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Wie Kulturaustausch Glauben verändert

Priester sei er für immer und das Wort Gottes könne er auf der ganzen Welt verkünden. Seit gut zehn Jahren wirkt Narcisse Elenga aus Zentralafrika als Pfarradministrator in einer Zürcher Pfarrei. «Solange man mich hier braucht, solange bleibe ich.» So lautet Narcisse Elengas persönliche Lebensdevise für die nächsten Jahre. Narcisse Elenga stammt aus dem nördlichen Landesteil von Kongo-Brazzaville, Zentralafrika. Seit zehn Jahren lebt der grossgewachsene und sportbegeisterte Priester in der Deutschschweiz.

Narcisse Elenga ist überzeugt davon, dass man den Priesterberuf überall ausführen kann. «Denn schliesslich gilt die Priesterweihe auf der ganzen Welt und ist zeitlebens gültig.» Er sei sehr gerne Priester und liebe seinen Beruf über alles. Keinen einzigen Tag habe er bis heute an seiner Berufung gezweifelt. Und es liegen doch schon zwei Jahrzehnte zurück, seit Narcisse in seiner Heimat 1990 zum Priester geweiht worden ist.

Leben in zwei Kulturen

Bald schon zehn Jahre lebt und wirkt Narcisse Elenga als Priester und Pfarradministrator in der Pfarrei St. Nikolaus im zürcherischen Hombrechtikon. Er fühle sich sehr wohl und lebe auch gerne hier, nur wenige Kilometer vom Zürichsee entfernt, sagt Narcisse Elenga. Er sei sehr gut aufgenommen worden in der Pfarrgemeinde und habe auch sofort seinen Platz innerhalb des Seelsorge-Teams gefunden. Auch den Schnee im Winter habe er inzwischen gern bekommen, erzählt er weiter. «Nur schmutzigen ‹Schneepflutsch› auf der Strasse kann ich nicht ausstehen.»

Alle zwei Jahre fliegt Elenga im Sommer für vier Wochen heim zu seiner Familie. Narcisse Elengas Muttersprache nennt sich «Makva» und ist eine der beiden Landessprachen von Kongo-Brazzaville, neben Französisch als Amtssprache. Inzwischen spricht Narcisse längst schon ein einwandfreies Hochdeutsch.

Doktorhut kann noch warten

Mitte der 90er-Jahre sei die Zeit für ein weiterführendes Theologiestudium für ihn reif geworden. Nach einem vierjährigen Grundstudium in Philosophie und weiteren vier Jahren Theologie in Brazzaville wollte er einfach mal weg, um etwas anderes zu sehen von der Welt. Er bat daher seinen Bischof  um die nötige Erlaubnis, was alles andere als einfach war. Nach verschiedenen Verhandlungen mit seinem «Chef» erhielt er die Erlaubnis, nach Deutschland  zu gehen. In Münster, Westfalen, studierte er weitere vier Jahre Theologie und begann dort seine Dissertation in der Dogmatik zu schreiben.

Eines Tages erfuhr er von einer freien Stelle in einer kleinen Schweizer Pfarrei. «Ich fand, dass es nach so vielen Studienjahren sinnvoll wäre, auch einmal eine pastorale Erfahrung zu machen.» Und so kam Narcisse Elenga im November 2000 nach Hombrechtikon.

Mit der angefangenen Doktorarbeit in der Tasche, immatrikulierte er sich gleich an der Universität Fribourg. Aber da Fribourg nicht gerade vor der Haustüre liege und sich momentan die Seelsorgearbeit in der Pfarrei zeitlich schlecht mit seiner Dissertation vereinbaren lasse, habe er sein Doktorat vorübergehend aufs Eis gelegt. Für den wissbegierigen Theologen steht aber schon lange fest: «Irgendwann werde ich meine Dissertation zu Ende schreiben. Dazu muss ich mich aber erst anders organisieren.»

Priester und nicht Pilot

Als Narcisse Elenga 1982 nach der Matura vom Internat in der Stadt in sein Dorf zurückkehrte, sprach er mit seiner Mutter über seine Zukunft.«Ich weiss nicht, ob ich Priester werden will», sagte er zu ihr. Sie war die erste Person, die er damals in seinen Wunsch, Theologie zu studieren, eingeweiht hatte. Die Antwort der Mutter sollte für den jungen Mann wegweisend sein: «Wenn du glaubst, dass Priestersein dein Weg ist, dann geh diesen Weg!», habe sie ganz einfach zu ihm gesagt.

Es existierte in Narcisse Elengas Familie kein Priesterwunsch. Das Familienleben war sicher christlich geprägt, aber nicht mehr. Man ging sonntags zur Kirche wie viele andere auch, und der kleine Narcisse wurde als Zehnjähriger in die Ministrantengruppe aufgenommen. Sein Traumjob damals war ein ganz anderer als etwa Priester zu werden. Bis fünfzehn wollte er nämlich Pilot werden.

Der Bischof verwaltet das Geld

In Narcisse Elengas Heimat studiert nur Theologie, wer sich auch zum Priester weihen lassen will. Es gibt keine Laientheologen. Die Mutter machte ihren Sohn damals auf diese speziellen Verhältnisse aufmerksam. Insbesondere darauf, dass er als Priester nie sein eigenes Geld verdienen könne. Die Kirche in Afrika ist auf ausländische Finanzhilfe angewiesen. Diese sogenannten Missionsgelder verwaltet jeweils der Bischof.

Ein afrikanischer Priester muss für alles und jedes die Erlaubnis des Bischofs einholen. Die finanzielle Abhängigkeit vom Bischof geht sogar soweit, dass ein Priester für jeden Liter Benzin um Geld anfragen muss. «Das erlebe ich hier natürlich ganz anders», sagt Narcisse Elenga. «Hier übe ich mein Priestertum als Beruf aus und erhalte dafür jeden Monat von der Kirchgemeinde ein Gehalt. Dadurch bin ich materiell unabhängig. Unvorstellbar, wenn ich hier für ein paar neue Winterschuhe erst den Bischof um Geld bitten müsste …!»

Auch heute noch, fast 30 Jahre später, denke er oft an die Worte seiner Mutter zurück. «Sie sind mir zum Segen auf meinem Weg geworden.» Narcisse Elenga weiss aber auch, dass er damals ebenso auf seine Mutter gehört hätte, hätte sie ihm vom Theologiestudium abgeraten. Schliesslich waren sie zu Hause sechs Geschwister. Es hätte ebenso gut sein können, dass die Familie auf ihn als Geldverdiener angewiesen gewesen wäre.

Sieht die Heimat mit anderen Augen

Er werde als ein anderer Mensch in seine Heimat zurückkehren, das wisse er jetzt schon. Denn, dass er irgendwann einmal zurückgehen wird, das steht für ihn bereits fest. Das Leben im Ausland und gerade auch diese zehn Jahre in der Schweiz haben ihn geprägt. «Ich habe inzwischen eine etwas andere Sicht auf meine Heimat bekommen», bekennt er. «Zum Beispiel war die Art und Weise, wie man hierzulande die Arbeit organisiert, eine total neue Erkenntnis für mich.» Auch die Offenheit, mit doktrinären und dogmatischen Fragen umzugehen, und das gute Funktionieren innerkirchlicher Organisationen haben Eindruck auf ihn gemacht. Er wird die hiesigen Verhältnisse nicht in seine Heimat mitnehmen und dort eins zu eins umsetzen können, dafür aber einiges davon, wenn auch nur im Ansatz, zu verwirklichen versuchen.

Als gut integrierter Zentralafrikaner vermisst Narcisse Elenga hierzulande manchmal etwas diese sichtbare Begeisterung, die den Afrikanern im Gottesdienst ins Gesicht geschrieben steht. Zu Beginn seiner hiesigen Seelsorgetätigkeit sei Klatschen während des Gottesdienstes völlig undenkbar gewesen, erinnert er sich. Inzwischen hätten es die Pfarreimitglieder aber selber feststellen müssen, wie gut es tue, etwa nach dem Auftritt eines Kinderchors, herzhaft in die Hände klatschen zu können.

Cécile Blarer Bärtsch,
Freie Mitarbeiterin
Zürichsee-Zeitungen,
Rapperswil-Jona

 

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ite 2010/3

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