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Müllhalde als Metapher der Hoffnung   

Pater Benigno Beltran engagiert sich für Müllbergkinder von Manila

Seit 2013 gibt es das Musikdrama «Die Lieder der Müllbergkinder». Es dramatisiert Stimmen von Müllbergkindern des Smokey­Mountain­Areals in Tondo/Manila/Philippinen. Pater Dr. Benigno Beltran von den Steyler Missionaren hat diese Stimmen in von ihm getexteten Liedern hörbar gemacht.

Pater Ben von den Steyeler Missionaren hat sich über 30 Jahre als Seelsorger für die Müllmenschen von Manila eingesetzt.
Auch die Kinder arbeiten auf den Müllhalden von Manila von klein auf bei der Mülltrennung mit.Männer aus dem indigenen Volk der Dumagat in der neuen Bambus-Pflanzschule.

Pater Ben ist über dreissig Jahre Seelsorger in dieser Müllwelt gewesen. 1946 auf den Philippinen geboren, hat er Ingenieurwissenschaft, Philosophie und Theologie studiert und an einer theologischen Hochschule seines Ordens auf den Philippinen doziert. Zeitgleich hat er sich entschieden, an Ränder zu gehen, an Peripherien des guten Lebens. Die Welt auf den Müllhalden ist eine gefährliche Welt. Pater Ben spiegelt das, indem er von Enquieta Escarda erzählt: «Als sie nach Smokey-Mountain kam, ging sie mit einem Eisenhaken und einem Korb auf die Müllhaufen. Als Frau war es schwierig, gegen Männer, die stärker und schneller waren, zu bestehen und dann auch noch die Wäsche zu waschen und das Essen zuzubereiten. Deutlich und mit entwaffnender Einfachheit sprach sie über ihr Leben als Sammlerin, über den nagenden Hunger, wenn es nichts zu sammeln gab, über die heftigen Kämpfe und Messerstechereien und die toten Leiber überfallener Krimineller oder Aufständischer, derer man sich in den Müllhaufen entledigt hatte. Sie erinnerte sich an einige tote Babys, die einfach in Mülleimer geworfen worden waren. Sie hat sie dann in Milchkartons gelegt, ein Gebet gesprochen und sie dann auf der Deponie begraben.»
Hört uns schreien! Schaut, wir hoffen!
Pater Ben ist ein kreativer und engagierter Priester. Er hat viele Hoffnungsgeschichten angezettelt, z. B. Rhuwin, den ich seit Jahren kenne. Seine Familie wohnt auf der 4. Etage eines der «permanent houses» direkt neben dem inzwischen geschlossenen Teil des Smokey-Mountain. Sie fristet ihr Dasein nicht mehr auf der Halde. Der Vater fährt den LKW einer Müllentsorgungsfirma. Rhuwin, ein «Zögling» von Pater Ben, erlebe ich als ein Meister von solchem Jungsein, der von sich sagt: «Was ich werde, das werde ich gegen Smokey-Mountain, gegen die Übermacht des Grauens, gegen die Mentalität blinder Schicksalsgläubigkeit, gegen den sprichwörtlichen Fatalismus hier. Was ich werde, das werde ich für eine Welt, in der die Menschen ‹grün› glauben, ‹grün› wählen, ‹grün› wirtschaften, ‹grün› leben: da soll Schöpferisches keimen und wachsen, da soll Menschsein gedeihen und Zukunft in Sicht kommen; Zukunft, in der es Gerechtigkeit gibt, Gnade, Glück, Grund zu Applaus und zu Tanz …».

Rhuwin ist Mitglied der Tanzgruppe «Kinder der Mutter Erde», die hier im Müll beheimatet ist, seine kleine Schwester ebenfalls. Rhuwin verkörpert für mich heilsame Zuversicht. Er hat ein Studium gewagt. Ein Müllbergkind im Dienst des Gemeinwesens: Er hat 2018 seine Examina bestanden und inzwischen eine Stelle als diplomierter Elektroingenieur: Das ist konkrete Nachhaltigkeit von Förderung und Investition.

Stenografisch skizziere ich etwas von der Vielfalt und inhaltlichen Breite nachhaltigen Wirkens von Pater Ben, vom Schrei der Kinder auf der Deponie und von der Müllhalde als «Metapher der Hoffnung» (Ben Beltran).

Wenn ich denke, Pater Ben sei ein «grüner» Theologe, gilt es, Grünes zu erkennen. Grünkraft meint Lebenskraft. Ben Beltran lebte mit den Armen auf der Deponie, inspirierte Hoffnungslose, befriedete Friedlose, organisierte Transformationen des Abfalls in Lebensdienliches. Er managte Wohnhäuser statt wetterwendige Hütten, einen Kompostierbetrieb, ein Recycling-Unternehmen, eine Seifenfabrikation mitten im Dorf. Er inszenierte für Schulabbrecher/innen staatlich anerkannte E-Learning-Kurse und schulte junge Leute, damit sie sich durch Computerunterricht Kompetenzen erwerben, die ihnen Arbeitsstellen eröffnen. Er hat versucht, ein ökologisch gut durchdachtes Kirchengebäude zu errichten. Es sollte in seiner Architektur nicht nur grün und gemeindedienlich sein, sondern auch als ein wirksames Symbol gelten, das die Menschen unseres Planeten daran erinnert, «die Welt nicht zu einem einzigen grossen Smokey-Mountain zu machen».
«Grüne Kirche» aus «lebendigen Steinen»
Parallel zu dieser Vision «Grüne Kirche» hat Ben Beltran die Vision einer spezifisch «grünen Kirche» aus «lebendigem Steinen» (1 Petr 2, 5) entwickelt. Es handelt sich um eine Gruppe junger Menschen, die in der Smokey-Mountain-Welt geboren und aufgewachsen sind, die im Gestank und Lärm der Deponie mit ihrer Familie durch gefährliche Abfälle aus Blech und anderem Unrat täglich navigieren müssen, um für ein schlappes Einkommen Verkaufbares und Recycelbares aufzulesen.

Ben Beltran hat diese Jugendlichen ausfindig gemacht, gesammelt und zu einer Gemeinschaft erzogen: zu einer disziplinierten «Performing Arts Group». Diese Mädchen und Jungen aus dem Müll, zu Beginn im Alter von 12 bis 18 Jahren, versucht Father Beltran unter dem Lerndach eines Projekts zu formen. Dazu zählen folgende, ganz unterschiedliche Inhalte: aufmerksam werden auf die Notlage der Armen dieser Welt und auf die Umweltzerstörung, Tanztechnik, Disziplin und Engagement, fundamentale Lebenskompetenzen, persönliche Hygiene, Tischmanieren, Kommunikationsfähigkeit, Dialog mit Gleichaltrigen aus anderen Religionen. Father Beltran nennt sie «Kinder der Mutter Erde». Sie steigen aus dem Grau der Halde und engagieren sich für Grün. Sie sind eine engagierte Umweltgruppe aus jungen Künstlerinnen und Künstlern. Das Asian Journal hat sie «Juwels» genannt.

Das Bambuswunder: «Neue Erde»
Pater Bens «Kinder der Mutter Erde» steigen in das Waldgebirge in der Nähe der Stadt Marikina hoch. Sie berühren dort eine zweifache, dramatische Not. Das Gebirge ist die Heimat des indigenen Volkes der Dumagat. Abseits der Zivilisation leben sie von dem, was die Natur bietet. Was sie darüber hinaus nötig haben, besorgen sie sich, indem sie Holzkohle herstellen und verkaufen – bis jetzt. Der Wald ist inzwischen kahlgeschlagen. Die Dumagat im Gebirge ahnen ihren Weltuntergang.

Unten in den Tälern, in der Zivilisation, haben sich erfolgreich Gewerbe und Industrie angesiedelt. Da das Gebirge oben wegen der Abholzung kein Wasser mehr speichern und keinen Schutz vor Unwetter und Taifunen bietet, drohen unten immer wieder zerstörende Hochwasser, die alles vernichten, was ihnen im Weg ist.

Drohender Weltuntergang oben und unten: Die «Kinder der Mutter Erde» klettern hoch zum Ursprung der Misere, zu den Dumagat ins Gebirge. Pater Bens junge Künstler berühren diese Peripherie der Zivilisation. Sie nehmen Kontakt auf. Sie kommunizieren. Es kommt zu einem Vertrag auf Gegenseitigkeit. Er hat das Ziel «Lebensrettung durch Aufforstung». Auf den Rat von Fachleuten hin wird Bambus angepflanzt. Die Dumagat sind am Projekt demokratisch beteiligt.

Durch Pater Ben bitten die «Kinder der Mutter Erde» um die Finanzierung von Bambussetzlingen. «Wir machen mit beim Bambuswunder!», proklamieren Schülerinnen und Schüler der Mittelschule und des Willibald-Gymnasiums bei uns in Eichstätt und tun sich zusammen, um die Bitte um Mitarbeit im Prozess «Lebensrettung durch Aufforstung» der Kinder der Mutter Erde und der indigenen Dumagat im Sierra Madre-Gebiet der Philippinen zu erfüllen.

Energisch der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet.
Der Bericht über das Wirken von Pater Ben zeigt: Sie kommunizieren «Oya». Diese drei Buchstaben gibt es in nicht wenigen Sprachen. Bei den Yoruba in Nigeria zum Beispiel bezeichnet Oya die traditionelle Göttin der Transformation. Sie fegt als «Wind des Wandels» veraltete Strukturen weg. Sie lässt dort, wo Ungerechtigkeit und Unterdrückung herrschen, keinen Stein auf dem anderen. Sie ist energisch der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet. Sie alle, Rhuwin, die «Kinder der Mutter Erde», die Dumagat, die Müllbergkinder selbst und Pater Ben sowie die Eichstätter Schüler: sie leben und zeigen Oya!


«Die Lieder der Müllbergkinder».

Die Welt der Kinder, die auf den Müllhalden in Tondo und andernorts leben, wird anschaulich wiedergegeben durch eines der Lieder, die in besagtem Musikdrama ihren Schrei öffentlich machen.

Refrain:

Dein Vater: zum Saufen fehlt ihm der Fusel.

Deine Mutter: ihr elendes Schuften bringt

zum Leben zu wenig.

Kind, jetzt musst du ran: du musst in den Müll,

sonst wird dich der Hunger zerreissen.

Da ist sonst keiner, auf den du hoffen kannst.

Da gibt es keinen Ausweg für dich.

Da bleibt mir einzig der Schrei:

Müllberg, begrabe mich doch!

 

Strophen:

Mein Müllkorb, er ist grösser als ich.

Der Haken, mein Werkzeug im Müll,

ist völlig verrostet.

Mein Gesicht: ich habe es vermummt –

gegen Dreck und Gift und Glut.

Meine Füsse: ich habe sie umwickelt

mit Lumpen und Plunder.

Ich muss auf den Berg.

Ich muss in den Mist, ich muss ihn sammeln.

 

Meine Lungen sind böse verrusst

vom ätzenden Qualm des brennenden Abfalls.

Meine Augen sind gelb,

meine Leber ist schon kaputt.

Mein Magen verfault, Würmer sind drin.

Die Füsse verwundet, rostige Nägel,

Scherben aus Glas.

Die Haut verwüstet, zerkratzt

und chemisch zerfleischt.

 

Kameraden von mir hat der tückische Müllberg verschluckt.

Andere sind unter die grausame Planierraupe geraten.

Ich selbst bin geknickt und gebrochen.

Mein Hirn ist leer.

Drogen machen, dass ich mich vernichten lasse.

Ja, ich will ja nur eins:

das verdammte Elend vergessen.