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Nr. 1, 2003/1

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Zum 200. Geburtstag eines Bischofs   

Anastasius Hartmann (1803 – 1866)

Anastasius Hartmann, der Kapuziner-Bischof, wurde vor 200 Jahren im Luzerner Seetal geboren. Er wirkte als kirchlicher Pionier in Indien. Dort und in der Schweiz wird er heute noch von vielen verehrt. Wer war dieser aussergewöhnliche Mann?

Er wurde am 24. Februar 1803 auf einem Bauernhof in Altwis LU (Pfarrei Hitzkirch) geboren und auf den Namen Alois getauft. Es war in einer politisch umstrittenen Zeit, die feste Standpunkte forderte. Alois hat schon daheim gelernt, für Glaube und Kirche einzustehen. Sein Vater wollte ihn nicht im liberalen Luzern studieren lassen. So kam er ans Gymnasium Solothurn. Nach Abschluss diese Schule trat er 1821 als Frater Anastasius ins Noviziat der Kapuziner in Baden ein. Ein Jahr später legte er die Ordensgelübde ab und begann mit dem Theologiestudium. 1825 wurde er zum Priester geweiht.

Die ersten Priesterjahre verbrachte Anastasius als Aushilfsseelsorger in Luzern. Die Obern ernannten ihn 1830 zum Novizenmeister und Lehrer der Theologie in Freiburg. 1839 wurde er als Lehrer der Philosophie nach Solothurn versetzt. Da spürte er immer mehr den Wunsch, in die Missionen gesandt zu werden. Die Schweizer Provinz der Kapuziner war damals noch gar nicht offen für Missionseinsätze. Erst nach mehrmaliger Bitte und langem Warten stellten ihn die Provinzobern dem Generalminister des Ordens für die Missionen zur Verfügung.

In die Missionen

Anastasius Hartmann verabschiedete sich am 8. September 1841 in der Pfarrei Hitzkirch mit einer eindrücklichen Predigt: «Gott ruft mich aus dem Vaterland, aus Europa, in ein fremdes, unbekanntes Land, jenseits des Meeres... Es ist also das letzte Mal, das ich zu euch spreche, das letzte Mal, dass ihr mich in diesem Leben seht!» 10 Tage später verliess er die Schweiz mit einem Fussmarsch über den Gotthard, um sich in Rom für die Missionen zu rüsten. Dort erlebte er die erste Enttäuschung. Der General des Ordens hielt ihn zur Ausbildung künftiger Missionare in Rom zurück. Erst 1843 wurde Anastasius der Mission Agra in Indien zugeteilt.  Schon nach fünf Monaten wurde ihm die Mission Gwalior anvertraut. Bei seinen ersten Versuchen in der Seelsorge litt er unter dem grossen Gegensatz zwischen seinen hohen Idealen und den realen Verhältnissen bei Christen und Nichtchristen. Seine Berichte zeigen Enttäuschung und lassen vermuten, dass ihm der Tropenkoller eine etwas zu dunkle Brille aufsetzte. Die kurze Tätigkeit in Gwalior war für ihn eine Lebenschule.

Zum Bischof ernannt

Im Februar 1846 überraschte ihn sein Bischof mit der Meldung, er sei im September 1845 zum Apostolischen Vikar von Patna ernannt worden. Fünf Monate brauchte die Post! Nach einigen Tagen verliess er Gwalior und empfing am 15. März in 1846 Agra die Bischofsweihe. Das Apostolische Vikariat Patna war äusserst arm. Als der neue Bischof eintraf, hatte es sieben Pfarreien und vier Missionare. Es fehlte an Einrichtungen und Geld. Bischof Anastasius arbeitete mit grösstem Eifer unter schwierigsten Verhältnissen. In vier Jahren versuchte er, die verarmten Missionsstationen neu zu beleben. Er mühte sich mit nur wenig Erfolg, neue Mitarbeiter und Finanzen für sein Gebiet zu bekommen, und besuchte bei unwegsamen Reiseverhältnissen die Christen an den weit abgelegenen Orten.

In Bombay

Schon nach gut vier Jahren wurde Bischof Anastasius vom Papst nach Bombay berufen, um sich dort als Administrator des Apostolischen Vikariates in einer verfahrenen Situation anzunehmen. Sein Vorgänger im Amt hatte ihm einen Zettel auf dem Pult hinterlassen: «Wehe meinem Nachfolger!» Bischof Anastasius wirkte in Bombay unter vielen Leiden und Mühen von 1850 bis 1856. Die Zuständigkeiten der portugiesischen Bischöfe und der von der Propaganda Kongregation beauftragten Apostolischen Vikare überschnitten sich. Dies und die Konkurrenz unter den Ordensgemeinschaften brachten ihm die grössten Sorgen. Er hielt durch und versuchte, mit verschiedenen pastoralen Initiativen die Stellung der Kirche zu verbessern: Herausgabe einer Zeitung, Errichtung von Schulen, Ausbildung einheimischer Priester, Visitationsreisen über weite Distanzen...

«Urlaub» in Europa

1856 kam Bischof Anastasius nach Europa zu einem arbeitsreichen «»Urlaub`. In der Schweiz blieb er nur drei Wochen. Er wurde hier begeistert empfangen. Es drängte ihn weiter nach Frankreich und England, um mit Wohltätern, Hilfswerken und der Englischen Kolonialregierung in London zu verhandeln. Auf der Rückreise musste Bischof Anastasius in Rom zurückbleiben und dort als Missionssekretär der Kapuziner arbeiten. Im Vatikan war er sehr geschätzt. Für den Orden war seine Anwesenheit ein Glück. Aus seinen Erfahrungen in Indien trug er als Missionssekretär entscheidend zur Reorganisation der Kapuzinermissionen bei. Seine angeschlagene Gesundheit konnte sich etwas erholen.

Wieder in Indien

1860 trat der Nachfolger von Bischof Anastasius als Apostolischer Vikar von Patna von seinem Amte zurück. An seine Stelle wurde Anastasius zum zweiten Mal nach Patna berufen. Mit grossem seelsorglichem Geschick und sehr geschwächter Gesundheit verwaltete er sein Bischofsamt. Er verstand es in Verhandlungen mit der Englischen Kolonialregierung die Stellung der katholischen Kirche für ganz Indien zu verbessern; besonders auch was die kirchliche Ehe der Katholiken und die Stellung der katholischen Feldprediger bei den englischen Kolonialtruppen betraf. Er unternahm wiederum mühsame Reisen, auf denen er unter den gesundheitlichen Beschwerden litt, die ihn sehr schwächten. Bischof Anastasius starb infolge Cholera am 24. April 1866 in Kurjii, im Rufe der Heiligkeit. Sein Leichnam wurde zuerst in der Kathedrale von Patna beigesetzt und bald darauf in die St. Josefskirche von Bankipur überführt. Als die Kapuziner die Diözese Patna an andere Missionare abgaben, nahmen sie seinen Leichnam 1920 nach Allahabad mit. Dort ruht er nun vor dem rechten Seitenaltar der Kathedrale.

Fidelis Stöckli

 

Weiterer Artikel über Anastasius Hartmann

Die erhaltenen Schriften von Bischof Anastasius Hartmann

1. Briefe

  • an Verwandte, Provinzobere, Mitbrüder: 183
  • an Mitglieder der kirchlichen Hierarchie: 430, davon 10 an Papst Pius IX, 267 an den Präfekten der Propaganda Fide, 153 an seine Generalobern
  • an Vertreter der zivilen Regierungen: 400
  • an Bischöfe in Indien: 83
  • an Missionare: 319
  • an Mitarbeiter: 115, davon 34 an Generalobere anderer Orden und Kongregationen und 81 an seine Missionare und deren Obern
  • an Laien: 67
  • an Prälaten in Europa: 21
  • an Direktoren der Missionswerke: 197

Total noch vorhandene Briefe: 1815

2. Hirtenbriefe und Rundschreiben: 45

3. Predigten: 29; geistliche Vorträge, besonders für Exerzitien: 26

4. Wissenschaftliche Werke: 27

5. für die Hindi-Sprache: 2 sprachwissenschaftliche Studien und die Übersetzungen:

  • des Katechismus ins Hindustaini mit je einer Ausgabe in lateinischer, persischer (Urdu) und Devanagri-Schrift und des so genannten grossen Katechismus in Devanagri-Schrift
  • des Neuen Testamentes ins Hindustaini, mit je einer Ausgabe in persischer und in lateinischer Schrift


6. Autobiographische Werke: 12

7. Gedichte und Tischreden: 24