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Zum Beispiel im Leimental SO

Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Schule ohne jegliche Gewalt! Nur angenommen! Da gäbe es keine Rangeleien- und Positionierungskämpfe mehr auf dem Pausenplatz. Es gäbe keinen Schlagabtausch um das Durchsetzungsvermögen auszutesten. Es gäbe keine Angebereien über erreichte Notenschnitte oder Sticheleien der ‘Bravheit’ wegen … Es gäbe aber auch keinen Notendruck, da Lernzielkontrollen als Druckmittel – und somit als Gewaltform – wegfallen würden. Erziehungsmassnahmen fielen weg. Gewaltfrei eben … Undenkbar! sagen Sie und ich gebe ihnen Recht.

Spiegelbild des Umfeldes

Grundsätzlich bin ich während meiner langjährigen Tätigkeit als Katechet und Jugendseelsorger zur Überzeugung gekommen, dass das Umfeld der Schule ein konkretes Spiegelbild unseres sozialen Umfeldes ist. Die Schülerinnen und Schüler spiegeln in ihrem Verhalten nämlich genau das wider, was sie zuhause und in ihrer näheren Umgebung erleben und in ihrem Alltag als prägend mitbekommen.

Sie verhalten sich so, wie sie es mit ihrer Muttermilch eingesogen haben und so, wie sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung meinen, dass es sich gewinnbringend zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit geziemt. (Man vergleiche hierfür nur einmal eine Schulklasse im Basler Kleinbasel mit einer Klasse im Berneroberland …).

Nur Beispiele von Gewalt

Wenn ich nun von dieser Tatsache ausgehe, so müsste also auch das Gewaltpotential und die Vielfalt der Gewaltformen, die in einer Schule anzutreffen sind, ein Spiegelbild der lokal und mentalitätsbezogenen Gesellschaft sein. So gesehen, kann dieser Beitrag kein allgemeingültiges Spiegelbild zum Thema ‘Jugend und Gewalt’ sein, sondern ist eine Arbeit, die spezifisch für ‘meine’ Region Geltung hat. Oder anders gesagt: Es gibt nicht die Jugendgewalt. Es gibt einzig ‘Beispiele der Jugendgewalt’, die durch örtliche und gesellschaftliche Strukturen und Lebensformen geprägt, dazu beitragen können, die Situation im eigenen näheren Umfeld kritisch zu durchleuchten …

Geformt durch Mariastein

Man nehme eine Schule im solothurnischen Leimental, 17 Kilometer von Basel entfernt, 300 Meter Distanz zur französisch/schweizerischen Grenze. Diese Schule liegt in einer Region, die geschichtlich gesehen dem Weinbaugebiet des Sundgaus zugerechnet werden muss. Eine Region, die – eingebettet in alte Bauerndörfer- zum Naherholungs- und Eigenheimbaugebiet im Einzugsrayon der Kulturstadt Basel wurde; ‘katholisch’ geformt durch das Kloster Mariastein, aber angeschlossen an Internet und Kabelfernsehen. Tradition der Dörfer und kultureller Einfluss der nahegelegen Stadt prägen also das Grundschema der Bevölkerung und damit der Schülerinnen und Schüler.

Jugendliche haben das Wort

Ich befragte Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse. Hier einige Zitate:

„Vor allem auf dem Pausenhof gibt es Gewalt. Körperliche Gewalt wie Schlägereien sind meist Folge von Streitereien und können schon mal mit einer blutenden Nase enden. Bedrohungen mit Messern hat es auch schon gegeben, aber das ist eine Ausnahme. Massenkeilereien gibt’s auch, aber die sind meist spielerischer Natur.“

„Verbale Gewalt finden wir aber auch schlimm! Das tut mehr weh, als man dann jeweils zugeben will.“ – „Beschimpfungen tun viel mehr weh, als ein ‘Chlapf’!“

„Die verbale Gewalt gibt es überall und immer mehr, dies wohl auch, weil von den Lehrern jegliche körperliche Auseinandersetzung gleich unterbunden wird: Fiesheiten geben keine blauen Flecken!“ – „Es gibt aber auch Lehrer, die uns mit Wörtern ‘schlagen’! Ich hasse Lehrer, die mich ‘aabemache’!“

„Immer mehr wird der Drang nach Gewalt an Gegenständen abgelassen: Verstopfte WCs, kaputtgemachte Lavabos und absichtlich eingeschlagene Scheiben! Aber lieber ein kaputter Wasserhahn, als ein kaputter Mitschüler!“

„Was ich gut finde ist, dass es bei uns an der Schule keinen richtigen Rassismus gibt. Die Ausländer, die bei uns wohnen sind fast alle gut integriert! Ok, wenn mich halt mal einer dumm anmacht, dann rutscht mir schon mal ein blödes Wort raus; aber die habe ich alle in der Stadt gelernt (die Wörter).“

„Schulstress, Notendruck und Strafen empfinden wir auch als Gewalt. Das ist einfach erlaubte Gewalt von oben herab! Da merkst du auch gleich, ob der Lehrer gut drauf ist oder ob er eine Sch…laune hat!“ – „Ich finde ‘Striche’ und Arrest Kindergartenkram! Es nützt ja eh nichts, ausser dass ein Zeugniseintrag deine Zukunft vermiesen kann! Da bekomme ich nur eine Wut, dann gehe ich zuhause mich am Boxsack austoben!“

„An einem Tag bis zu drei Tests finde ich gewaltig eine Gewaltform! Und erst noch eine, wo du dich nicht wehren kannst! Neun Stunden Schule, eine Stunde Hausaufgaben und dann noch lernen: Da würde ja jeder Erwachsene gleich zur Gewerkschaft rennen, aber wehe, ich hab mal einen Kaugummi im Mund, dann kommt noch eine zehnte Schulstunde dazu!“

Gesamtbild

Versuche ich nun all die Zitate der Schülerinnen und Schüler zu interpretieren, so ergibt sich folgendes Bild:

Die Gewalt unter Gleichaltrigen wird erkannt, aber nicht partout als schlecht angesehen. Die Gewalt, die aus Strukturen hervorgeht jedoch, wird als viel unangenehmer und brutaler empfunden. Als Erwachsener muss mich das hellhörig machen (als erwachsener Christ erst recht!). Denn unser funktionierendes System ist voll von Gewalt, nur wird sie von uns nicht mehr als solche wahrgenommen. Oder, was fast noch schlimmer ist: Sie wird gezielt als erzieherisches Moment eingesetzt. Dass aber all das, was wir bei den Jugendlichen als ‘verwerfliche, brutale Gewalt zu erkennen glauben, Teil einer gesunden Entwicklung sein kann, wollen wir nicht wahrhaben.

Wo bleibt die Streitkultur?

Sind wir dazu fähig oder bedarf es immer gleich einer fachlichen Begleitung, um das ‘Problem’ in den Griff zu bekommen? Sehen wir den Dorn im Auge der Jungen und übersehen wir unseren eigenen Balken, der uns wie ein Brett vor dem Kopf blockiert?

Gewaltfrei, aber nicht streitfrei

Ich weiss diese Frage wirkt provokativ und wird den ganzheitlichen Betrachtungsweisen, die zum Thema Gewalt nötig sind, nicht gerecht! Aber sie ist es wert, einmal angedacht zu werden! …denn es wäre ja möglich, nur angenommen natürlich, es gäbe eine Schule ohne unfaire Gewalt, aber mit fairen Auseinandersetzungen und guten Schlichtungsansätzen, welche die Wertschätzung jedes Einzelnen sichert: Gewaltfrei, aber nicht streitfrei!

Martin Schwitter,
Jugendseelsorger und Katechet im Solothurnischen Leimental

 

ite2003/05

Jugend und Gewalt

ite 2003/5

Wurden die Jugendlichen gwalttätiger?
Welche Jugend? Welche Gewalt?
Gewaltfrei Konflikte austragen