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Das Meer ertrinkt im Plastikmüll   

Ein ungelöstes Müllproblem

Die Klimaerwärmung durch den Anstieg der Treibhausgase ist in aller Munde. Dabei geht fast vergessen, dass die wachsende Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik ebenso dramatisch ist. Derzeit gibt es keine Hinweise, dass sich der weltweite Anstieg der Plastikproduktion verlangsamt. Ertrinken wir im Kunststoffmüll?

Milliarden von weggeworfenen Plastikteile sammeln sich in den Meeren. | © © Justin Hofman/Greenpeace
Nur der wenigste Plastikmüll in den Meeren, etwa 1%, schwimmt sichtbar an der Oberfläche. | © © Joerg BöthlingSauberes Meer mit unberührten Stränden, Erholung und Spiel im Sand – wer träumt nicht von dieser Idylle, die immer mehr zerstört wird. | © © Adrian Müller

Als vor rund anderthalb Jahren Greenpeace-Aktivisten in der philippinischen Hauptstadt Manila eine Strandsäuberungsaktion durchführten, waren sie konsterniert: Auf 1200 Quadratmetern, der Fläche eines grösseren Einfamilienhauses, fanden sie 54’000 Stück Plastikmüll: Zahnbürsten, Verpackungen, PET- und Shampooflaschen, Trinkhalme und Löffel. «Vor lauter Plastik sahen unsere Aktivistinnen und Aktivisten den Strand darunter nicht mehr», schreibt dazu Greenpeace-Mediensprecher Yves Zenger.

Wunderstoff?
Seien wir ehrlich: Wir alle brauchen täglich Plastik. Pro Jahr wirft jeder Schweizer über 100kg davon in den Mülleimer, gebraucht oft nur für Sekunden – wie eine Einkaufstüte – oder ein paar Minuten – etwa ein Trinkbecher. Tatsächlich ist ein Leben ohne Plastik heute fast undenkbar, denn Plastik ist ein vielseitig verwendbarer Stoff. Es ist leicht, günstig, formbar, hygienisch, geruch- und (oft) farblos sowie langlebig. Es wird vor allem als Verpackungsmaterial, im Bau, in Autos und der Elektronik verwendet. Die weltweite Produktion ist seit Beginn der Massenproduktion in den 50er-Jahren bis 2016 von 1,5 Mio. Tonnen auf 335 Mio. Tonnen 2016 pro Jahr (PlasticsEurope 2017) gestiegen. Diese Produktion soll auch in den nächsten 10 Jahren nochmals um 40% zunehmen (Greenpeace: Für eine plastikfreie Zukunft, 2018, S. 5).

Stichwort Langlebigkeit: Was eigentlich ein Segen ist, wird bei Plastik zunehmend zum Fluch. Denn Kunststoff baut sich nicht auf natürliche Weise ab, überdauert Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte. Auch das Recycling von Plastik funktioniert nur schlecht: Viele Plastikarten lassen sich nur mit hohem Energieaufwand und nur wenige Male wieder zu qualitativ hochwertigen Materialien aufbereiten, danach können sie nur noch in minderwertigen Produkten verwendet werden. Darum werden weltweit nur etwa 9% des Plastiks recycelt, etwa 12% verbrannt und fast vier Fünftel landen auf einer Mülldeponie in der Umwelt und schliesslich in den Weltmeeren.

Wenn über «Plastik im Meer» geschrieben wird, werden unterschiedlichste Angaben gemacht. Darum sind auch die von mir im Text verwendeten Zahlen mit Vorsicht zu geniessen (siehe Box). Sicher ist nur eines: Es sind Unmengen von Tonnen Plastik, die jedes Jahr im Meer landen, die sich bereits dort befinden und die den Tieren und der Umwelt schaden.

Einmal im Meer angelangt, folgen die Plastikreste den Strömungen in den Ozeanen. Sie sammeln sich dann in Strudeln. Im Atlantik sind es zwei gigantische schwimmende Müllhalden, im Indischen Ozean eine weitere, dann noch zwei im Pazifik, davon als grösste der «Great Pacific Garbage Patch» – mit einer Fläche viermal so gross wie Deutschland. Durch das Salzwasser, die Wellenbewegungen und Sonneneinstrahlung werden diese Plastikteile zu immer kleineren Stücken – zu Mikro- und Nanoplastik – zermalmt. Diese Teilchen, je nach Schwere, verteilen sich über alle Schichten des Ozeans und sinken dann langsam zum Meeresboden. Nur gerade 1% des Plastikmülls schwimmt als Plastikinseln auf der Meeresoberfläche. Wo genau die riesigen Plastik-Müllhalden auf dem Ozeanboden sind, das wissen die Forscher bis heute nicht genau.

Zurück in unseren Körper
Der schwimmende Plastik in den oberen Meeresschichten wird zur tödlichen Falle für Meerestiere. Hunderttausende Delphine, Wale, Robben, Schildkröten, Wasservögel und sogar Eisbären verenden, weil sie Plastikmüll mit Nahrung verwechseln. Junge Meerestiere verheddern sich in Kunststoffteilen und werden langsam erdrosselt, ausgewachsene Tiere ertrinken, weil ihre Flossen durch Schnüre regelrecht gefesselt werden. Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille: Die mit giftigen, zum Teil krebserregenden, Stoffen angereicherten Mikro- und Nanopartikel werden nämlich in grossem Stile von den Meerestieren – von kleinsten Planktonorganismen, Muscheln und Fischen bis hin zu grossen Walen – aufgenommen. Werden diese Mikroplastikartikel von kleinsten Meerestieren gefressen, die ihrerseits Nahrung für grössere sind, reichern sich die Giftstoffe in den Körpern an und gelangen über die Nahrungskette schliesslich auch zu uns. Welchen Schaden sie in unseren Körpern verursachen, ist noch nicht genau erforscht.

Was vielleicht noch wichtiger ist: Der Mensch braucht die Ozeane zum Atmen. Das Meer stellt in grossem Masse den lebenswichtigen Sauerstoff für uns bereit. Man spricht von bis zu 70% des produzierten 02. Er wird hergestellt von Kleinstlebewesen wie Plankton, Mikroben und Algen. Kippt das Meer wegen zu grosser Verschmutzung und verliert es seine Funktion als 02-Produzent, dann ist es schnell vorbei mit dem Leben auf Erden.

Müllproblem an Land lösen
Langsam wächst darum weltweit das Bewusstsein, dass die Verschmutzung der Meere (und natürlich auch der gesamten Umwelt) durch Plastik unbedingt gestoppt werden muss. Wenig Sinn machen allerdings technische Ideen, wie etwa jene von Ocean Cleanup. Die Firma des holländischen Jungunternehmers Boyan Slat schlägt medienwirksam vor, mit gigantischen Wasserfiltern, den Plastik aus den Meeresstrudeln zu schöpfen. «Das sind geschätzt 0,5% des Plastiks, der pro Jahr in die Weltmeere gelangt», wie der Meeresforscher Mark Lenz vom Geomar in Kiel betont (Die Zeit, August 2018).

«Wir müssen das Müllproblem an Land lösen», sagt Mark Lenz. Die wahre Lösung heisst aber nicht Wieder-Einfischen oder Recyceln (siehe oben) von Plastik oder das Ausweichen auf Ersatzprodukte wie etwa Papier. Dies ändert nichts an unserer Wegwerfmentalität oder der Ressourcenverschwendung.

Der einzige sinnvolle Weg ist das konsequente Vermeiden von Plastik. Alle Sektoren der Gesellschaft sind dabei gefordert: Wir Konsumenten, indem wir beispielsweise kein Einweggeschirr, keine Kleider und Schuhe aus Kunststofffasern oder Zahnpasta mit Mikroplastikkügelchen verwenden und möglichst die Nahrungsmittel ohne Plastikverpackung einkaufen. Seit die Grossverteiler, die Plastiksäckli nicht mehr gratis abgeben, ist der Verbrauch um 80% zurückgegangen. Und last but not least: Die multinationalen Konsumgüterfirmen. Hier setzt Greenpeace mit seiner Kampagne «Für eine plastikfreie Zukunft» an: «Firmen, welche kurzlebige Konsumgüter wie Nahrungsmittel, Getränke, Putz- und Waschmittel sowie Körperpflegeprodukte produzieren, … sind die Hauptverantwortlichen für die Plastikverschmutzung», schreibt Greenpeace (S. 5). «Für diese Firmen, zu denen unter anderem Nestlé, Unilever, Procter & Gamble, Coca Cola und Pepsi gehören, ist das Geschäft mit Einwegplastik zentral ... Sie machen keine Schritte in Richtung Plastikreduktion. Seit Jahren behaupten sie, dass Recycling und besseres Abfallmanagement die Plastikkrise lösen werden und schieben die Verantwortung damit den Konsumentinnen und Konsumenten sowie der Politik zu.» – Doch so kann es nicht weitergehen!


Facts & Figures zu Plastik im Meer

Zwischen 4,8 und 12,7 Mio. Tonnen Plastik gelangen pro Jahr ins Meer.

Zwischen 100-147 Mio. Tonnen beträgt das Gesamtgewicht des Plastiks in den Ozeanen.

Zwischen 60-80% allen Abfalls im Meer ist Kunststoff. Etwa ein Fünftel davon stammt von Schiffen, der Rest gelangt vom Festland über Abwasserkanäle, Flüsse, durch Windverwehungen oder über Strände ins Meer.

Rund 1,8 Billionen Plastikteilchen schwimmen im Great Pacific Garbage Patch herum, auf der ganzen Wasseroberfläche in den Ozeanen sind es schätzungsweise 5,25 Billionen Mikroplastikpartikel, die 269’000 Tonnen wiegen.

Mehr als die Hälfte aller Kunststoffabfälle stammt aus nur 5 Ländern Asiens: China, Indonesien, Philippinen, Vietnam und Sri Lanka.

Bis 2025 wird sich weltweit die Plastikmüllmenge verdoppeln.

8% der Ölförderung wird für Plastik gebraucht.

34,1% aller gefundenen Abfallobjekte im Swiss Littering Report von 2018 waren Zigarettenstummel. Sie sind nicht biologisch abbaubar und enthalten rund 4000 toxische Stoffe in hoher Konzentration.

Quellen: Greenpeace, OceanCare, Die Zeit, Anja Krieger


Für eine Schweiz ohne Plastikmüll

Der gemeinnützige Verein STOPPP hat zum Ziel, die Umweltverschmutzung durch Plastik zu verhindern. Er hat im Juni 2018 den umfangreichen «Swiss Litter Report» veröffentlicht, der belegt, dass auch die Schweizer Gewässer zunehmend durch Plastikabfälle verschmutzt werden. STOPPP nennt verschiedene Fakten:

  • Plastik ist der umgangssprachliche Begriff für Kunststoff. Kunststoffe werden entweder aus Erdöl, Erdgas, Kohle oder aus nachwachsenden Rohstoffen wie Stärke oder Lignin hergestellt.
  • Viele Chemikalien in Kunststoffen sind erwiesenermassen gesundheitsschädigend für Mensch und Tier.
  • Biokunststoffe sind nur umweltverträglich, wenn sie biobasiert und biologisch abbaubar sind.
  • Die Mikroplastikpartikel in den Gewässern haben die Eigenschaft, Giftstoffe, sogenannte langlebige, organische Schadstoffe (POP) aus ihrer Umgebung anzuziehen und zu binden.
  • Neuste Studien zeigen, dass Plastikmüll im Meer sich nicht nur in den grossen Meereswirbeln ansammelt, sondern auch auf dem Meeresgrund, in Fluss- und Seeböden, wo er einen toxischen Schlick bildet.
  • Plastikabfälle in unserer Umwelt stammen zu einem grossen Teil aus dem Privatkonsum: Verpackungen, Plastiksäcke, Plastiktrinkflaschen, Plastikgeschirr, Kosmetika, die falsch entsorgt werden.

www.stoppp.org