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«Die Sache mit den Minaretten war für mich die totale Depression»   

Die Situation der jungen Muslime in der Schweiz

Wer sind junge Musliminnen und Muslime in der Schweiz? Wie sind sie integriert? Und nicht zuletzt: Was bedeutet es für sie, Muslimin oder Muslim zu sein? Ein Forschungsprojekt geht diesen Fragen nach.

«Nun – seid Ihr wirklich alles Muslime?» | © Quelle: Nida-E. Ajmi, © Tangram 40 EKR

In der Schweiz leben derzeit etwa 450»«000 Menschen mit muslimischem Hintergrund. Rund ein Drittel davon sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Die allermeisten von ihnen wurden in der Schweiz geboren oder haben zumindest einen grossen Teil ihres Lebens in der Schweiz verbracht. Sie sind Teil der Schweizer Gesellschaft und Gegenstand eines vehement geführten gesellschaftspolitischen Diskurses. Nichtsdestotrotz ist wenig Wissen über sie und ihre Lebenswelten vorhanden.

Vielfältige Realität – einheitliche Wahrnehmung

Ein näherer Blick zeigt, dass es sich bei den in der Schweiz viel diskutierten «jungen Musliminnen und Muslimen» um eine äusserst vielfältige und heterogene Gruppe handelt. Dies gilt für ihre geographische und soziale Herkunft, für ihren Bildungshintergrund und natürlich auch für ihren Bezug zur Religion. Für die einen, die so genannten «Kulturmuslime» unter ihnen, bedeutet «Muslimsein» nicht mehr als ein äusserst diffuser biographischer Hintergrund, zu dem es im Alltag kaum mehr Berührungspunkte gibt. Von Religiosität und gelebter religiöser Praxis keine Spur. Andere wiederum – und sie stellen sicherlich die grosse Mehrheit dar– praktizieren ihre Religion äusserst situativ und selektiv.

Lediglich ein kleiner Teil weist tatsächlich einen starken Bezug zur Religion wie auch eine umfassende religiöse Praxis auf. Alle eint jedoch trotz der skizzierten Unterschiede der Umstand, dass Sie aufgrund ihres Namens, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens als Musliminnen und Muslime wahrgenommen werden und man ihnen als solche begegnet. Im Idealfall neugierig, im Normalfall, laut vielen Schilderungen, immer wieder mit Argwohn oder gar Abneigung.

Kurzum: Muslimsein ist für junge Menschen mit muslimischem Hintergrund mehr als das eigene religiöse Selbstverständnis und die eigene religiöse Praxis. Muslimsein ist auch immer eine Zuschreibung von aussen, eine (Teil-)Identität, die man ungefragt und oftmals unreflektiert zugewiesen bekommt.

Integration und Grosswetterlage

Obwohl in der Schweiz aufgewachsen, wird Integration von vielen der in der Schweiz lebenden jungen Muslime als Herausforderung wahrgenommen und als solche beschrieben. Ein Bewusstsein darüber, dass es unter den Muslimen in der Schweiz Integrationsdefizite gibt, ist bei ihnen selbst immer wieder vorhanden.

Für die unter der derzeitig vorherrschenden Grosswetterlage lebenden jungen Musliminnen und Muslime ist die «gefühlte Temperatur», so ihre Schilderungen, manchmal eisig. Das Minarettverbot im Jahr 2009 war dementsprechend sicherlich ein frostiger Tiefpunkt, die bevorstehende «Burka-Initiative» wird wohl ein Übriges tun. Auch wenn junge Musliminnen und Muslime im Alltag neben negativen immer wieder auch positive Erfahrungen machen und sich insbesondere über die Chancen und Möglichkeiten eines Lebens in der Schweiz gerade auch im Vergleich zum Herkunftslands bewusst sind und diese zu schätzen wissen: Das Gefühl einer negativen, ablehnenden Stimmung begleitet sie dann doch immer wieder als Grundton durch ihren Alltag. Sicherlich trägt auch dazu bei, dass viele der in der Schweiz geborenen oder sozialisierten jungen Musliminnen und Muslime sich zwar als Teil der Schweiz sehen, nicht jedoch als wirklicher Teil der Schweizer Gesellschaft.

Das Verständnis, aufgrund ihres Migrationshintergrundes und ihrer Religion Teil einer Minderheit zu sein und nicht richtig dazuzugehören, ist weit verbreitet. Staat und Gesellschaft werden immer wieder als Herausforderung empfunden, gerade wenn es um Fragen der Religion und der religiösen Praxis geht. Dies führt schliesslich zu Identitätszuschreibungen, die neben dem Schweizerischen auch stets das Fremde oder Andere hervorheben. Somit hinkt das Gefühl der Zugehörigkeit zur Schweiz der wirklichen Integration in Schule, Arbeitswelt und Freizeitbereich deutlich hinterher. Nichtsdestotrotz sieht der überwiegende Grossteil der jungen Muslime ihre Zukunft in der Schweiz und wünscht, Teil einer Schweizer Normalität werden zu wollen.

Jürgen Endres


Jürgen Endres ist Forschungsmitarbeiter am Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern und forscht dort zu muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz.


Forschungsergebnisse
Die ersten Ergebnisse der Studie «Imame, Rapper, Cybermuftis» sind im Forschungsbericht «Hallo, es geht um meine Religion» veröffentlicht. Sie findet sich im Internet unter: https://bit.ly/2L32PQh