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Dreifaltigkeitskirche in Genf von Ugo Brunoni (+2019). ©  Bruno Fäh
Dreifaltigkeitskirche in Genf von Ugo Brunoni (+2019). © Bruno Fäh

Peter Fierz (1943),Architekt  aus Basel, der von 1998 – 2016 an der Fakultät für Architektur der Universität Karlsruhe lehrte, hat sich zeitlebens mit  Kirchenarchitektur auseinandergesetzt. Im Gespräch erläutert er, was für ihn eine hochwertige Kirche heute ausmacht.

Beat Baumgartner

Peter Fierz, Christen brauchen für das Feiern des Gottesdienstes eigentlich kein Gebäude, denn schon im Neuen Testament steht: «Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Matthäus 18,20). Warum trotzdem fast über die ganze Kirchengeschichte hinweg das grosse Bedürfnis nach Kirchen?

Ja, zuerst feierten die Urchristen in den Wohngebäuden, die dann durch kleinere Versammlungsräume ersetzt wurden. Wichtig scheint mir, dass in allen Hochkulturen Gottheiten in Gebäuden verehrt wurden. So geht der griechische Tempel mit dem zentralen Kultbau und der umlaufenden Säulenreihe als Bautyp auf das 6. Jahrhundert vor Christus zurück. Oder denken Sie an das Alte Testament mit dem Tempel in Jerusalem und den Synagogen der Juden. Es ist darum nicht überraschend, dass auch die Christen Versammlungsräume wollten, nicht unbedingt mit repräsentativem Charakter, nur als Ort, wo man sich trifft. Ein solcher Ort ist für eine Gemeinschaft sicherlich identitätsstiftend und identitätsbestätigend.

Aber das hielt ja nicht lange an, schon bald wurden christliche Kirchen immer opulenter und repräsentativer?

Ja, später in der Renaissance, im Barock usw., als die katholische Kirche Staatsreligion und Weltmacht war, investierte sie in riesige Kirchen und künstlerische Werke. Im Mittelalter waren insbesondere die die Bildwerke meist  erläuternd und belehrend, für Gläubige ohne Kenntnisse der Schriftsprache. Sie transportierten so die Themen und Geschichten des Alten wie Neuen Testamentes oder der Apokalypse. Erst mit den Jahrhunderten löste sich die Kunst von der Pädagogik und wurde selbständig.

Woher kommt denn Ihr spezielles Interesse an Fragen des Kirchenbaus?

In den 50ern, lange bevor ich wusste, dass ich dereinst Architektur studieren würde, mochte ich zeitgenössische Bauten. Die frisch erstellte Allerheiligenkirche in Basel (1948–51 von Hermann Baur, die Red.), wo ich Erstkommunion und Firmung empfing und mich bei den katholischen Pfadfindern engagierte, fand ich grosszügig und erfrischend. Dazu kamen an Weihnachten riesige Tannen ohne Christbaumschmuck und die modernen Krippenfiguren zwischen und etwas hinter den beiden Kommunionsbänken. Zu jener Zeit gefielen mir aber auch Hochhäuser und amerikanische Autos, die ich zeichnete und ausmalte. Ich war total begeistert vom modernen Leben und doch verankert im katholischen Glauben.

Aber nochmals nachgefragt: Warum Ihr Interesse am Kirchenbau?

Für mich war als junger Mensch die Kirche einfach bedeutender als die Schule. Damals wurde man entweder zuerst Hochbauzeichner oder ging ans Gymnasium, bevor man Architektur am Technikum oder an der ETH studierte. Ich aber besuchte den Vorkurs, machte eine Lehre als Graphiker und blühte in der Kunstgewerbeschule richtig auf, weil ich dort frei gestalten konnte. Man wurde auf mich aufmerksam und ich erhielt ein Stipendium für die USA, um dort an der Kunstakademie von Cranbrook zunächst als Gaststudent Industrial Design im Hauptfach, und im Nebenfach Architektur, zu studieren.  Nach zwei Jahren hatte ich den Bachelor, der mir den Freipass gab, an einer grossen guten Uni in den USA mit Architekturabteilung – mein geheimer Wunsch – weiter zu studieren. So machte ich dann an der Harvard University in Cambridge in dreieinhalb Jahren meinen Master in Architecture.

Gibt es denn für Sie eine Lieblingskirche in der Schweiz, die Sie besonders beeindruckt?

Nein, eine solche kann ich nicht nennen, denn es gibt so manch fantastische historische Bauwerke, etwa der französischen Romanik oder der englischen Gotik. Auch im 20. Jahrhundert, nach dem Krieg bis hin in die letzten Jahre, kenne ich moderne und nachmoderne Kirchen, die ich sehr gerne habe. Aber eine Kirche aus dem Tessin möchte ich besonders erwähnen: Auf der Fahrt in die Leventina mit dem Zug kommt man an der Kirche San Nicola aus dem 12. Jahrhundert vorbei, die mitten in einem Rebberg in Giornico steht, ein Werk der lombardischen Romanik. Die Kirche ist Nikolaus von Myra geweiht. Sie hat eine aussergewöhnliche Besonderheit: Man kann vom Kirchenschiff aus in den Chor mit Apsis und gleichzeitig in die Krypta sehen (siehe Bild auf dieser Seite), da der Chor ein halbes Geschoss höher, die Krypta aber gleichermassen tiefer liegt. Also, wir haben hier nicht eine Krypta, die irgendwo versteckt unter der Kirche liegt, sondern ein «split level». San Nicola hat eine architektonische wie spirituell herausragende Qualität.

Viele moderne und einflussreiche Architekten meinen, man müsse nicht gläubig im christlichen Sinne sein, um gute Kirchen oder Kapellen zu bauen. Gerade vor kurzem haben das wieder Herzog & de Meuron betont bei der Vorstellung ihres Projektes einer Autobahn-Kapelle bei Andeer.

Mag sein, dass meine Antwort überraschend ist: Ich kenne das Problem überhaupt nicht, da meine Vorstellung, was ein guter Architekt ausmacht, sich vom Üblichen unterscheidet. Aus meiner Sicht muss ein Architekt grundsätzlich ein Generalist sein, der – je nach Bautypus – mit den entsprechenden Spezialisten, die aus dem Gebiet der Bauaufgabe kommen, intensiv zusammenarbeitet und das ihm vorliegende Bauprogramm optimal umsetzt. Damit die baukünstlerischen Aspekte genügend gewichtet werden und die Qualität der Baute erreicht wird, muss der Architekt im Team federführend sein und es koordinieren. Ich habe das immer so gehandhabt. Darin unterscheidet sich der Kirchenbau im Prinzip nicht von anderen Baugattungen.

Also zu Ihrer Frage: Ich bin nicht der Meinung, es gebe spezialisierte Kirchenarchitekten, hingegen gibt es Architekten, die auch für ihre wunderschönen Kirchen berühmt sind.

Aber er muss sich zumindestens ja einfühlen können in die Tatsache, dass Menschen spirituelle, religiöse Bedürfnisse haben und für ihre Versammlungen Räume brauchen?

Für mich ist das einfach: Der Architekt als Generalist muss jede Bauaufgabe bewältigen können. Nehmen wir den berühmten Karl Moser, der sowohl protestantische wie katholische Kirchen gebaut hat. Ein guter Architekt hat eh Gefühle und Empathie für viele Themen, ein emotionaler Rohling wird nie das Gebiet Architektur wählen. Der Architekt muss nicht gläubig sein, aber das Wissen über Religionen und Spiritualität und das Interesse daran finde ich extrem wichtig.

Und dann ist die Auftragslage für einen Architekten, der katholische Kirchen baut, sowieso eingegrenzt. Er, das ist ein Fakt, erhält einen solchen Auftrag eh nur, wenn er der Kirche nahesteht und/oder eine Affinität zu religiösen Fragen hat. Wenn heute noch solche Um- oder Ergänzungsbauten – neue Kirchen entstehen ja kaum mehr – anstehen, wird meistens ein Wettbewerb durchgeführt und es werden Architekten eingeladen, die im weitesten Sinne, kirchenaffin sind und sich schon in diesem Bereich betätigt haben. So ist eigentlich das Problem gelöst.

Sie haben es vorhin erwähnt, neue Kirchen werden seit der Jahrtausendwende kaum mehr gebaut, viele werden saniert, umgenutzt oder gar aufgegeben, das gilt ja auch für katholische Klöster. Braucht es denn heute überhaupt noch «Kirchen-Architekten»?

Es gab sie ja schon früher nicht in dieser reinen Form, wie ich vorher ausführte: Gute Architekten erhielten schon immer mehrheitlich Aufträge von nichtkirchlichen Auftraggebern und bauten hin und wieder Kirchen. Das war schon immer so. – Ich gehe aber bei meinen Betrachtungen zeitlich etwas weiter zurück. Der grosse Kirchenbau-Boom der neueren Zeit, vor allem im zerbombten Deutschland, ereignete sich nach dem II. Weltkrieg und flaute dann in den Achtzigerjahren ab.

Interessant ist, dass dieser Kirchenbau-Boom im deutschsprachigen Raum, auch in der Schweiz, sich einige Jahre vor dem II. Vatikanum (1962-1965) ereignete. Die grossartigen Bauten von berühmten Schweizer Architekten, die ich kenne, wie Baur, Metzger usw., stammen vorwiegend aus den 50erjahren. Diese vorkonziliaren Bauten waren sehr modern, hatten alle beispielsweise freistehende Altäre, und nahmen damit eigentlich die Neuerungen des Konzils voraus. In den Sechzigerjahren ging der Kirchenbau bereits wesentlich zurück.

Was halten Sie denn als Architekt von Umfunktionierungen von Kirchen, solche gab es ja in der Kirchengeschichte immer wieder?

Das stimmt. In schwach besiedelten Gebieten, vor allem in Bergregionen, stösst man immer wieder auf verlassene und zerfallene Kapellen und kleine Kirchen. Es gibt ja auch Bilder von Kirchen, die zu Garagen und Lagerräumen umfunktioniert wurden.

Ich möchte hier auf die Jahrbücher der Schweizerischen Lukasgesellschaft verweisen, in diesem Zusammenhang jenes von 2012, wo verschiedene Umnutzungen dargestellt sind.   Ich zeigte dort den Kirchenraum im Kloster Dahlheim, umgenutzt 1924 als Heuspeicher. Ich finde dieses Bild eigentlich toll; es beinhaltet eine tiefe Botschaft. Ich nenne solche Prozesse nicht Umnutzung, sondern Umwidmung.

Heute gibt es für die Umwidmung einer Kirche mehrere Gründe. Zumeist steht dahinter bei uns eine frappierende Abnahme der Zahl partizipierender Gläubiger. Die Kosten für den Unterhalt der Kirche sowie die Lohnkosten für Seelsorge und weitere soziale Dienstleistungen stehen in keinem guten Verhältnis mehr zu den Kirchensteuer-Einnahmen.

Ich denke, dass eine geordnete Umwidmung der Kirche sorgfältig geplant sein muss. Im Idealfall übernimmt eine andere christliche Glaubensgemeinschaft das Bauwerk und nützt es ebenfalls als Kultraum. Wenn das nicht möglich ist, soll eine neue nicht-kirchliche Nutzung sozial und ethisch verträglich sein. Es gibt für das Ende der Nutzung einer Kirche als sakrales Gebäude klare Prozesse. Die Aufgabe eines Kirchengebäudes ist in der Regel mit einem gottesdienstlichen Akt verbunden, der in der römisch-katholischen Kirche als Profanierung und in den evangelischen Kirchen als Entwidmung bezeichnet wird. Man will damit das Gebäude „entsakralisieren“. Allerdings, das als kleine Spitze gegenüber den Protestanten: Eigentlich können diese eine Kirche gar nicht profanieren, weil diese Räume in ihrem Verständnis ja gar nicht «geheiligt» sind, solche Kirchen könnte man einfach umbauen. Und ist die Kirche zudem architektonisch wertvoll, so muss die Bausubstanz genau geprüft und die Mitwirkung der Denkmalpflege im Planungsablauf sichergestellt sein.

Jahrhundertelang wurden Kirchen aus Natur- und Backsteinen errichtet und verputzt. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gab es in Europa eine architektonische Welle der Rückbesinnung auf die Vergangenheit, die «Neo-Architektur» der Neuromanik, Neugotik und des Neubarock. Dann erfolgte in den Zwanzigerjahren der radikale Bruch mit der Vergangenheit. Markiert die Basler Antoniuskirche aus Sichtbeton von 1925 den Beginn des modernen Kirchenbaus?

Da muss ich etwas korrigieren. Im Historismus gab es ja alle möglichen Baustile, aber protestantische und katholische Kirchen wurden damals etwas anders gebaut: Bei den Protestanten eher neogotische Bauten, bei den Katholiken eher im Stile frühchristlicher Kuppelbauten, diese Phase hörte dann Ende des 19. Jahrhunderts auf.

Dann aber folgte, noch vor Beginn des modernen Kirchenbaus, eine wichtige, oft vergessene Zeitspanne mit einer ganz eigenständigen Architekturstilrichtung, die Arts-and-Crafts-Bewegung und der Jugendstil von ca. 1900 – 1920. Ihre Ikonen sind «Kirche am Steinhof» in Wien, 1904-1907 von Otto Wagner im Jugendstil gebaut, und der «Unity Temple» in Illinois, 1905-1908 von Frank Lloyd Wright errichtet. Das ist architektonisch etwas total Neues. In der Schweiz ist diese Epoche in Weinfelden vertreten (siehe Bild).

Erst die Zwanziger Jahre sind dann ganz geprägt vom Neuen Bauen. Der Werkstoff Beton wird nun gleichberechtigt neben den überlieferten Baumaterialien wie Mauerwerk und Holz eingesetzt. Als erster moderner Beton-Kirchenbau in Europa, wird die Kirche «Notre-Dame du Raincy» in der Nähe von Paris angesehen, 1922-1923 vom französischen Architekten August Perret erbaut. Darauf folgt dann die von 1925-1927 von Karl Moser errichtete Antoniuskirche in Basel, sie ist wirklich die erste reine Betonkirche und wurde übrigens zeitgleich mit dem Goetheanum von Rudolf Steiner in Dornach gebaut. Beide sind aus Sichtbeton, aber architektonisch völlig unterschiedlich. Die Antoniuskirche ist sehr systematisch und konventionell – im liturgischen Sinne – als dreischiffige Hallenkirche gebaut. So gesehen, ist die Antoniuskirche wirklich der Beginn des modernen Kirchenbaus in der Schweiz. Umstritten ist allerdings, ob die Kirche von Raincy von Auguste Perret wirklich das Vorbild der Antoniuskirche ist. Es ist allerdings nachgewiesen, dass Karl Moser und sein Sohn Werner die Baustelle in Raincy besichtigt haben.

Wesentlich ist: Karl Moser hat die Antoniuskirche – in Europa einmalig – in eine Randbebauung eingefügt und nicht auf die Mitte des Grundstückes, sie ist also Teil der Häuser entlang der Strasse. Das Expressive dieses Baus ist, dass der Eingang wie eine grosse Handorgel nach Innen immer kleiner wird und sich so abhebt von der Umgebung.

Mich persönlich aber sprechen emotional mehr filigran gebaute moderne Kirchen wie etwa die Pius-Kirche in Meggen an, eine Stahlgerüst-Konstruktion mit dem Marmor, der das Licht durchscheinen lässt. Sichtbeton-Kirchen wie etwa die Johannes-Kirche in Luzern sind mir zu kalt. Können Sie diese Abneigung gegen Beton verstehen?

Natürlich verstehe ich das, die Pius-Kirche kenne ich schon sehr lange und finde sie, innen wie aussen, etwas vom Schönsten im modernen Kirchenbau. Dazu ein paar Hintergründe. Wenn man die Kirche als Laie von aussen anschaut, dann wird man mit Sicherheit sagen: Die sieht ja aus wie eine Fabrik, wo ist denn hier die Kirche? Denn alle Bauten der Solothurner Schule, der Franz Füeg als Erbauer der Pius-Kirche angehörte, sind nach einem genauen industriellen Raster aufgebaut: Mechanisch, technisch, konstruktiv-funktionell. Füeg hat auch den Innenraum sehr geordnet, rechteckig gestaltet. Aber durch das schöne, diffus scheinende Licht bemerken es die Kirchenbesucher nicht so. Der durchscheinende, dünn geschliffene Marmor ergibt eine wunderbare Atmosphäre.

Architekturzeitschriften und Architekturkritiker loben ja übers Band die modernen Sichtbetonkirchen, bei den einfachen Gläubigen haben sie es aber schwer. Es ist die Rede von «Tiefpunkten des Kirchenbaus» oder «Betonbunkern der Neuzeit». Bauten die Architekten an den Gemütern der einfachen Gläubigen vorbei?

Nehmen wir das von Ihnen erwähnte Beispiel der St. Johannes-Kirche in Luzern vom Architekten Walter Maria Förderer. Er absolvierte die Fachklasse für Bildhauerei in Basel und eignete sich danach das Rüstzeug als Architekt in sehr guten Büros an. Alle seine Werke, und darum sind sie auch im In- und Ausland so bekannt, sind eigentlich immer Skulpturen. Seine Kirchen sehen aus wie verrückte, überdimensionierte Skulpturen aus. Die Johanneskirche in Luzern wurde 1967 – 1970 gebaut als «Beton-Skulptur-Kirche». Anders der Innenraum. Hier herrscht ein sehr warmes Klima und es gibt verschiedene Orte der Besinnung, wo man sich zurückziehen kann. Es hat einen offenen Altarbereich. Man spürt im Innenraum vom Brutalismus wenig. Es ist ein angenehmer, warmer Raum.

Zu den Schlagworten wie «Betonbunker». Es ist doch so wie in der Malerei und Plastik oder in der Musik: Wenn man sich nicht mit Neuerungen und dem ganzen künstlerischen Prozess, der hinter einem Neubau steht, beschäftigt, wird der Zugang dazu sehr schwer. Es ist dann sehr einfach, unreflektierte Zensuren zu erteilen und Schimpfworte auszuteilen, ohne sich mit der Materie zu beschäftigen. Dieser Mechanismus betrifft nicht nur den Kirchenbau. Wenn man sich aber intensiv mit Neuerungen in Malerei, Kunst und Architektur beschäftigt, ist die Bereitschaft da, deren Wert und Qualität anzuerkennen. Das ist «elitär», aber ich stehe dazu. Ich bemühe mich in Gebieten, wo ich nicht kompetent bin, nicht zu zensurieren.

Sie reden von Qualität und Wert: In einem Beitrag zum Jahrbuch 2013/14 der Lukasgesellschaft schreiben Sie, dass der Kirchenraum im Gefolge des II. Vatikanums «wohl schlicht, aber edel sein soll, was auch kostbar oder wertvoll heissen kann, aber nicht muss» (S. 34). Was bedeutet für Sie denn «wertvoll» – im Sinne von «teuer»?

Diese Frage kann ich leicht beantworten. Es geht mir hier um eine wissenschaftliche Differenzierung des Materialwertes. Ich will damit sagen, dass die künstlerische Qualität einer Kirche, ihre Aura und Ausstrahlung, nicht abhängig ist vom – materiellen – Wert eines Materials, wenn der Werkstoff gekonnt eingesetzt und bearbeitet wird.

Nehmen wir als Beispiel den Barock mit den Kirchen-Hochaltären. Meistens ist der untere Teil des Altars, die Mensa, aus Marmor, der obere Teil, die Retabel, aus bemaltem Holz. Sonst würde der Altar als Ganzes auch statisch gesehen zu schwer. Hier kommt kein Mensch auf die Idee, dies zu kritisieren. Also, zuerst auf die künstlerischen Qualitäten schauen, dann aufs Material!

Für mich ist das römische Messbuch der römisch-katholischen Kirche wichtig. Ich habe als Architekt ein paar Kirchen umgestaltet. Im Messbuch steht ganz klar, dass die katholische Kirche zum erneuerten Kirchenbau steht. Die Kirche müsse auch «offen für Neues» sein, steht dort. Auch der Begriff «würdig» kommt vor: Würdig bezieht sich hier aber auf die Gestaltung und den Ort, aber nicht darauf, dass das Material aus Gold sein muss.

Gibt es für Sie eine herausragende Gestalt im Kirchenbau der Moderne? Oder vielleicht auch ein Geheimtipp – ein Architekt, der bisher verkannt wurde?

Ich denke da an Rudolf Schwarz (1897-1961) aus Deutschland. Er ist, das ist das Erstaunliche, die grosse Figur sowohl in Theorie, Lehre und auch Praxis des Kirchenbaus im 20. Jahrhundert.  Er war ja befreundet mit dem bedeutenden katholischen Theologen Romano Guardini (1885 -1968). Schwarz hat unter anderem 1954 St. Michael in Frankfurt und 1956 St. Anna in Düren, das sind zwei meiner Lieblingskirchen von ihm, gebaut. Kein Architekt, der eine Kirche umgestaltet oder neu baut, kommt um ihn herum.

Dann ist auch Le Corbusier mit dem grossen Wurf der wohl berühmtesten Kapelle der Welt, «Notre-Dame-du-Haut» in Ronchamp und seinem Kloster Sainte-Marie de la Tourette in Lyon im Stil des Brutalismus enorm wichtig. Ronchamp übrigens hat nichts mit Brutalismus zu tun, mit konstruktivem Bauen. Die Kirche ist ein genialer Wurf mit zahlreichen Metaphern und Tricks, aber sie ist eine Ikone.

In der Schweiz ist natürlich Mario Botta (geb. 1943) sehr wichtig mit seinen Kirchen und Kapellen im Tessin, etwa die Kapelle Chiesa di San Giovanni Battista in Mogno weit hinten im Maggia Tal, verkleidet aus Natursteinen und einem schrägen Dach. Schön finde ich hier, dass das schräge Dach das Regenwasser sammelt und in einen Brunnen leitet, ein schönes theologisches Bild. Daneben, eher als Geheimtyp, finde ich einen anderen Tessiner Architekten, Raffaele Cavadini (geb.1954) aus Mendrisio sehr gut, der gefällt mir super, mit seinem Gebetshaus in Porta und der Aussegnungshalle in Iragna.

Während heute kaum mehr Kirchen gebaut werden, wurden in den letzten Jahren zahlreiche Andachts- und Meditationsräume an stark frequentierten Orten des modernen Lebens gebaut. Oder Kapellen entlang von Autobahnen, wie – ganz aktuell – der Plan einer Kapelle in Andeer von Herzog & de Meuron. Und zahlreiche Abdankungshallen bei Friedhöfen. Was halten Sie davon?

Ich denke, Aufbahrungsräume und Aussegnungshallen entsprechen einem grossen Bedürfnis des Abschiednehmens in würdiger Form. Sie wurden tatsächlich in den letzten Jahren an verschiedensten Orten gebaut und haben, auch weil oftmals Architekturwettbewerbe stattfanden, durchgehend eine hohe architektonische und innenräumliche Qualität.

Etwas anders sieht es natürlich mit den Andachtsräumen an vielbelebten Orten wie Flughäfen oder Bahnhöfen aus. Sie dienen ja Reisenden als Rückzugs- und Besinnungsort in der Hetze des Alltages. Weil sie für Gläubige unterschiedlicher Denominationen wie Nichtgläubige gleichermassen zugänglich sein sollen, und darum auf religiöse Zeichen ausdrücklich verzichten, führt das ev. zu einer gewissen Beliebigkeit.

Toll finde ich auch Autobahnkapellen und -kirchen, einige davon gibt es in Deutschland, eine in der Schweiz. Autobahnkirchen sind heute ein eigener Bautypus. Sie müssen, ihrer Bestimmung gemäss, auf jegliche konfessionelle Symbole verzichten, da sie ja «per definitionem» für Menschen aller Religionen und Weltanschauungen offen sein sollen. Das ist die Stärke des Projektes von Herzog & de Meuron. Mir persönlich gefällt insbesondere die Autobahnkirche von Guignard & Saner in Erstfeld, gebaut 1998. Diese Kapelle ist als überkonfessioneller Andachtsraum konzipiert, ein würfelähnliches Gebäude mit quadratischen grünen Fenstern. Von nahe sieht man, dass diese Fenster zwei Gläser, innen und aussen, haben, die gefüllt sind mit Glasscherben grüner Flaschen. Für mich ein wunderbarer Gedanke von Recycling und Nachhaltigkeit.

Nun werden heute ja oft Bankgebäude, Hochhäuser und Museen als «Kathedralen der Moderne» bezeichnet, die eine sakrale Stimmung erzeugen sollen. Geht das?

Gleich vorweg: Für mich ist der Ausdruck «Kathedralen der Moderne» eine unreflektierte, umgangssprachliche Worthülse. Aber natürlich haben auch Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, vielleicht Agnostiker, oft ein hohes ethisches Empfinden und suchen Räume auf, um nachzudenken oder zur Ruhe zu kommen. Es gibt nicht nur Kirchen, sondern auch säkulare Bauten, die tatsächlich eine «sakrale Eindrucksqualität» aufweisen. Diese «Sakralität» liegt in der Summe architektonischer und bildhafter Qualitäten eines solchen Raumes. So ist es möglich, dass sich auch ein Agnostiker durch ein Raumerlebnis stimuliert wird, sich mal mit religiösen Fragen zu befassen.

Eine ganz andere Frage zum Schluss: Mir fällt allgemein auf, dass nirgends in unserer Gesellschaft die Dominanz der Männer so gross ist wie im Kirchenbau der jüngeren Vergangenheit. Im Sammelband «Sakrales Zürich» etwa werden 83 Architekten aufgeführt, alles Männer. Bei den Künstlern, die kirchliche Innenräume ausschmücken, kommen hin und wieder Frauen vor. Warum diese Männerdominanz?

Es ist eine Tatsache: An naturwissenschaftlichen und technischen Fakultäten und Abteilungen unserer Hochschulen schreiben sich auch heute noch kaum Frauen ein; in den Geisteswissenschaften wie Kunstgeschichte und Literatur sind sie andererseits in der Überzahl. Diese Absolventinnen können in Museen, Verlagen oder Schulen eine Anstellung finden.

Etwas besser sieht die Genderfrage an den Schulen für Kunst und Gestaltung aus: Hier sind Frauen und Männer etwa gleich häufig. Das führt dazu, dass doch eine stattliche Anzahl von Frauen an Wettbewerben für Ausstattung und Kunst in der Kirche teilnehmen.

Auch in der Architektur ist heute der Anteil der Studierenden etwa fifty-fifty. Das führt dazu, dass in Architekturbüros und Hochbauämtern heute der Anteil angestellter Architektinnen recht hoch ist, hingegen ist bei privaten Architekturbüros der Anteil Architektinnen noch immer kleiner, doch hier ist ein Wandel zu beobachten: Manche der jüngeren Büros haben heute mehrere Teilhabende, darunter auch eine stattliche Zahl Architektinnen. Das lässt uns für die Zukunft hoffen…

Herzlichen Dank Peter Fierz für das spannende Gespräch.

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