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Zweigeteilte chinesische Kirche

Bei ihrer Beurteilung sei Schwarzweissmalerei nicht angebracht, meint der Redaktionsleiter der deutschsprachigen Abteilung der Nachrichtenagentur Kipa nach einem Besuch Chinas.

Seit 1958 ist Chinas katholische Kirche gespalten in eine offizielle Kirche, deren Bischöfe ohne Zustimmung des Vatikans geweiht und vom Staat eingesetzt werden, und in eine «romtreue» inoffizielle und verbotene Kirche. 1958 gründete der Staat die so genannte Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholischen Kirche. Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 standen alle christlichen Kirchen unter der vollständigen Kontrolle des Staates – das ist bis heute der Fall. Das Christentum sei von kapitalistischen Imperialisten missbraucht worden, um «kulturelle Aggression» zu betreiben, machte die Kommunistische Partei Chinas geltend. Und deshalb müssten insbesondere auch die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche in China und der katholischen Universalkirche mit ihrer «Einmischung in innerchinesische Angelegenheiten» durch Papst und Vatikan unterbunden werden. Bis 1955 wurden deshalb auch alle ausländischen Bischöfe und Missionare aus China vertrieben.

Öffnung mit Grenzen

Seit den 80er Jahren hat die offizielle katholische Kirche vor allem dank wirtschaftlicher Liberalisierung an Bewegungsfreiheit gewonnen: Es wurden offizielle Priesterseminare eröffnet und Schwesterngemeinschaften eingerichtet. Es durften Bibeln und andere religiöse Schriften gedruckt werden. Die Kirche konnte auch soziale Projekte entwickeln; Letzteres allerdings erst ab Mitte der 90er Jahre und in sehr beschränktem Rahmen. Die freie Entfaltung stösst allerdings noch rasch einmal an Grenzen: Ziehen Wallfahrten allzu viele Gläubige an, werden sie nicht selten kurzerhand verboten. Entsprechende Kirchen werden niedergerissen, wenn es sich um die «Untergrundkirche» handelt. Der Vatikan hat inzwischen etwa 80 Prozent der 74 Bischöfe der offiziellen katholischen Kirche Chinas, die ohne seine Zustimmung eingesetzt wurden, als geweihte Oberhirten in der Apostel-Nachfolge anerkannt.

Kluft

Doch die Kluft zwischen der offiziellen Kirche (74 Bischöfe, 1740 Priester und 3500 Schwestern) und nicht anerkannter «Untergrundkirche» (46 Bischöfe, 1000 Priester und 1700 Schwestern) klafft weiterhin. Denn an einer Versöhnung der beiden Gemeinschaften, die sich mancherorts misstrauisch gegenüberstehen, ist das chinesische Regime nur zu offensichtlich nicht interessiert: Eine vereinigte chinesische Kirche könnte zweifellos gewichtiger und dezidierter auftreten. Noch immer werden Vertreter der nicht offiziellen Kirche von den Sicherheitskräften des Staates verhaftet, ins Gefängnis oder ins Arbeitslager gesteckt. Das geschehe völlig willkürlich, werde je nach Region mehr oder weniger scharf gehandhabt und treffe vor allem charismatische Oberhirten und Priester, berichtet Weihbischof John Tong Hon in Hongkong. Als Bischof ohne Bewilligung der chinesischen Zentralregierung nach Rom reisen oder ausländische Missionare als Besucher empfangen: Das sind bereits ausreichende Verhaftungsgründe. Hier die «regimehörige» offizielle katholische Kirche und dort die «romtreue» inoffizielle «Untergrundkirche»? Die Wirklichkeit ist zu nuanciert, als dass sie solche Schwarzweissmalerei zuliesse.

Kulturrevolution

Weil während der Kulturrevolution die Ausübung jeglicher Religion strikte verboten war, verschwanden in dieser Zeit in ganz China fast alle sichtbaren Zeichen des Christentums. Die meisten Kirchen wurden entweder zerstört oder aber anderen Zwecken zugeführt. Sie dienten als Lagerhalle, Fabrik, Treffpunkt oder Zirkus. Folterungen durch Rotgardisten am eigenen Leib erfahren hat Pater Anthony. Der sanftmütige Mittsechziger verbrachte während der Kulturrevolution fünf Jahre in Einzelhaft und sieben Jahre in einem Arbeitslager. Die Kulturrevolution sei in jeder Hinsicht eine immense Katastrophe für das ganze Land gewesen, sagt er. Die Kirche aber sei gestärkt daraus hervorgegangen.

Pater Anthony leitet ein Priesterseminar unweit der 7-Millionen-Metropole Xi’an im Südwesten Pekings. Es ist eines der 14 Priesterseminare der offiziellen katholischen Kirche; die inoffizielle Kirche verfügt über 10 Seminare. Insgesamt zählt die offizielle Kirche über 580 Seminaristen und die inoffizielle über 800. Ebenfalls in Ausbildung sind je 800 Schwestern. Es gebe derzeit in China ein grosses Wertevakuum und eine grosse Sinnsuche, sagt Pater Anthony und erzählt, dass insbesondere Intellektuelle Interesse an der Bibel bekundeten, was aber nicht notwendigerweise die Taufe nach sich ziehe. Was die Missionierung angehe, so seien die Protestanten erfolgreicher als die Katholiken. In China wachsen die protestantischen Gemeinschaften enorm. Ihnen sollen derzeit mindestens 20 Millionen Menschen angehören. Laut evangelikalen Quellen sind es noch viel mehr. Die Zahl der Getauften der offiziellen und der inoffiziellen katholischen Kirche wird auf 12 Millionen geschätzt.

Rolle des Papstes

In Xi’an ist auch Bischof Li Du’an (77) zu finden. Er gilt im In- und Ausland als die moralische Autorität der offiziellen katholischen Kirche und steht auch in Gemeinschaft mit der Universalkirche. Insgesamt 23 Jahre seines Lebens verbrachte er in chinesischen Gefängnissen. Es sei heute die beste Zeit, um in China zu evangelisieren, bestätigt auch er. Noch nie seien die Menschen im Reich der Mitte dem Glauben gegenüber so offen und so positiv eingestellt gewesen. Und auch er meint, dass katholischerseits wohl weniger offensiv als von evangelischer Seite missioniert werde. Die Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholischen Kirche dürfte nicht über der Kirche agieren. Sie müsse innerhalb der Kirche und unter dem Bischof stehen, unterstrich Bischof Li Du’an kürzlich in einem freimütigen Interview mit der italienischsprachigen katholischen Zeitschrift «Mondo e Missione». Und: «Wir beten öffentlich für den Papst und scheuen uns nicht zu sagen, dass die Kirche eins, heilig, katholisch und apostolisch ist.» Im Übrigen anerkenne mittlerweile auch die chinesische Regierung, dass der Papst «die Rolle des Oberhauptes in der katholischen Kirche innehat».

«Drei Selbst»

Die offizielle Ideologie der vom chinesischen Regime gepflegten «drei Selbst» besagt allerdings noch etwas anderes. Kirchen müssen sich selbsterhalten und ohne ausländische Hilfe auskommen. Sie müssen sich selber verwalten und dürfen keine Beziehung mit Schwesterkirchen im Ausland und vor allem nicht mit dem Vatikan pflegen. Schliesslich müssen sie sich selber verbreiten. Sie dürfen über keine ausländischen Missionare verfügen. Nandsching, 6,5 Millionen Einwohner, einige tausend Kilometer südöstlich von Xi’an: Dem jungen Weihbischof Francis Lu von der offiziellen katholischen Kirche stehen im Gespräch mit den ausländischen Besuchern Vertreter der Patriotischen Vereinigung zur Seite. Es gehe der katholischen Kirche im Bistum «mit Unterstützung der Regierung besser und besser», unterstreicht der Bischof in seiner Ansprache.

Versöhnungsarbeit

Während der staatliche Druck die katholische Kirche im Süden Chinas, etwa in Nandsching, eher gelähmt zu haben scheint, wirkt derselbe Druck im Norden des Landes eher stimulierend.
In Qiqihar jedenfalls scheint der Wille sowohl bei den Vertretern der offiziellen Kirche wie bei jenen der «Untergrundkirche» vorhanden zu sein, das gegenseitige Misstrauen zu überwinden und gemeinsame Schritte zu tun

Josef Bossart/Kipa  

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Kirche in China

ite 2005/2

«Reich der Mitte»
«Romtreue» und «Abtrünnige»
In den Gefängnissen von Hongkong