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Interview mit einer Frau, die zupacken kann

Frau Brunner, eben kommen Sie von einer Gruppenreise in die Dominikanische Republik zurück. Was haben Sie jenseits des Atlantiks gesucht?

Ursula Brunner: Durch die Gruppenreise konnten wir Produzenten und Konsumenten zusammenbringen. Als Konsumenten wollten wir sehen und wissen, was es heisst, faire Bedingungen für den Handel mit Kakao zu schaffen. Wie früher bei den Bananen habe ich heute beim Kakao das Gefühl, dass nicht gerecht ist, was jetzt läuft.

Wo sehen Sie die Wurzel der Ungerechtigkeit?

Es sind wir Weissen, die den Markt bestimmen. Natürlich können wir unsere Macht auch zum Guten nutzen. Und das wäre? Indem wir keine Produkte kaufen, die beispielsweise durch Kinderarbeit entstanden sind.

Was steht solchen Forderungen entgegen?

Der Preis und die lokalen Gewerkschaften, die solche Forderung als Ausdruck von Kolonialismus bezeichnen. Unser Handeln ist eine Gratwanderung. Aber für mich ist klar, dass wir handeln müssen. Selbst dann, wenn im Handel vieles noch nicht gerecht läuft.

Verstehen Sie heute unter gerechtem Handeln dasselbe wie Sie dies vor vierzig Jahren taten?

Gerechter Handel meinte ursprünglich soziale Gerechtigkeit. Heute geht es auch um Fragen der biologischen Produktion.

«Im gerechten Handel kann man sich nicht konkurrenzieren », haben Sie öffentlich gesagt. Sind Sie, die ehemalige FDP-Kantonsrätin, gegen die freie Marktwirtschaft?

Sicher gegen diejenige, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Es kann nicht sein, dass der billige Preis das einzige Kriterium darstellt. Es gibt auch noch andere Kriterien zu berücksichtigen. Und vor allem, die Marktwirtschaft ist kein Gott. Pablo Ricardo sagt: Menschen sind zu Abfall geworden. Sie zählen nicht mehr. Sie sind nur noch ein Kostenfaktor – und teilweise nicht einmal mehr als Konsumenten interessant.

Was braucht es, damit Handel fair ist?

Produzenten und Produzentinnen brauchen eine garantierte Abnahme und einen Mindestpreis. Für die Kleinen unter ihnen sind Agrarsubventionen sehr wichtig. Grosse Unternehmen haben mehr Rückhalt bei den Banken und sind in ihrer Produktion auch diversifizierter als dies kleine Betriebe sein können. Für sie sind Durststrecken eher überbrückbar.

Und was taten Sie konkret für die Bauern in Übersee?

Wir haben eine Handelsfirma gegründet, die den Bauern die Produkte vorfinanziert. Um anpflanzen zu können, brauchen sie Kredite. Vom Sähen bis zum Verkaufen der Erträge braucht es eine lange Zeit, die finanziell überbrückt werden muss. Für unsere Handelsfirma geht es insgesamt um grosse Kredite, die ein beachtliches Risiko haben.

Ein Risiko für die Handelsfirma?

Ja, diese weiss nie, ob sie das Geld wieder zurückbekommt oder nicht. Bei einer guten Ernte gibt es natürlich keine Probleme. Doch wenn die Ernte schlecht ist, können die kleinen Bauern die Kredite nicht zurückbezahlen und wir haben finanzielle Ausfälle.

1973 gingen Sie für einen gerechten Preis für die Bananen auf die Strasse. Für was würden Sie im Jahr 2010 auf die Strasse gehen?

Der Preis ist nicht mehr die erste Frage. Er ist ohnehin nicht mehr transparent. Heute braucht es vor allem gezielte Informationen, damit die Menschen in der Schweiz mehr über die Zusammenhänge erfahren. Dazu müssen jedoch auch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen gemacht werden. So würden dann die Konsumenten für die neuen Kernthemen sensibilisiert. Und dann reagieren auch die Produzenten auf die neue Marktsituation.

Was heisst: Die Preise sind nicht mehr transparent?

Bananenaktionen in den Läden sind nicht logisch. Da geht es um Quersubventionen – hinter dem Wort Subvention versteckt sich viel.

Ist es am besten, wenn wir schon gar keine Produkte mehr aus Übersee kaufen würden?

Nein, es gibt einige Produkte, die man mit gutem Gewissen kaufen kann: Kaffee, Bananen und selbst den Kakao gibt es aus gerechtem Handel und biozertifiziert.

Konkurrenzieren sich gerechter Handel und biologischer Anbau?

Bio ist älter und den Menschen verständlicher. Auch denken die Konsumenten bei Bio zuerst an sich. Aber wenn man auch an die anderen Menschen denkt, dann muss man sowohl Bio als auch Fairtrade einkaufen.

Was ist bei Fairtrade besonders zu berücksichtigen?

Dass der Begriff nicht verwässert wird. Früher waren die Holländer ein grosses Vorbild. Heute nicht mehr. Heute ist England vorbildhaft. Es ist wichtig, mit den Fairtradeprodukten in die grossen Supermärkte zu gelangen.

Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie sich für den gerechten Handel einsetzen?

Es ist heute ein Thema. Vor allem Mädchen schreiben heute gute Maturaarbeiten zum Thema. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das in seiner Arbeit sehr viele Zusammenhänge herausgefunden hat. Auch einer meiner Söhne ging in den Fairtrade.

Bei einer solchen Mutter musste er ja?

Aber nicht wegen mir! Jost hat Bauer gelernt und liess sich kaufmännisch weiterbilden. Er fand eine Partnerin aus der Dominikanischen Republik. Mit ihr zog er zu ihrem Vater, einem Campesino. Jost hatte Lust, mit seinem Schwiegervater eine Bioproduktion auf die Beine zu stellen. Das ist natürlich ein Geschenk für mich!

Frau Brunner, Sie gelten als Pionierin im Einsatz für den gerechten Handel, besonders im Zusammenhang mit Bananen. Durch was zeichnet sich eine Pionierin aus?

Als wir Frauen den Einsatz für gerechte Bananenpreise begonnen haben, stand nicht die Professionalität im Vordergrund. Unsere Arbeit war wichtig, damit etwas in Bewegung kam. Später brauchte es Professionalität.

So können sich die Pionierinnen in den Lehnstuhl setzen und den wohlverdienten Lebensabend geniessen?

Nein, wir müssen wach bleiben. Professionalität verflacht, wird zur Routine. Jemand hat geschrieben: Pionierarbeit ist heute immer noch gefordert. Es braucht Menschen, die Missstände aufgreifen und zu handeln beginnen. Darin sah ich meine Berufung und die Aufgabe unserer Arbeitsgemeinschaft Gebana. Das von den Hilfswerken finanzierte Label Max Havelaar hatte eher Aufgaben professioneller Art.

Interview: Adrian Müller
http://www.adrianm.ch

 

Gebana

Hervorgegangen aus der Bananenfrauenbewegung in den 70er-Jahren, importiert und vertreibt die gebana nun seit dreissig Jahren Bio-Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft aus dem Süden. Die gebana unterstützt Kleinbauern in Burkina Faso, Brasilien, Tunesien und weiteren Ländern bei der Entwicklung von nachhaltigen und marktfähigen Bio-Produkten: Zu den wichtigsten Produkten zählen Trockenfrüchte wie Mangos und Ananas, Datteln, Cashewnüsse, Olivenöl und Kaffee.

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