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Werner Gallati (l.) mit seinem Bruder Raimund im Klostergarten von Olten.
© Beat Baumgartner
Werner Gallati (l.) mit seinem Bruder Raimund im Klostergarten von Olten. © Beat Baumgartner

In kinderreichen katholischen Familien kam es früher nicht mal so selten vor, dass mehrere Geschwister in einen Orden eintraten. So auch bei der Familie Gallati aus Näfels, wo gleich zwei Brüder – Werner und Raymund – zu den Kapuzinern gingen.

Wenn ich in Olten bei der Missionsprokura für eine Redaktionssitzung bin, begrüsst mich Bruder Werner jeweils verschmitzt mit «His Excellence» und ich antworte mit «His Eminence» – und wir lachen lauthals. Auch Werner’s eher zurückhaltender älterer, leiblicher Bruder – Raymund – erlebe ich beim Mittagessen im Kloster als witzig und humorvoll. Was lag darum näher, die beiden Gallati-Brüder mal etwas näher kennen zu lernen, beim lockeren Gespräch an einem wunderbaren Sommertag im Klostergarten von Olten.

Franziskus als Vorbild
Oft sind Werner (1945) und Raymund (1937), die mit fünf Geschwistern aufgewachsen sind, im Laufe ihres Lebens eigene Wege gegangen. Ihre Lebenspfade haben sich aber auch immer wieder gekreuzt, etwa während ihres missionarischen Einsatzes auf den Seychellen oder jetzt wieder im Kloster Olten. Und noch eine weitere Gemeinsamkeit ist mir aufgefallen: Bei «missionarischen Berufungen», die es in den 50er- und 60er-Jahren in der Schweiz sowohl bei Frauen- wie Männergemeinschaften zu Hunderten gab, spielen religiöse Vorbilder und die durch sie gelebte Spiritualität eine zentrale Rolle – auch bei den beiden Brüdern.

Bei den Kapuzinern waren es der Grossonkel, der Kapuziner und Guardian Fidelis Klaus, sowie insbesondere auch Pater Raymund Stocker (1901-1970), Präfekt der Kapuziner-Klosterschule von Näfels (von 1941-1968), die nachhaltigen Einfluss auf beide Gallati-Brüder ausübten: «Raymund Stocker vermittelte uns Sekundarschüler im Kollegi (an der Klosterschule) Näfels konkret die Spiritualität des Heiligen Franziskus», erinnern sich übereinstimmend Raymund und Werner. Zuerst allerdings absolvierte Paul, so Raymunds Taufname, eine Lehre als Schriftsetzer beim CVP-nahen Glarner Volksblatt und engagierte sich bei den Pfadfindern. Beim «Cabaret Röslichöl» stellte er seine komödiantischen Begabungen unter Beweis. Entscheidend für seinen weiteren Lebensweg – «ich war damals stark auf der Sinnsuche» – war allerdings das Missionsjahr 1960/1 (aus dem das katholische Hilfswerk Fastenopfer hervorging). Jetzt wollte Paul nach Übersee, ihm schwebte eine Karriere als «Laienhelfer des gedruckten Wortes» vor, er meldete sich beim Katholischen Laienhelferwerk, auch die Salesianer waren ihm auf den Fersen, doch dann – Präfekt Raymund Stocker sei’s gedankt – dockte Paul 1961 bei den Kapuzinern an. Und aus Paul wurde 1966, in Anlehnung an seinen Kollegi-Lehrer Stocker, Bruder Raymund.

Aussendung auf die Seychellen
Und jetzt ging’s in die Mission: Als ihn der Provinzobere fragte, ob er nicht auf die Seychellen gehen wolle, einen Drucker wie ihn könne man dort immer brauchen – der Vorgänger Br. Janvier war nämlich unverhofft noch vor seiner Profess aus dem Orden ausgetreten – sagte Raymund Ja: «Schickt mich dorthin, wo ihr mich braucht!» Er lernte ein Jahr Französisch in der Abtei von St. Maurice, Englisch in London und verbesserte seine Druckerkenntnisse in einer Clichéfabrik in Neuenburg. Dann am 27. November 1966 feierte man die Aussendung in Näfels: Das ganze Dorf war auf den Beinen, auch die Familie Gallati, auf einem Bild vom Anlass zeigen sich Geschwister und Raymunds Mutter hocherfreut über ihren frischgebackenen Missionar: Der Vater allerdings – von Beruf Handelsreisender und der katholischen Religion weniger zugetan – schaute eher kritisch in die Kamera: «Ja, meine Mutter betete gern und oft, doch mein Vater eher weniger.»

«Und du, Werner, wie bist du bei den Kapuzinern gelandet?» – Bruder Werner kommt ins Schmunzeln und beginnt zu erzählen, würzt seine Kommentare immer wieder mit lustigen Bonmots: «Ja, nach Präfekt Stocker’s Wunsch hätte ich sogar Priester werden sollen, doch ich war halt damals auch den weltlichen Freuden zugetan.» Werner erlernte darum zuerst den Beruf des Treuhänders, engagierte sich ebenfalls als Pfadfinder und hatte sogar eine Freundin. Mit ihr – Stichwort «Sinnsuche» – wollte er sogar nach Afrika reisen, um dort den «armen Menschen» zu helfen. Doch dann entschied sich Werner 1969 – wie sein leiblicher Bruder – bei den Kapuzinern einzutreten. «Ich wurde mir bewusst, dass ich – ganz ohne Frau und Kinder – mich besser meiner Aufgabe, ich wollte ja auch in die Mission, widmen konnte und verfügbarer war.»

Bischofssekretär und Drucker
So reiste Bruder Werner 1974, noch vor der ewigen Profess, auch auf die Seychellen, wo sich die Wege der beiden Brüder Gallati wieder kreuzten. In der Hauptstadt Victoria war er die folgenden drei Jahre als Sekretär des Bischofs für die Finanzen der Diözese zuständig und somit auch für jene der Diözesandruckerei, die dort seit acht Jahren von seinem Bruder Raymund geführt wurde.

Besagte Druckerei mit ihren 20 Angestellten, die noch heute existierende «Imprimérie St. Fidèle», hatte Raymund, und man sieht ihm den Stolz noch heute an, zur besten Druckerei des Inselarchipels gemacht. Das meiste wurde noch in Bleisatz erledigt, doch man verfügte auch über eine Offsetmaschine und konnte so als einzige Druckerei des Landes Zeitungen, Magazine und Bücher mit Bildern illustrieren.

Chef Raymund war nicht nur als Setzer und Drucker tätig, sondern oft selber auch als Fotograf unterwegs. An eine Geschichte aus dieser Zeit erinnert er sich besonders gerne. Lassen wir ihn gleich selber erzählen: «Nun ja, eines Tages erhielt ich vom Bildungsminister einen besonderen Auftrag: Unsere Druckerei sollte für die Seychellen Banknoten drucken. Die Regierung wollte vorgängig Muster gedruckt haben, um sie in den Schulen zu zeigen.» Also druckte Raymund 5er-,10er-, 20er-, 50er- sowie 100er-Rupennoten, alle mit denselben Seriennummern 00066.

«Die Makulaturen, respektive missratenen Drucke steckten wir in einen Sack und brachten sie auf die Mülldeponie. Dummerweise waren einige Meter davon entfernt Häftlinge dabei, einen Abschnitt jener Deponie auszuebnen. Sie entdeckten diese Makulaturen und nahmen sie an sich. Auch Kinder kamen hinzu, schnitten mit Scheren die Banknoten aus und gingen damit auf Einkaufstour.» Noch am selben Abend schlug die Regierung Alarm und warnte am Radio vor Annahme des Falschgeldes. Und am nächsten Morgen wurde Raymund vom Geheimdienst zum Verhör abgeführt, das für ihn allerdings glimpflich ausging, da er alles richtig gemacht hatte.

Raymund und Werner können über diese Geschichte noch heute lachen, einige der Blüten sind immer noch in Raymunds Besitz – «die hab ich im Brevier bei einem Heimaturlaub rausgeschmuggelt» – und mit Schmunzeln zeigt er auf die 50er-Note, wo ein Graphiker wohl in der rechten Ecke oben in eine Gruppe von Palmen das Wort «Sex» geschmuggelt hat: «Der Chief Minister galt als Lebemann und Playboy und brachte von seinen Reisen immer wieder neue Frauen mit nach Hause.»

Auf der Seite der armen Bevölkerung
Auch Werner Gallati hat aus seiner Zeit auf den Seychellen Spannendes zu berichten. Insbesondere gab es in den 70er-Jahren zunehmend Spannungen zwischen den jungen, sozial engagierten und von der katholischen Soziallehre beeinflussten Kapuzinern und den älteren Seycheller Missionaren, die meisten davon aus der Romandie. Im Zusammenhang mit der Anhebung der tatsächlichen Löhne an die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne kam es im Land zu Protesten und Demonstrationen. «Wir jungen Kapuziner schlugen uns auf die Seite der armen Bevölkerung, die älteren Kapuziner auf die Seite der Regierung.» Als Werner dann in Victoria 1975 die ewige Profess ablegen wollte, lehnte der Provinzrat ihn knapp mit 4 zu 3 Stimmen ab und er hätte eigentlich abgerufen werden müssen. Doch mit Hilfe des Bischofs, der auf der Seite der jungen Ordensmitglieder und der Bevölkerung stand, machte er als Sekretär weiter: «Ich liebte die Seychellen, ihre traumhafte Natur, und hatte wunderschöne und zahlreiche Kontakte zur Bevölkerung.»

Missionsprokura in Olten

Bruder Werner wäre gerne noch länger auf den Seychellen geblieben, doch dann erkrankte der damalige Leiter der Missionszentrale der Kapuziner in Olten, und Bruder Werner übernahm nach einem Heimaturlaub 1978 die Leitung der Missionsprokura. Hier betreut er seither, seit 2013 als Mitarbeiter, seine Mitbrüder in den Missionen auf ihren Heimaturlauben. Ende der 70er-Jahre waren es noch mehr als 100, die in Tanzania, Madagaskar und Indonesien, auf den Seychellen, im Tschad, in Chile, Peru und Ecuador als Priester oder Laienbrüder im Einsatz standen. Alle fünf Jahre erhielten diese Kapuziner-Missionare einen Heimaturlaub, besuchten Verwandte und Eltern und wohnten in den Schweizer Heimatklöstern. Heute kommen die wenigen, noch verbliebenen Schweizer Kapuziner-Missionare alle zwei Jahre auf Urlaub, vorwiegend, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Sie haben kaum mehr Verwandte und logieren darum vorwiegend in Olten.

Man darf sich Bruder Werner aber nicht nur als Administrator, als «Verwalter und Weiterleiter von Spendengeldern», vorstellen. Seine Leidenschaft war schon immer Reisen in Übersee. Er hat nicht nur die Reisen für die Kapuzinermissionare organisiert, sondern auch unzählige Projektreisen für die Provinziale nach Tansania (alleine acht Mal), Indonesien, Papua Neuguinea, Seychellen, Indonesien und Madagaskar. Fünfzehn Mal leitete er auch Gruppenreisen ins Heilige Land. Für Angehörige der Kapuzinermissionare organisierte er zudem in früheren Jahren mehrere Leserreisen der Zeitschrift «Sonntag» nach Tansania, seit dem Jahr 2000 verantwortet er die beliebten Leserreisen unserer Zeitschrift ITE nach Tansania, Sri Lanka und in andere Länder (die geplante Reise auf die Seychellen und Madagaskar von diesem Herbst musste – corona-bedingt – leider abgesagt werden.).

Weitere Einsätze als Drucker
Seit fünf Jahren (2016) lebt auch Raymund als Pensionär im Kloster Olten und hilft bei Bedarf als Pförtner, Küchen-, Sigrist- oder Gärtnergehilfe aus. Doch was machte eigentlich Raymund die 30 Jahre, die seinem Missionseinsatz auf den Seychellen folgten, von 1976 bis 2015? Nach einem Sabbatjahr, das er zur Weiterbildung nutzte, leitete Br. Raymund zwei bischöfliche Druckereien in Tanzania und Madagaskar. In Madagaskar traf er nochmals strube Zustände an: «Die ganze Belegschaft streikte, die Termiten hatten Teile der Setzkästen zerfressen, alle Bleibuchstaben und andere Teilchen lagen wild durcheinander und mussten erst mühsam sortiert werden.» Andererseits konnte sich dort die Druckerei lange über Wasser halten, weil sie ein Monopol auf die Herstellung kunstvoller Stempel für die Regierung hatte.

1981 kehrte dann Raymund in die Schweiz zurück und leitete bis 2016 die Provinzdruckerei der Kapuziner im Kloster Wesemlin. Daneben war er Stellvertreter des Guardians, führte die Bücher, kochte, war Haustechniker und arbeitete 16 Jahre lang zwei Mal wöchentlich im Bus der MAPLU, der mobilen Aidsprävention von Luzern mit. Einmal drohte ein Betrunkener ihn zu erschiessen: «Ich sagte ihm: Franz von Assisi stand immer auf der Seite der Armen und Aussätzigen. Er würde heute hier im Bus arbeiten. Dann sagte der Betrunkene: OK, Pfarrer, ich lasse dich noch etwas leben.»

Nie bereut
Werner und Raymund Gallati, das ist lebendige Missions- und Kapuzinergeschichte. Beide haben es nie bereut, in den Kapuziner-Orden eingetreten zu sein: «Wir hatten zwar auch unsere Krisen, das passiert doch jedem, aber grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir geleistet haben», sagt Werner Gallati … und sein Bruder Raymund nickt zustimmend. «Die Missionen, unsere Mitbrüder und der Einsatz an zahlreichen Orten der Welt haben uns den Blick für die Vielfalt der Welt und der Kulturen und Religionen geöffnet!» Was will man mehr?

Beat Baumgartner