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Das Fresko in der Kirche Maria Lourdes © Marianne Reiser
Das Fresko in der Kirche Maria Lourdes © Marianne Reiser

Missionarisch Kirche-Sein in Maria Lourdes (lange Textversion aus ite 4/19 – siehe Seite 36)

Mit dem Wunsch, dass die gesamte Pastoral missionarisch ausgerichtet sein soll, rennt Papst Franziskus in der Pfarrei Maria Lourdes in Zürich Seebach offene Türen ein. Seit Jahren hat sich das Pfarreiteam einem neuen Weg, Kirche zu sein, verschrieben. An die Ränder der Gesellschaft zu gehen bedeutet für sie, zur Mitte der Botschaft zu kommen. Wie diese Sendung in die Welt und für die Welt aussieht, illustrieren die Beispiele aus dem Pfarreileben.

Ite missa est! «Ihr seid gesandt! Gehet hin im Frieden!» – so endet bei uns in der Pfarrei Maria Lourdes die Messe; oder besser: so beginnt die Messe. Wir feiern die Liturgie immer mit Blick auf die Stadt Zürich, die der Maler Richard Seewald auf die Chorwand der Kirche gemalt hat. Wer in der Kirche sitzt bekommt den Eindruck, dass die Mauer vom Chor aufgebrochen ist und den Blick freigibt auf die Stadt. Das hilft uns, die Liturgie als Startpunkt, als «Quelle des christlichen Lebens» in der Welt zu erleben.

Wie verstehen wir Mission – gesandt sein – in unserer Pfarrei?

Wir sehen uns als einen von vielen Akteuren, die dazu beitragen, dass jeder und jede in unserem Stadtteil irgendwo Zugehörigkeit und Bedeutsamkeit erfährt. Nach dem Hirnfor-scher Gerald Hüther sind das die beiden Grundbedürfnisse jedes Menschen. Oder noch weiter gefasst: Wir möchten einen Beitrag leisten, dass die Menschen das Bewusstsein ihrer Würde (wieder) finden, sich mit der ganzen Schöpfung verbunden fühlen und aus dieser Verbundenheit leben.

Mit diesem missionarischen «Anliegen» entdecken wir seit Monaten und Jahren immer wieder neue Verbündetet, gerade auch unter nicht kirchlich sozialisierten Menschen. So entstehen Orte gemeinsamer Mission – frische Ausdrucksformen von Kirche. Und das macht so richtig Freude und schenkt Energie.

Zusammenleben im Kolbenacker

Marianne zum Beispiel hat sich mit Barbara vom Verein «Zämeläbe im Cholbenacker» zusammengetan. Beide treffen sich mit einer kleinen Gruppe von Menschen: Barbara mit muslimischen Frauen, Marianne mit einigen Menschen, die sich als «Kleine Christliche Gemeinschaft KCG» im Quartier zum Bibelteilen treffen. Gemeinsam haben sie begonnen, einander regelmässig von ihren Erfahrungen und Anliegen zu erzählen. Sie erleben, wie sie einander dabei stärken. Seit Monaten nun schaffen die beiden mit ihren Gemeinschaften Raum für Begegnung mit den Asyl suchenden Menschen im Zihlacker. Aus den wöchentlichen Begegnungen entstehen nach und nach Aktionen, die immer wieder

neue Nachbarn mit einbeziehen.
Bei einem Quartiersfest wird beim ökumenischen Gottesdienst Geld für Gartenstühle gesammelt. Beim Kaufen und Zusammenstellen treffen sich Asylsuchende und Nachbarn. Blumentöpfe werden gekauft und Blumen und Kräuter angepflanzt, Velos werden gesammelt und in einer Aktion mit Nachbarn wieder fahrtüchtig gemacht. Welch eine Freude, dass nun fast alle Bewohner ein eigenes Fahrrad haben! Beim Quartierfest wird getanzt: Ein bewegendes Bild, wie Scheu und kulturelle Unterschiede überwunden werden und immer mehr Nähe entsteht. Und fast immer, wenn Marianne am Tisch mit den Asyl suchenden Menschen sitzt und Essen teilt, erzählt man sich vom Leben daheim und vom persönlichen Glauben. Marianne fühlt sich sehr wertgeschätzt, wenn Menschen mit verschiedensten Credos sich für sie interessieren und ihr Fragen über sie und ihren christlichen Glauben stellen.

Ein Spielmobil für alle Generationen

Regula und Yvonne – ein zweites Beispiel – haben sich mit Linda verbündet vom Gemeinschaftszentrum der Stadt Zürich. Sie verbindet das gemeinsame Anliegen, Menschen verschiedener Generationen in den Wohnsiedlungen miteinander in Kontakt zu bringen. Gemeinsam mieten sie regelmässig einen Spielbus und fahren in eine Wohnsiedlung. Regula bringt Kaffee mit, Yvonne ein Zelt und eine Geschichte, die sie unter dem kleinen Zeltdach allen erzählt. Schon zweimal fuhren sie mit dem Spielmobil auf die Wiese mit den Stadtgeissen gleich neben dem Bahnhof Seebach. Hier in der Natur fühlen sich alle noch aufgehobener, vor allem auch die Kinder. Letzthin meinte ein Mädchen: «Nächstes Mal will ich eine Geschichte erzählen; die Geschichte von David und Goliath.»

Als kirchlicher Partner anerkannt und geschätzt

Eva, Yvonne und Regula – um noch ein drittes Beispiel zu nennen – laden alle 2-3 Wochen zur WandelBar ein. Entstanden ist die Initiative während der letzten Fastenzeit, als wir uns als Pfarrei auf die Kampagne vom Fastenopfer «Werde Teil des Wandels» eingelassen haben. Dabei ging es nicht nur um konkrete Aktionen zur Nachhaltigkeit, sondern auch um ein neues Bewusstsein, dass wir Teil der Schöpfung sind, verbunden mit allen Geschöpfen der Natur. Nach und nach entdeckten sie im Quartier Verbündete, mit denen sie ihr Anliegen teilen konnten: Sie nahmen am Treffen «Züri bunt» von der «Transition Town» Bewegung teil und lernten dort viele Menschen und Initiativen kennen. Sie waren erstaunt, wie fraglos sie als kirchliche Wandelpartner freudig anerkannt und geschätzt wurden. Und als sie einige von ihnen zur WandelBAR in den Pfarrsaal einluden, nahmen diese freudig an; sie, die sonst nicht in diesen Räumen verkehren: Da war Tara vom «Unverpackt-Laden» und erzählte von ihren Erfahrungen mit Abfall-Vermeiden. Da war David mit dem Genossenschaftsgartenprojekt «Meh als Gmüäs». Da war Roberto mit dem Verteilzentrum für Bioprodukte «el comedor». Da war Jens mit seiner Idee für eine Quartierwährung und Florina vom fairtraide Laden CLARO. Da war Sara vom Maxim Theater, das Menschen vernetzen will, und Barbara vom «Zämeläbe im Cholbenacker». Anlässlich der letzten WandelBAR organisierten sie einen «Schenkkreis», bei dem Bedürfnisse und Ressourcen ausgetauscht wurden. Diese Begegnungen an der WandelBAR sind Ermutigung. Sie schenken Inspiration und Energie, wie Kirche im Einklang mit dem «grossen Wandel» (Joanna Macy) und als Pionierin des Wandels leben kann.

Und dann wird es wieder Sonntag

Am Sonntag feiern wir erneut Familienmesse. Dort kommen dieses Leben, unser Engagement und unsere Erfahrungen zur Sprache. Dort lassen wir uns von Gottes Wort ermutigen und zu neuen Taten inspirieren und von Gottes Gegenwart stärken: Das macht die Messliturgie zu einem «Höhepunkt», zum Fest. Und da tauchen auch immer wieder einmal neue Gesichter auf: Menschen, die wir bei der gemeinsamen Sendung im Quartier kennen gelernt haben und die gerne mit uns dieses so sinnerfüllte Leben feiern, um dann wieder gemeinsam gesagt zu bekommen, dass wir wichtig sind für diese Welt: Ite missa est: «Ihr seid gesandt.»

Martin Piller


Wie die Zeitschrift azu ihrem Namen kam WLu. Als der damalige «Missionsbote der Schweizer Kapuziner» eine zeitgemässere Gestaltung bekam und man dafür einen neuen Namen suchte, feierte die katholische Kirche die Messe noch auf Lateinisch. Am Ende der Eucharistiefeier sagte der Priester dann jeweils den Entlassungsruf: «Ite missa est.» Zu Deutsch etwa: «Ihr seid gesandt!, Gehet hin im Frieden!» Der Missionstheologe Walbert Bühlmann (1916–2007) liess sich als erster Redaktor der frisch lancierten Zeitschrift (1965) von diesem Ruf inspirieren. Heute würde er bestimmt einen anderen Hefttitel wählen. Aber der bisherige hat sich «eingebürgert».