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Das Wort wird vorgetragen
Das Wort wird vorgetragen

Worum geht es am Weltmissionssonntag?

Jedes Jahr stellt Missio im Oktober, dem Monat der Weltmission, die Kirche eines Landes als Gastkirche vor. Diese Gastkirche ist in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Ozeanien beheimatet. Die Gläubigen in der Schweiz sollen dadurch die Weltkirche besser kennenlernen. Exemplarisch ist in diesem Jahr Tansania zu Gast im Monat der Weltkirche.

Weltweiter Austausch

Der Solidaritätsgedanke, dass mit der Kollekte vom Weltmissionssonntag alle bedürftigen Bistümer gleichberechtigt unterstützt werden, steht im Vordergrund. Etwa 1100 Bistümer können so jährlich ihre Grundversorgung sichern. Die Aufgabe von Missio ist es, den Ausgleich und Austausch zu ermöglichen.

Es ist wie beim Bau und beim Unterhalt des Schienennetzes. Alle haben gerne einen freundlichen Service und pünktliche Züge. Kaum jemand denkt dabei an die tragenden Gleise.

Missio arbeitet an der Basis und ermöglicht den Austausch in beide Richtungen. So wird jedes Jahr eine Besonderheit der Gastkirche hervorgehoben. In diesem Jahr ist es die besondere Fähigkeit der Gläubigen in Tansania, auf das Wort Gottes zu hören. Ausdruck dafür sind die «Small Christian Communities», die Kleinen Christlichen Gemeinschaften, von denen es an die 20000 im ganzen Land gibt.

Wiege Ostafrika

Ostafrika wird oft als Wiege der Menschheit bezeichnet. In der weltberühmten Olduvai-Schlucht in Tansania wurden einige der ältesten menschlichen Knochen gefunden.

Ostafrika ist in gewisser Weise auch die Wiege der Small Christian Communities, auch wenn diese wesentlich jünger sind. Seit den 1970er-Jahren sind sie die Priorität in der Seelsorge in den Ländern Ostafrikas. Sie stehen am Anfang der Entwicklung eines Kirchenmodells, das sich über Afrika hinaus ausgebreitet hat.

In Asien hat dieses Modell des Bibelteilens einen fruchtbaren Boden gefunden. 50000 kleine Gruppen sollen sich allein in Südkorea auf diese Weise versammeln.

Langsam kommt dieses Modell in Europa an, wo nach neuen Wegen in die Zukunft in den Zeiten des Umbruchs und Wertewandels gesucht wird. Im Zentrum steht dabei das Bibelteilen als Ausdruck, eine neue Art Kirche zu sein.

Das Wort zieht magnetisch an

Auf die Frage, was denn die Stärke der Gläubigen in seinem Erzbistum Arusha sei, antwortet Bischof Josaphat Lebulu, ohne zu zögern: «Sie besteht im Durst nach dem Wort Gottes. Die Menschen hungernnach dem Wort Gottes.» Seit 14 Jahren wirkt hier Lebulu als Bischof.

Die Kirche neben dem Bischofshaus war schon lange zu klein. Zwei Messen am Sonntag waren zu wenig. Seit einigen Jahren gibt es eine richtig grosse Kirche mit vier Messen am Sonntag, obwohl die Pfarrei in drei Pfarreien aufgeteilt wurde.

Die Gläubigen sagen: «Wir wollen das Wort Gottes kennenlernen. Wir wollen verstehen, was Christus uns sagen möchte.» Der Durst und der Hunger nach dem Wort Gottes erreichen oft ein Ausmass, dass es Bischof Lebulu nicht erklären kann. Er erkennt darin das Wirken Gottes. Aus dieser Begierde wachsen Initiativen. Sie sind ein Impuls, am Aufbau des Landes mitzuwirken

10 bis 15 Familien

Viele Menschen verspüren eine Berufung und lassen sich als Katechisten ausbilden, werden Ordensleute oder Priester, um zu den Menschen gesandt zu werden. Das Wort kann seine Kraft entfalten, weil sich die Gläubigen wöchentlich in ihren kleinen Gemeinschaften von 10 bis 15 Familien treffen.

Männer und Frauen, Kinder und Alte: Sie versammeln sich, um das Wort Gottes zu hören und tauschen sich darüber aus. Ausgestattet mit Vertrauen und Kompetenzen sind sie die Kirche in der Nachbarschaft. Kleine christliche Gemeinschaften spielen eine Rolle in der Mediation bei Konflikten, Ungerechtigkeiten und Streit. Vor allem im Bereich der Ehe konnten viele Konflikte gelöst werden.

Geerdetes Wort

Ein sehr einfaches Zeichen ist im Kloster der Kapuziner in Morogoro zu sehen. Neben der Kirche ist ein Tau-Kreuz in die Erde gepflanzt. Es ist von einem Herzen eingefasst. Das Charisma des Heiligen Franziskus ist – nicht nur symbolisch – geerdet. Nun trägt es zahlreiche Früchte.

Bruder William Ngowi unterrichtet Bibelwissenschaften an der neugegründeten Universität in Morogoro. Aufmerksam beobachtet er die Entwicklungen rund um die Universität. «Als wir hierher gekommen sind, gab es noch nichts. Die Einheimischen glaubten nämlich, dass sich böse Geister an diesem Ort herumtreiben würden.» Mit ihrer Präsenz haben die Kapuziner gezeigt, dass Angst keine Motivation für Entwicklung und Fortschritt ist.

Leitende Frauen

Wie das Wort Gottes die Gesellschaft im Kleinen zu verändern vermag, zeigt sich in der Leitung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. «Die Hälfte der Kleinen Christlichen Gemeinschaften wird von Frauen geleitet», erklärt uns Hermann. Er ist Pfarreisekretär in Sanya Juu. Die Frauen sind in allen Funktionen tätig, die es in den Gemeinschaften gibt: als Vorsitzende und Stellvertreterin, Assistentin und Kassiererin.

«Meine Frau war neun Jahre lang für das Geld zuständig», erzählt Hermann nicht ohne Stolz. Er selbst ist mehrmals zum Leiter seiner Kleinen Gemeinschaft gewählt worden. Alle drei Jahre finden Wahlen statt. Wer auf einer höheren Ebene Verantwortung übernehmen will, muss zuerst Erfahrungen in einer Small Christian Community sammeln.

Gute Vorleser

Das Lesen des Evangeliums ist einer der Schritte, die zentral sind für das Leben der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. In der europäischer Praxis lesen mehrere Teilnehmende der Bibelgruppe einen Text manchmal in verschiedenen Übersetzungen. So sollen Nuancen zum Vorschein kommen.

In Tansania ist das nicht so einfach. Denn nicht jede Familie kann sich eine Bibel leisten. Das macht nichts, weil Afrika keine ausgeprägteSchrifttradition hat, wie wir sie kennen. Der Kontinent hat dafür eine reiche und lebendige mündliche Tradition. Deshalb ist das

Hören so wichtig.

Gute Vorleser können die Emotionen aus den biblischen Texten «herauslesen». Die Menschen haben die Fähigkeit entwickelt, genau hinzuhören. So ersetzt das Hören in gewisser Weise das Lesen. Der Austausch über das Gehörte ist ausschlaggebend.

Eine Einladung

Das Schreiben Africae Munus, das im Anschluss an die Synode der Bischöfe Afrikas erstellt wurde, ermutigt «zu Zeiten des gemeinsamen Austausches über das Wort Gottes» (Nr. 151). Angesprochen sind damit alle kirchlichen Gruppierungen.Diese Praxis  ermöglicht, über die eigenen Gedanken hinaus die Botschaft Gottes für uns Menschen zu erfassen.

Missio möchte mit der diesjährigen Kampagne, in der die Kleinen Christlichen Gemeinschaften hervorgehoben werden, den hiesigen Initiativen Mut machen. Der Blick auf den Reichtum an Talenten und Charismen der Weltkirche soll Einladung sein, von einem bewährten Modell zu kosten.

Siegfried Ostermann