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Baldegger Schwester Madeleine Schildknecht

 

«Warum gehören eigentlich Bosnien und die Schweiz nicht zum gleichen Land? (Palermo und Mailand liegen weiter auseinander.) Warum wurde ich 1000 Kilometer westlicher in einem demokratischen Sozialstaat geboren?» Diese Frage stellte Schwester Madeleine an den Anfang eines ihrer ersten Rundbriefe aus Bosnien. Nach 16 Jahren Tätigkeit als Lehrerin in Baldegg verliess sie die Schule, «um frei zu werden für einen lang gehegten Wunsch, nämlich unter Menschen zu leben, die von Friede und Gerechtigkeit ausgeschlossen sind». Noch hatte sie kaum konkrete Vorstellungen, als sie sich auf das Abenteuer einliess, in ein fremdes Land mit völlig fremder Sprache zu ziehen: «Ich hoffe ein Arbeitsfeld zu finden, in dem ich mit Ordensleuten zusammen etwas beitragen kann zu Frieden, Versöhnung und Menschlichkeit.»

Misstrauen und Angst

Im Kontakt mit den Ordensfrauen von der Gemeinschaft der «Anbeterinnen des Heiligen Blutes» in Banja Luka zeichnete sich bald eine Arbeit in Richtung Drogen ab. Schwester Madeleine wollte zuerst mit Süchtigen arbeiten. Sie merkte bald, dass Suchtprävention sinnvoller sei. Darum entschloss sie sich u.a., Jugendlichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zu verschaffen und so «ihre Persönlichkeit zu stärken, damit sie zu Drogen Nein sagen können». In Bosnien, nach dem Krieg zum Transitland für Drogen- und Menschenschmuggel geworden, begann damals ein eigentlicher Drogen-Boom. Zwar wurde und wird von den Politikern sehr viel gesagt über die Drogenproblematik. Doch es gibt kaum praktische Ansätze, um dem Problem zu begegnen. Langsam fand die Schweizerin eigene Wege. Kürzlich schrieb ihr ein EU-Experte aus Brüssel: «Ich kann Ihnen versichern, dass Sie mit Ihrer Aktivität in diesem Bereich auf weiter Strecke eine Vorreiterin auf dem Balkan sind.»

DROGA.TEL

Einige Monate nach ihrer Ankunft in Bosnien fand die Baldegger Schwester in Sarajewo Kontakt zu einem guten halben Dutzend Studentinnen, die etwas tun wollten gegen die Süchte, die sich in unter ihren Altersgenossen rasant ausbreiteten. Madeleine erinnert sich. «Sie hatten viele Pläne, aber kein Geld.» Allmählich reifte die Idee einer telefonischen Drogenberatung „Jugendliche für Jugendliche“ heran. Renovabis, «die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa» und die humanitär-karitative Organisation «Antoniusbrot» der Franziskaner unterstützten das Projekt finanziell. Obwohl das Zielpublikum Jugendliche sind, rufen fast nur Eltern an, die ihren drogensüchtigen Söhnen und Töchtern hilflos gegenüber stehen, da es nur wenig Behandlungsmöglichkeiten gibt. Zur Enttäuschung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des so genannten DROGA.TEL blieben die Anrufe mit der Zeit aus. Die Gruppe begann mit «Marketing», trat im Fernsehen auf und erreichte, dass eine berühmte Rockband für sie Werbung machte. Die Anzahl der Anrufe stieg an. Doch die Entwicklung der Telefonlinie bleibt ein ständiges Auf und Ab.

[bild19071w150l]Junge Menschen ausbilden

Im letzten Herbst verwirklichte sich nach längerer Vorbereitung ein zukunftsweisender Plan von Madeleine: der zwei Jahre dauernde Lehrgang für Fachkräfte der Suchtprävention. 15 junge Menschen lernen berufsbegleitend und auf möglichst praktische Art, suchtpräventive Projekte mit Jugendlichen durchzuführen. Damit beginnt sich eine Lücke zu schliessen. Dazu die Initiantin: «Die Idee entstand aus der Erfahrung, dass ich an den Grenzen meiner Kapazitäten bin, aber immer wieder Anfragen und Ermutigungen bekomme, die Präventionsprojekte auszuweiten. Es gibt in Bosnien-Herzegowina weder Fachleute für Suchtprävention und Jugendarbeit noch entsprechende Einrichtungen.» Sehr interessante Projekte wurden letzten Sommer in der Stadt Vitez durchgeführt. Daran beteiligte junge Erwachsene aus Zürich berichten darüber in dieser ite-Nummer.

Ansporn für Jugendliche

Madeleine Schildknecht ringt sich immer wieder durch, den Jugendlichen möglichst viel Verantwortung abzugeben. Sie schreibt in ihrem neuesten Rundbrief: «Ich habe schon einige Male erlebt, dass ich Projekte, die ins Laufen gekommen sind, den ehrenamtlich mitarbeitenden jungen Menschen mit dem Risiko des Scheiterns übergeben musste und sie nur noch diskret aus dem Hintergrund begleitete. Dann kam Stolz ins Spiel. Sie übernehmen die Verantwortung und – haben Erfolg.»

Für die Jugendlichen ist Madeleine – oder wie sie hier genannt wird: Magdalena – ein Ansporn. Eine junge Frau erzählte uns: «Wir sehen, was Magdalena tut, ohne etwas zu verlangen. Und wir hoffen, dass wir wenigstens von Zeit zu Zeit ihr Vorbild nachahmen können.»

Walter Ludin

Schwester Madeleine orientiert regelmässig in Rundbriefen über ihre Arbeit. Bezugsadresse: August Schildknecht, Rapsweg 15b, 5034 Suhr. E-Mail: schildknecht.fam@ziksuhr.ch

Magda-a-le-e-ena

MS. Als ich nach Bosnien kam, hatten die Leute oft Mühe, meinen Vornamen zu verstehen und auszusprechen. Wenn ich erklärte, dass Madeleine die französische Form von Magdalena sei, strahlten die Gesichter auf, weil dies hier ein sehr beliebter Name ist. In letzter Zeit kommt es etwa vor, dass jemand den bekannten Schlager zu singen beginnt: «Magda-a-le-e-ena, moje sunce, moja radost, moa ruÏa …/Magdalena, meine Sonne, meine Freude, meine Rose …»

«Lieber gratis liegen»

WLu. Ehrenamtliche Arbeit hat in Bosnien wie in andern Ländern der Region kaum Tradition. Viele, die dafür Zeit hätten, sagen sich: «Lieber gratis liegen als gratis arbeiten.» Madeleine Schildknecht hat auf diesem Hintergrund mit der Förderung der Freiwilligenarbeit eine wichtige Funktion übernommen. Überdies ist der freiwillige Einsatz vor allem für die Studierenden der Sozialwissenschaften eine wertvolle Bereicherung. Weil das Studium an der Universität sehr praxisfern ist, können sie dadurch Fähigkeiten aufbauen, die sie für den Aufbau einer menschenwürdigen Zukunft in diesem Land ganz notwendig brauchen.

ite2004-2

Bosnien-Herzogowina

ite 2004/2

Bosnien: Wo bleibt der Friede?
Pionierin der Suchtprävention
Brückenschlag Bosnien-Schweiz