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Franz von Assisi – Achtsam aus Liebe zur Schöpfung   

Von der Wirkung einer existenziellen Erschütterung

Franz von Assisi hat sich erst durch eine persönliche existenzielle Erschütterung mit Fragen der Nachhaltigkeit und Achtsamkeit zu beschäftigen begonnen. Grundlegend wurde für ihn eine tiefe spirituelle Beziehung zur Umwelt und zu der Schöpfung Gottes.

Vogelpredigt des heiligen Franziskus im Sacro Convento, Assisi | © © tauav
Kontemplation ist wichtig für eine neue Beziehungsfähigkeit des Menschen zur Natur. | © © tauav

Abfallhalden gab es schon im Mittelalter. Sie häuften sich vor Stadtmauern, Burgen und Klosteranlagen. Der meisterhafte Film «Der Name der Rose» zeigt, wie die Mönche eines Bergklosters ihren Müll entsorgen: Gemüsereste, faule Früchte, alte Kleider, Fischgräte und tote Tiere werden durch eine Klappe den Abhang hinuntergekippt, wo Frauen und Kinder naher Bauerngehöfte sie nach Brauchbarem durchwühlen. Heute noch sind solche Szenen auf Müllkippen Süditaliens und Ägyptens, Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu beobachten, wobei es nun Städte und Gemeinden sind, welche die moderne Wegwerfkultur prägen.

Es brauchte eine existentielle Erschütterung
Franz von Assisi hat als Luxuskaufmann kaum gefragt, was mit dem Abfall seiner Familie, dem Mist seines Pferdes und der Hinterlassenschaft seiner nächtlichen Feste geschah. Achtsamkeit erwachte sozial und ökologisch erst im Gefolge existenzieller Erschütterungen: Ein desaströser Kriegszug, ein Jahr Kriegsgefangenschaft und eine schwere Krankheit veränderten den Blick für die Welt. Der junge Modefachmann, Mitglied der führenden Zunft und weiterhin umschwärmt, entdeckt die Schattenseiten Assisis: das prekäre Leben der Arbeiterfamilien, die Not der Bettler an den Stadttoren und das Elend der Aussätzigen.

Wer an Lepra erkrankte, wurde hartherzig aus der Stadt verbannt: Durch eine Art Bestattungsfeier verstiess man Leprose und verbot ihnen, sich der Stadt künftig zu nähern. Ob Mutter einer Familie oder vornehmer Ritter, Lepra bedeutete für Menschen von heute auf morgen den sozialen Tod und das Siechen als «Ausgesetzte».

Erfahrungen mit Aussätzigen bewegten Franziskus, die Seiten zu wechseln. Er liess sich enterben und zog vor die Stadtmauern. Dort lebte er zunächst mit Randständigen und baute eine desolate Landkirche auf, die ihn mit der Ikone des «armen Christus» überrascht hatte. War er als Juniorchef im familiären Handelshaus Mitbesitzer von fünf Häusern in Assisi, lebte der «Poverello» künftig freiwillig ohne Besitz und ohne feste Bleibe. Indem er seine neue Berufung in der Friedenssendung der Jünger Jesu erkannte, wurde er zu einem neuen Wanderapostel, zog bald durch ganz Italien, nächtigte in Hospitälern, Kirchen und Höhlen, erlebte sich als Teil der Schöpfung und fühlte sich den Lerchen verwandt: schlicht gekleidet, mit wenig Nahrung zufrieden und frei, um sich zum Himmel zu erheben und auf Erden das Lied auf den Schöpfer zu singen.

Materiell anspruchsloses Leben
Die sich anschliessenden Brüder und Klaras Schwestern führten ein materiell anspruchsloses Leben. Sie erarbeiteten sich das Notwendige, teilten sich alle Güter und zeigten sich den Bedürftigen solidarisch. Ein Ereignis in Rom steht illustrativ für das sozial wie ökologisch sensible Leben der jungen Bewegung. Als Franziskus einmal in der Ewigen Stadt weilte, lud ihn Kardinal Hugo aus dem Grafengeschlecht der Segni zum Essen ein. Der «Bischof und Herr von Ostia» präsentierte den berühmten Bruder dabei seinen gräflichen Verwandten und nahestehenden Prälaten. Eine reiche Tafel wurde gedeckt, um die sich die Herren zur Mittagszeit einfanden. Doch in der Gesellschaft der Grafen und Exzellenzen schien der kleine Bruder sich nicht wohl zu fühlen. Er verliess den Ehrenplatz an der Seite des Gastgebers, entschuldigte sich für kurze Zeit, stieg hinunter in die Gasse und setzte sich unter die Bettler, die draussen Speisereste für ihr Mittagsmahl erbaten. Wie sich auch in Franziskus’ Holznapf Brotrinden und Gemüsereste sammelten, kehrte er in Kardinal Hugos Runde zurück, teilte jedem Gast etwas von den Gaben zu und nahm dann wieder Platz.

Franziskus gab sein verschwenderisches Leben nicht auf, um asketisch zu leben. Er blieb lebensfroh und lehnte es ab, die alten Fastenregeln der Mönchsklöster in seine Ordensregel aufzunehmen: Mit Jesu Rat an die Jünger rief er seine Brüder vielmehr auf, alles zu essen und zu geniessen, was Menschen ihnen anboten. Die Episode in Rom macht jedoch deutlich, wozu ein achtloses Leben Privilegierter führen kann: Soziale Wachheit verbindet, während individueller Luxus trennt; ein materiell achtsames Leben lehrt auch Reste wertzuschätzen, die andere achtlos entsorgen; Franziskus überwindet solidarisch die Kluft zwischen der reichen Tafel des Kardinals und den Bettlern vor dessen Türe. Dabei erinnert er die reiche Kirche mutig ans Evangelium, denn den Anklang an die Erzählung vom Prasser und vom armen Lazarus kann der Kardinal in der peinlichen Szene kaum überhören.

Im Sonnengesang, den Franziskus gegen Ende seines Lebens dichtet, verdeutlicht sich die Grundhaltung, die den Heiligen in der Moderne zum Patron des Umweltschutzes machte: Der Mystiker singt «mit und für alle Geschöpfe» einen Lobpreis auf Gottes Güte, die sich in der ganzen Schöpfung zeigt. Papst Johannes Paul II. hat den mittelalterlichen Mystiker 1979 nicht deswegen zum Patron der Ökologie ernannt, weil er konkrete Handlungsanweisungen für den Umgang mit der Mitwelt gäbe. Wegweisend ist vielmehr die Grundhaltung, mit der Franziskus der geschaffenen Welt begegnete.

Der erste Biograf kennzeichnet die Schöpfungsliebe des Poverellos wie folgt: «Dieser glückliche Wanderer hatte seine Freude an den Dingen, die in der Welt sind. Er sah die Welt als klaren Spiegel von Gottes Güte. In jedem Kunstwerk lobte er den Künstler. Was er in der geschaffenen Welt fand, führte er zurück auf den Schöpfer. Er pries in allen Werken die Hände des Herrn, und durch das, was sich seinem Auge an Lieblichem bot, schaute er hindurch auf den Urgrund und die Lebensquelle aller Dinge. Er erkannte im Schönen den Schönsten selbst. Alles Gute rief ihm zu: ‹Der uns erschaffen hat, ist der Beste.›»

Im Sonnengesang, der eigentlich «Lob der Geschöpfe» heisst, preist Franziskus die Sonne als Gleichnis Gottes, weil sie mit Licht, Energie und Kraft vielfältiges Leben auf Erden weckt. «Mond und Sterne» stehen «leuchtend, kostbar und schön» am Himmel. «Wind und Luft» tragen im Wechsel des Wetters zum Wohlbefinden aller Geschöpfe bei, ebenso wie «Schwester Wasser, die vielfältig nützlich, schlicht, kostbar und rein ist». «Bruder Feuer erleuchtet die Nächte» in Herdfeuern, Lampen und beim Lagern draussen, und der Dichter ermutigt Menschen, selber feurig zu sein, «schön, lebhaft, heiter und stark». «Schwester Mutter Erde» schliesslich weckt die Freude und den Dank des Sängers, weil sie alle Geschöpfe «trägt und ernährt, und vielfältige Frucht hervorbringt, Blumen und Kräuter». Auch Klara von Assisi ruft ihre Schwestern auf, allen Geschöpfen mit wachem Sinn zu begegnen: Wo immer sie «schöne Bäume, Blüten und Blätter sehen», ebenso «Menschen oder andere Geschöpfe»: immer sollen ihre Schwestern «für alles und und in allen Dingen Gott loben».

Franziskus von Rom hat seine Umweltenzyklika «Laudato si» (LS) nach dem Leitmotiv benannt, dass sich durch das mittelalterliche Schöpfungslied des Poverellos zieht (siehe auch Beitrag S…). Dieses wird denn auch auf den ersten Seiten des Rundschreibens zitiert. Für den Papst zeigt das Beispiel des Franz von Assisi: Ebenso wichtig wie das konkrete ökologische Handeln im Alltag, eine entschlossene Umweltpolitik auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene sowie eine neue Öko-Erziehung ist eine grundlegende spirituelle Umkehr. Die Welt hat nur Zukunft, wenn Menschen sich neu mit allen Wesen auf Erden verbinden. Dazu muss die Trennung fallen, mit der die Aufklärung menschlichen Subjekten alles Geschaffene in der Welt als Objekte zur Verfügung stellt. Papst Franziskus unterstreicht dazu, wie wichtig Kontemplation ist, die eine neue Beziehungsfähigkeit zwischen Menschen und Geschöpfen ermöglicht (LS 238-240).