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Wüste: Symbol für 40 Tage fasten
Wüste: Symbol für 40 Tage fasten

Eine Renaissance des Fastens?

Der Begriff «Fasten» bedeutet ursprünglich «festhalten» am Gebot, zu gewissen Zeiten teilweise oder ganz auf Nahrung zu verzichten. Wie der Begriff «Karneval» (= carnem levare/das Fleisch wegnehmen) andeutet, ist dabei vor allem der Fleischverzicht wesentlich.

In allen Kulturen und Religionen gibt es Fastenzeiten. Interessant ist zum Beispiel die dreimonatige Rückzugszeit der buddhistischen Wandermönche, die die junge Saat durch ihr Gehen durch die Felder zerstören könnten. Fasten bedeutet hier Schonung und Rücksicht. Im Hinduismus kommt die Ahimsa- Lehre dazu, das Nichtverletzenwollen, der gewaltlose Umgang mit den lebenden Wesen.

Die biblischen Religionen verbinden im Fasten die totale Anheimgabe an Gott mit der ebenso radikalen Solidarität mit den Menschen. Modellhaft sind die 40 Jahre des Volkes Israel in der Wüste und die 40-tägige Fastenzeit Jesu (Mk 1, 12f). Dieser stellt dem Versagen Israels seine bleibende Gottverbundenheit gegenüber.

Versuchungen

Matthäus (Mt 4) fächert die Versuchungen der Wüste aus:

  • die ökonomische Versuchung, alles zu Brot machen zu wollen und die Sinn- und Gottesfrage auszuklammern;
  • die religiöse Versuchung, Gott für die eigenen selbstbezogenen Interessen zu missbrauchen;
  • die politische Versuchung, die ganze Welt besitzen und beherrschen zu wollen.

Dass die Wüstenerfahrung mit der Ernährungsfrage zusammenfällt, zeigt sehr deutlich Psalm 95, das alltägliche Morgengebet der Kirche (wenigstens früher), das den Schöpfungsglauben mit Entbehrungserfahrungen verbindet. Plötzlich schlägt der freudige und anbetende Ton um in eine prophetische Mahnung. Es soll niemals wieder geschehen, was in der Wüste passiert ist: dass sich das Herz des Menschen verhärtet und sich gegenüber Gott verschliesst, weil es an Wasser und Fleisch fehlt (Ex 17,9).

Von daher wollte das Christentum zu gewissen Zeiten freiwillig hungern und auf Fleisch verzichten. In den ersten 1000 Jahren haben vor allem die monastischen Orden das ganze Jahr hindurch vollständig auf Fleisch verzichtet. In den Kirchen praktizierte man in dafür vorgesehenen Zeiten im Osten ein veganes (Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch und andere tierische Produkte), im Westen ein vegetarisches Fasten. Erst in jüngster Zeit passten sich die Kirchen, die westlichen mehr als die orthodoxen, dem konsumistischen Lebensstil an.

Kultur des Brotes

Seit einiger Zeit erkennt man, wie sehr der praktizierte Lebensstil alles aufbraucht und auffrisst. Pier Paolo Pasolini hat schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, dass der Konsumismus alles zum Objekt der Gier herabwürdigt und allmählichdas Leben, die Liebe, die Seele, den Sinn zerstört und letztlich im Nihilismus, in der absoluten Leere und Langeweile, endet.

Die Folgen sind verheerend. Wenn alle so lebten wie wir in der Schweiz, bräuchten wir dreimal die Erdoberfläche: Die Lebensbedingungen für Menschen, Tiere und Pflanzen werden sich drastisch verändern, sodass bereits die Überzeugung um sich greift, dass die Natur den Menschen entsorgen wird. Tiere werden immer effektiveren Ökonomiegesetzen unterworfen. Nun gibt es überall den lauten Schrei nach einer Kultur des Brotes.

Prophetische Kirche

Dass die Kirche zu einer solchen Kultur des Brotes berufen ist und diese angesichts der heutigen Welt prophetisch bezeugen muss, ergibt sich aus ihren Grundlagentexten.

Sie feiert ja die Gegenwart des Auferstandenen im Rahmen eines Mahles. Die Eucharistie, die Tischgemeinschaft wird so zum Zentrum einer christlich verstandenen «Kultur des Brotes».

Jene, die dieses Brot essen und aus diesem Kelch trinken, müssten als Verwandelte aus dem Abendmahlssaal herauskommen. Denn sie essen die sich selbst riskierende Liebe Jesu. Sie werden untereinander Schwestern und Brüder Jesu, die ihr Leben hingeben, teilen und immer mehr zu einer solidarischen Gemeinschaft heranwachsen. Nur eine solidarische Gemeinschaft ist Kirche, Ausgangs- und Endpunkt einer «Kultur des Brotes».

Heutige Fastenpraxis

Der Verlust des Fastens in den Kirchen und in den Orden ist nicht bloss ein bedauerliches Phänomen, sondern auch ein Substanzverlust des Glaubens selbst.

Zwar gibt es in vielen Pfarrgemeinden Fastengruppen. Sie verzichten für eine Woche oder auch länger auf sämtliche Nahrung und lassen sich dabei oft ärztlich begleiten. Sie lesen die Bibel, stärken sich im Gespräch und im Gebet. Meistens orientieren sie sich am sogenannten Buchinger Fasten,einer Praxis, die bemüht ist um seelische und geistige Gesundheit. Im Verhältnis zur allgemein defizitären Fastenpraxis der grossen Masse ist dieses Fasten hoch zu schätzen.

Dennoch stellen sich notwendige Fragen: Wird das individualistisch (das ist nicht schlecht!) motivierte Fasten überstiegen auf «Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung» hin? Verändert ein kurzfristiges Fasten das Konsumverhalten nachhaltig? Was ist mit dem Gros der Pfarreiangehörigen und mit der Fastenpraxis in den Orden?

Weltweite Solidarität

Seit Jahrzehnten fördern «Fastenopfer », «Brot für alle» und «Partner » durch ihre gut vernetzten Projekte den Gedanken der weltweiten Solidarität. Sie begleiten auch die genannten Fastengruppen und verbinden deren Bemühenmit dem Gedanken der Klimagerechtigkeit. 2013 haben sie von der Credit Suisse die Beendigung derNahrungsmittelspekulationgefordert.

Für 2015 stehen ihre Bemühungen unter dem Gesichtspunkt «Weniger für uns. Genug für alle» und: «Was wir essen, verändert das Klima». Anhand von Pouletfleisch wird aufgezeigt, «wie unser Konsum die Ernährungssicherheit vieler Menschen im Süden beeinträchtigt ». Und da steht auch: «Unsere Tiere fressen den Kleinbauernfamilien in den Produktionsländern (von Soja) buchstäblich die Lebensgrundlagen weg.» Wenn es doch gelänge, dass einer breiten Bevölkerung diese Zusammenhänge aufgehen.

Zu fragen aber ist, ob das schon genügt. Unsere Landwirtschaft muss sich von der Ökologie, von der weltweiten Gerechtigkeit und von der Tierethik her neu definieren. Das Konsumverhalten in der Schweiz, besonders der Fleischkonsum, muss grundsätzlich in Frage gestellt werden. Auch die Jahrhunderte alte Tradition des Fastens verlangt nichts weniger als dies.

Anton Rotzetter

Literaturhinweis: Anton Rotzetter, Annette Forster, Eva Opitz. Rette uns, wer kann. Fasten für Klimagerechtigkeit, Freiburg/Schweiz 2014


«Globalisierung der Gleichgültigkeit»

AR. Papst Franziskus hat auf Lampedusa die «Globalisierung der Gleichgültigkeit» beklagt. Zu unempfindlich seien wir geworden für das Leiden der anderen, besonders der Flüchtlinge. Ich möchte hinzufügen: auch für das Leiden der Tiere. Jean Bastaire, ein französischer Philosoph, spricht in einem offenen Brief an den Generalminister der Franziskaner von der «Anästhesie/Unempfindlichkeit (gerade der Christen) gegenüber dem Martyrium der Schöpfung».


Ausgezeichnetes Dokument

Unzählige Gruppen haben sich die Bewahrung der Schöpfung und die Frage nach einer neuen Ernährungsgrundlage als Lebensperspektive gewählt. So gibt es ein ausgezeichnetes Dokument «Nachhaltige Ernährung 2020». (http://sentience.ch/wissen/nachhaltige-ernahrung-2020/), das umfassend zum Thema informiert und konkrete Massnahmen vorschlägt.