wahl-Baslerin lachend. Sie wollte sich ihre Religion selbst aneignen und der Islam wurde auch für ihre Identitätsfindung immer wichtiger.

Nach dem Gymnasium entschied sich die junge Frau für ein Studium der Romanistik; aus Interesse und Freude an den Kulturen und Sprachen der lateinischen Welt. Heute in ihrem Beruf als Gymnasiallehrerin ist ihre religiöse Zugehörigkeit nur am Rande Thema. Denn es ist ihr auch ein zentrales Anliegen, dass sie selbst und überhaupt alle Menschen nicht auf ihren religiösen oder kulturellen Hintergrund reduziert, sondern je in ihrer vielschichtigen Persönlichkeit wahrgenommen werden.

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Jasmin El Sonbati wurde im Laufe der Zeit in ihrer religiösen Haltung immer feministischer und progressiver. So gehörte die engagierte Frau 2004 zu den Mitbegründerinnen des Forums für einen fortschrittlichen Islam, das eine inner-islamische, kritische Debatte anstossen will. Unbequem kritisch ist ihr Blick auf die meist konservativen Moscheevereine und insbesondere auf die fundamentalistischen Strömungen, die von diesen Vereinen, wenn nicht gar gefördert, dann doch oft unterschwellig toleriert werden.

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2013 hat Jasmin El Sonbati, unterstützt von Elham Manea und Kerem Adigüzel, die Gruppe «Offene Moschee Schweiz» ins Leben gerufen. Ziel ist, zu inklusiven Gebetsanlässen einzuladen, wo Frauen als Vorbeterinnen amtieren und Männer und Frauen nebeneinander im gleichen Raum beten. Hier sind alle Menschen willkommen, unabhängig von ihrer sexuellen und religiösen Orientierung, also auch Nichtmuslime und Nichtreligiöse. Unterdessen haben in Bern, Zürich und Basel solche inklusiven Gebetsanlässe stattgefunden.

El Sonbati hat die Vision eines zeitgemässen, modernen Islam, in dem das Individuum im Zentrum steht. Es entscheidet selbst, nach welcher Religionsauslegung es leben will und hat auch die Freiheit, sich abzuwenden vom Glauben. Und es sei eine totale Abkehr nötig von Inhalten in Koran und Tradition, die frauenverachtend und gewaltfördernd seien. Nötig sei ein Islam, der solidarisch und positiv auf die Gemeinschaft einwirke, was auch urislamischen Werten entspreche.

Irene Neubauer


Zum Weiterlesen: Jasmin El Sonbati: Gehört der Islam zur Schweiz? Persönliche Standortbestimmung einer Muslimin, Basel 2016, ISBN 978-3-7296-0940-2.