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Der Körper ist untrennbar mit unserer religiösen Praxis verbunden   

Eine Stütze des Lebens

Der Körper ist eine Stütze des Lebens: Ob er nun auf einzigartige Weise betrachtet wird – wie in den monotheistischen Religionen – oder repetitiv – wie in den Traditionen Asiens; immer ist er ein klar ausgerichtetes Element, um das herum Religionen aufgebaut und platziert wurden. Die Betrachtung des Körpers dreht sich dabei immer um die Pole der Ritualisierung und Kontrolle.

Mit einer Waschung stellt ein gläubiger Muslim vor dem Gebet die rituelle Reinheit wieder her.
Reinigungsrituale sind in allen grossen Religionen verbreitet. Im Bild Hindu-Pilger.

Die Gottheiten der Antike wie jene Indiens besitzen einen Körper, der jenem des Menschen gleich ist. Im Hinduismus etwa geht es darum, die Götter mit ihren verschiedenen Erscheinungsweisen (wie Parvati, Durga, Kali oder Vishnu, Rama, Krishna) durch tägliche Opfergaben zu erfreuen. Damit soll die göttliche Welt in einer Gelassenheit erhalten werden, die positiv auf die menschliche Welt ausstrahlt und so deren Chaos vermeidet. Diese göttliche Körperlichkeit steht ganz im Gegensatz zur monotheistischen Vorstellung von einem immateriellen und nicht darstellbaren schöpferischen Gott. Was die Inkarnation betrifft, so ist die Position des Christentums mehrdeutiger als jene des Judentums und des Islam. Diese dehnen das Verbot, den Körper darzustellen, traditionell auf alle menschlichen Darstellungen aus, obwohl im Laufe der Geschichte dieses Verbot flexibel interpretiert wurde (Spätantike und jüdische Kunst des 19. Jahrhunderts, persische Miniaturen und Mogule).

Der Reichtum der christlichen Statuen und der Ikonographie unterstützt so die Gläubigen beim Gebet und der Kontemplation. Ebenso ist im populären Buddhismus der Körper des Buddha, sichtbar in unzähligen Statuen, Gegenstand tiefer Hingabe. Buddhismus und Christentum kennen zudem die Anbetung von Reliquien und binden damit direkt körperliche Elemente in religiöse Vorbilder ein.

Die Ritualisierung von Körpern

Religionen sind bestrebt, die Körper ihrer Gläubigen als Zeichen der Zugehörigkeit zur Gruppe zu kennzeichnen. Dafür ist etwa die männliche Beschneidung im Judentum ein klares Beispiel, wo ein Individuum den Bund mit Gott besiegelt. Die Beschneidung stellt so einen wesentlichen Schritt in der jüdischen Identität dar. Auch der Islam, wenn auch nicht direkt im Koran, empfiehlt sie eindringlich. Im Hinduismus wird die menschliche Existenz durch eine Reihe von Ritualen unterbrochen und der Körper entsprechend seinem Geschlecht und seiner sozialen Zugehörigkeit geformt. Zu dieser religiösen «Markierung» gehören Vorschriften für Haare. Auch der Islam empfiehlt, dass Menschen Scham- und Achselhaare entfernen. Was den Bart betrifft, ein Attribut des erwachsenen Mannes, so rät der Islam, ihn in Anlehnung an den Propheten zu tragen. Im Buddhismus beziehen sich die rasierten Köpfe von Nonnen und Mönchen auf den Kampf gegen die Bindung.

Damit dieser «religiöse Mensch» seine Verpflichtungen erfüllen kann, muss er sich in einem Zustand der Reinheit befinden. Hindus, Muslime und in geringerem Masse auch Juden folgen komplexen Vorschriften, die darauf abzielen, einen Zustand der Verunreinigung zu beseitigen. Diese wird durch Ausflüsse aus dem Körper oder durch den Kontakt mit vermeintlich unreinen Elementen (Leiche, unreines Tier, Frau in der Menstruation ...) hervorgerufen.

Tägliche Rituale wie das Gebet stärken die Körper: Schwankende Bewegungen im Judentum, Kniebeugen und manuelle Zeichen im Christentum, eine Abfolge von Niederwerfungen und Stehen oder Sitzen im Islam und im Buddhismus. Ganz zu schweigen von der Stimme, die auch durch Rezitationen, Beschwörungen und Lieder angerufen wird. Der Körper unterstützt Meditations- und Atemtechniken, er ist zentral für Yoga-Übungen sowie für die getanzten Rituale des Himalaya-Buddhismus, die sich ebenfalls in den Körperpraktiken des Dhikr bei den Sufis, den Tänzen am jüdischen Feiertag Simchat Tora und in den charismatischen Tänzen widerspiegeln.

Darüber hinaus werden die Körper der Gläubigen während der Pilgerfahrten auf die Probe gestellt: Müdigkeit, Leiden, langes Schreiten, manchmal auf den Knien (Fatima, Kaïlasch, Adam’s Peak in Sri Lanka), Schwierigkeiten aufgrund klimatischer Bedingungen, schmerzhafte Umrundungen um heilige Orte wie in Mekka.

Körperliche Fixiertheit auf Schmerzen

In eher unerwarteten Zeremonien wie etwa den freiwilligen Kreuzigungen während der Karwoche auf den Philippinen erreicht die «körperliche Dramaturgie» ihren Höhepunkt. Diese körperliche Fixiertheit auf Schmerzen findet sich in einigen spektakulären tamilischen Riten, bei denen Anhänger eine schwere Ladung mit Haken in ihrem Fleisch ziehen, oder in der zeitgenössischen muslimischen Martyrologie. Viele andere religiöse Erfahrungen beziehen sich auf die Mobilisierung des Körpers: die Phänomene der Ekstase und mystischen Freude, die man im indischen Tantrismus, bei Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz sowie bei den persischen Mystikern Hallaj und Rumi findet.

Wie aber kontrollieren die Religionen den Verzehr von Fleisch, eigentlich eine Tätigkeit am Rande des Intimen? – Im Blickpunkt stehen besonders die Sexualität und Ernährung. Letzteres beeinflusst das, was wir aufnehmen und könnte unseren Körper verunreinigen. Das führt zu einer langen Reihe von Verboten, die den Verzehr von bestimmtem tierischem Fleisch (Hinduismus, Judentum, Islam) sowie berauschende Getränke (Hinduismus, Buddhismus, Islam) betreffen.

Religionen befassen sich stark damit, wie der geschlechtsspezifische und sexualisierte Körper kontrolliert werden soll. Sie verlangen die Verhüllung von Körperteilen, die als ungehörig empfunden werden, weil sie die Sinne wecken könnten. Die Begriffe Tzniut (Judentum) und Hechma (Islam) – allgemein übersetzt als «Bescheidenheit» – legen strenge Regeln fest, die sich in erster Linie an Frauen richten. Genauer gesagt geht es darum, eine symbolische oder physische Grenze zwischen dem männlichen und dem weiblichen Körper zu ziehen. Kleider spielen darin eine grosse Rolle, etwa bei muslimischen Frauen, aber auch bei ultra-orthodoxen Juden. In die gleiche Richtung gehen heute die Ratschläge einiger evangelikaler Gemeinschaften oder von nationalistischen Hindus, ebenso die sexuelle Segregation in Synagogen oder Moscheen.

Zudem verurteilen spezielle Verhaltenskodexe (Manu-Gesetze im Hinduismus, Halacha im Judentum, Scharia im Islam, kanonisches Recht im Katholizismus) sexuelles Fehlverhalten und beschränken die Ausübung der Sexualität auf die Ehe. Im Judentum und Islam wird sie speziell normativ aufgewertet und definiert. Im Christentum und Buddhismus setzen Exegese und Traditionen die Grenzen.

Mittel und Bremse auf dem Weg zur Befreiung

Für die Religionen Indiens ist der Körper sowohl Mittel als auch Bremse auf dem Weg zur Befreiung. Hinduistische Asketen versuchen darum, sich vom Körper zu befreien, indem sie ihn domestizieren. Der Buddhismus andererseits, der extreme Verhaltensweisen vermeidet, empfiehlt seinen Ordensleuten, sich nicht an das Materielle zu binden, da der Körper, wie alles andere auch, durch das Siegel der Unbeständigkeit gekennzeichnet ist. Die monotheistischen Religionen verlangen die Achtung vor dem physischen Körper und seiner Integrität, zumal er auferstehen wird. Darum beispielsweise ist Selbstmord unangebracht.

Wenn man alle diese Aspekte der Körperproblematik weiterbearbeitet, tauchen sehr aktuelle Fragen zu Bioethik, Homo- und Intersexualität auf, aber auch zur Entwicklung von Ritualen und religiösen Wahrnehmungen in den multikulturellen Gesellschaften. So ist unser Körper untrennbar mit der religiösen Praxis verbunden. Er ist auch ein Ort der spirituellen Erfahrung und gibt den Religionen eine «fleischlichere», sinnlichere – kurz gesagt – eine mehr menschliche Dimension.

Nadine Weibel (ehemalige Mitarbeiterin des Instituts für Religionswissenschaft an der Uni Fribourg)