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Kämpfen, um zu überleben

Abends legen sie sich in irgendeinen Winkel zum Schlafen. Am Morgen stehen sie auf und suchen auf der Strasse ihren Lebensunterhalt. Sie putzen Schuhe, bewachen Autos oder verkaufen Zeitungen. In Abfallkübeln suchen sie nach Nahrung. Auf stinkenden Müllhalden wühlen sie nach Altmaterial, das sie verkaufen können. Weil sie so viele sind, reichen diese Überlebens-Strategien oft nicht aus. Es bleibt manchen keinen andern Ausweg als Raub und Diebstahl.

Der Weg auf die Strasse

Viele Wege führen auf die Strasse. Meistens haben sie zu tun mit Armut und Elend. Kinder ertragen die dauernde Enge der Favelas (Elendsviertel) nicht mehr und ziehen aus. Oder sie werden von Stiefvätern aus der Familie ihrer Mutter hinausgeekelt oder hinausgeprügelt. Bei Mädchen kommt oft sexuelle Gewalt hinzu. Die Opfer sind im Durchschnitt zehn Jahre alt. Häufig werden auch Hausmädchen reicher Familien vom Hausherrn oder seinen Söhnen sexuell missbraucht. Wenn sie schwanger werden, gilt es als „normal“, sie fristlos zu entlassen. Wegen den herrschenden Moralvorstellungen ist es den allermeisten nicht möglich, nach Hause zurückzukehren.

Eines dieser Mädchen erzählt: „Ich bin 14 Jahre alt und habe gestern ein Kind geboren, hier auf der Strasse. Was ich mir vom Leben erhoffe? Ich hoffe, dass ich wenigstens 18 Jahre alt werde. Älter wird unsereins sowieso nicht. Wenn ich 18 bin, ist mein Kind vier Jahre alt, und es kann sich allein durchschlagen.“

Kinder werden ermordet

Das gleiche Mädchen sagt: „Ich weiss nicht, was Kindheit ist, ich weiss nicht was Liebe ist, was Zärtlichkeit ist. Das gab es nie in meinem Leben. Es gab kein Spielen, keine Zuneigung von Mutter oder Vater. Meine Kindheit hiess nur kämpfen, um zu überleben, kämpfen, um zu essen, um zu schlafen.“ Vielfach werden die Strassenkinder nicht als hilfs- und liebesbedürftige menschliche Wesen wahrgenommen. Sie gelten für manche als Monster, die es auszurotten gilt. Eine der grössten brasilianischen Illustrierten veröffentlichte die Schlagzeile: „Weg mit der Generation der Miserablen!“

In die Schlagzeilen der Weltpresse geriet 1993 das Massaker vor der Candelária-Kirche mitten in Rio de Janeiro. Dort wurden sieben Strassenkinder von Polizisten kaltblütig erschossen. Dies war keineswegs ein Einzelfall. Allein 1991 wurden 7000 brasilianische Strassenkinder ermordet.

Der Anführer der Kinder der Candelária erklärte zehn Stunden vor seinem Tod in einem Zeitungsinterview, er habe von Polizisten Morddrohungen erhalten: „Es besteht eine Gruppe, deren Aufgabe es ist, die Kinder hier im Zentrum zu vernichten.“ Die „Vernichtungskommandos“ werden von Kaufleuten, Hoteliers und Geschäftsleuten der Tourismus-Branche unterstützt. Man will schliesslich eine „saubere“ Stadt haben.

Kinder morden

Vor allem wenn die Kinder und Jugendliche der Strasse ihren Lebensunterhalt im Dienste der Drogen-Mafia verdienen, werden sie leicht selber zu Tätern. Kenner der Szene erklären, dass schon Achtjährige mit nordamerikanischen Heeres-Maschinenpistolen umzugehen verstehen. Die jungen Killer würden bevorzugt G-3- oder schweizerische SIG-Sturmgewehre tragen, meldeten im November 1997 die in Berlin erscheinenden Lateinamerika-Nachrichten. Weil diese Waffen eine grosse Reichweite hätten, würden immer mehr Stadtbewohner durch verirrte Kugeln getötet oder verwundet.

„Die Armut anklagen“…

In den Ländern der südlichen Kontinente gibt es Initiativen zum Schutze der Strassenkinder (vgl. unsere Artikel auf Seite 16 und 20). Da die Regierung an diesen Projekten kaum interessiert sind, brauchen sie Unterstützung aus dem Ausland. In den wenigsten Fällen besteht die Lösung darin, die Kinder nach Hause zu bringen, falls ein solches überhaupt noch besteht. Auch wenn die Herkunftsfamilie noch da und auffindbar ist, ist eine Integration in das häusliche Umfeld kaum möglich: „Dort würden die ursprünglichen Konflikte nur erneut eskalieren und alte Traumata wieder aufbrechen. Das monate- oder jahrelange Leben auf der Strasse und die damit verbundene Eigenständigkeit machen es zudem oft schwierig, diese Kinder wieder in die traditionell üblichen Strukturen einzupassen.“ (Uwe Britten: Zum Beispiel Kinderalltag. Süd-Nord-Reihe des Lamuv-Verlags)

Bei den älteren Kinder besteht die Hilfe darin, sie durch Berufsbildung auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. In den meisten Fällen steht am Anfang die caritative Versorgung. Es werden Stellen geschaffen, an denen die Kinder schlafen, essen, trinken und sich duschen können und wenn nötig ärztliche Versorgung erhalten. Die Brüder Waldemar und Leonardo Boff betreuen in Petropolis ein Werk für 1500 Strassenkinder. Es wird in Bellinzona, Lugano und Bern von Solidaritäts- Gruppen unterstützt.

Leonardo Boff, bekannter Befreiungstheologe, zitiert auf die Frage nach den Ursachen der Kindernot den – wie er sagt – „wahrhaft prophetischen Satz“, den Papst Johannes Paul II. vorletztes Jahr bei seinem Besuch in Brasilien gesprochen hat: „In einer solchen Armut kann man keine normale Familie haben. Man soll deshalb nicht die aufgelöste Familie angreifen, sondern muss die Armut und ihre Ursachen anklagen, welche die Familie zerstören.“

Walter Ludin

 

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Strassenkinder