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Julius Nyerere im Franciscan Seminary in Maua (um 1974) mit P. Ladislaus Siegwart (r.) und P. Gandolf Wild (l.). © Misisonsprokura Olten
Julius Nyerere im Franciscan Seminary in Maua (um 1974) mit P. Ladislaus Siegwart (r.) und P. Gandolf Wild (l.). © Misisonsprokura Olten

War Staatsgründer Julius Nyerere (1922-1999) wirklich der tansanische Moses, der sein Volk aus der Knechtschaft der Kolonialzeit herausführte oder bloss ein Idealist, der an den Widerständen in Politik und Gesellschaft scheiterte?

In Tansania jedenfalls ist man überzeugt, dass der «Vater der Nation» (Baba wa taifa), der zeitlebens in Afrika als Friedenstifter wirkte, wegen seines «heiliggemässen und vorbildlichen» Lebens selig gesprochen werden müsste. 

Bereits zu Lebzeiten galt der tansanische Staatsgründer Julius Nyerere als moralischer, nicht korrupter «Leuchtturm» neben all den afrikanischen Potentaten, Diktatoren und Kleptomanen. Das sah auch die katholische Kirche Tansanias so und darum beantragte Bischof Justin Samba aus Nyereres Heimatdiözese Musoma schon wenige Jahre nach seinem Tod dessen Seligsprechung. Dieser Wunsch fand 2005 Gehör in Rom. Ein Jahr später würdigte der Erzbischof von Daressalam, Polycarp Kardinal Pengo, Julius Nyerere als «Diener Gottes», die erste Stufe einer kirchlichen Seligsprechung.  Im selben Jahr erschien zudem von Pater Felician V. M. Nkwera auf Swahili die Schrift «Nabii Musa wa kisiwa cha amani Tanzania» (J.K. Nyerere: Der Prophet Moses von der Friedensinsel Tansania). Darin wurde Nyerere als von Gott geführten Gesandter bezeichnet, der – wie Moses im Alten Testament – sein Volk aus der Knechtschaft herausgeführt habe. Damit traf Pater Felician wohl die allgemeine Stimmung im ostafrikanischen Staat, nicht nur jene der katholischen Bevölkerung.

Privilegierte Herkunft
Um diesen Wunsch nach Seligsprechung zu verstehen, ist es wichtig, Herkunft und Leben des tansanischen Politikers näher zu beleuchten. Julius Kambarage Nyerere stammt aus einer privilegierten Familie. Er wurde am 13. April 1922 in Butiama am Ostufer des Victoriasees als Sohn eines Oberhauptes der kleinen Volksgruppe der Zanaki geboren. In der katholischen Sekundarschule St. Mary’s Mihayo in Tabora liess er sich als Jugendlicher taufen. Anschliessend studierte Nyerere zuerst in Makere, Uganda, von 1949-1952 dann – als erster Tansanier überhaupt – in England an der Universität Edinburgh. Dort wurde er stark beeinflusst von den Schriften von Jean Jacques Rousseau, John Stuart Mill sowie von der Fabian Society, einer sozialistisch intellektuellen Bewegung. Unter ihrem Einfluss entwickelte Julius Nyerere später seine politische Ujamaa-Philosophie eines Sozialismus afrikanischer Prägung.

Nach seiner Rückkehr aus England arbeitete Julius Nyerere für kurze Zeit an zwei katholischen Sekundarschulen. 1954 war er ein Mitbegründer der Befreiungsbewegung TANU (Tanganjika African National Union), mit der er das Land friedlich in die Unabhängigkeit führte. Seit 1961 war er Präsident von Tansania, bis er 1985 aus Enttäuschung über die erfolglose Politik des sozialistischen Einparteien-Staates zurücktrat (davon später). Bis zu seinem Lebensende war Nyerere anschliessend bei zahlreichen Konflikten Afrikas als Friedensvermittler unterwegs und wurde für sein Engagement mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet (etwa 1983 den Nansen-Flüchtlingspreis, 1992 den Simon-Bolivar-Preis der Unesco, 1995 den Gandhi-Friedenspreis der indischen Regierung, sowie postum 2009 die Ehrung als «World Hero of Social Justice» der UNO).

Integer und gläubig
Zentral für die Persönlichkeit Nyereres und sein politisches Wirken war seine absolute Unbestechlichkeit und auch sein katholischer Glaube. Die Ansicht, dass Nyerere kein «ausserordentliches spirituelles Leben» geführt habe und darum eine Seligsprechung «absolut sinnlos» sei (so die Meinung von Msema Kweli in www.tansania-information.de), teilen darum nur die wenigsten Menschen in Tansania. Eine, die «Mwalimu Nyerere» (Lehrer Nyerere) noch persönlich kannte, ist die 2014 verstorbene Kapuzinerin Aquinas Botting, die 35 Jahre in Tansania gelebt hat. Sie charakterisiert 2006 in einem Artikel den Menschen Nyerere so:

«Ich erlebte ihn als einen Mann hoher Integrität mit einer tiefen spirituellen Basis in seinem Leben. Er erkannte, wie wichtig es war, seinem Volk innerhalb seines sozialen Milieus zu dienen, und dies war – im Umfeld des Kolonialismus und Postkolonialismus – das Volk des ganzen Landes. In seinem persönlichen Leben und als Präsident von Tansania entsprang sein Leitbild eindeutig seinem religiösen Glauben als praktizierender Katholik. … Prestige und Macht waren in seiner Einstellung zur Politik nie Bestandteil, ebenso wenig wie Reichtum.»

Aquinas Botting bekräftigt in ihrem Beitrag mehrmals, dass Nyereres Grundeinstellung klar aus seinem tiefen persönlichen Engagement für die christliche Lebensweise herrührt:

«Zwei Hauptziele beeinflussten seine praktische Politik. Das erste war Gerechtigkeit und soziale Gleichheit für jeden Bürger in Tansania. Die Grundlage für dieses Denken war sein tiefer Glaube an die Würde der menschlichen Person. Zweitens war er von der Notwendigkeit einer universellen Bildung sowohl für die Jugend als auch für die Erwachsenen überzeugt. … Seiner Meinung nach würde eine Bildung, die die Bürger selbstständig machte, ihnen die Unabhängigkeit und Würde geben, die ihr Menschenrecht war. Diese Selbstständigkeit wäre der Schlüssel zu einer unabhängigen Nation.»

Gegen jede Diskriminierung
Obwohl Julius Nyerere auch während seines politischen Wirkens täglich zur Messe ging, häufig fastete und immer zwei «Bibeln» im Handgepäck hatte, eine christliche und die «Arusha-Bibel» (die Arusha-Erklärung), war er ein entschiedener Gegner eines konfessionellen Staates. Er wandte sich klar gegen jede Diskriminierung aufgrund von Religion, Rasse oder Ethnie und kritisierte auch immer wieder offen die katholische Kirche für ihr Verhalten. Dies betont insbesondere der heutige Kapuzinerobere in Südafrika Br. Odilo Mroso in einem Grundsatzartikel von 2004:

«Nyerere … war zwar mit der Kirche «verheiratet», aber er nahm sie nicht als selbstverständlich hin. Er kritisierte die Kirche sachlich, wenn es nötig war, und er akzeptierte auch die Kritik der Kirchenführer. … Ein weiterer grosser Beitrag Nyereres waren seine Prinzipien des Sozialismus, die in der TANU-Verfassung niedergelegt wurden, die in Abschnitt (d) besagt: ‹Dass jeder Bürger das Recht der freien Meinungsäusserung, der Freizügigkeit, des religiösen Glaubens und der Vereinigungsfreiheit im Rahmen der Gesetze hat.›»

Mroso weist weiter darauf hin, dass zahlreiche Politiker aus der TANU-Bewegung durch katholische Schulen gingen und der Kirche wohlwollen gegenüberstanden, dass es aber auch nach der Arusha-Erklärung von 1967 auch zu Spannungen zwischen der Regierung und der Kirche kam:

«Es gab einige Missverständnisse zwischen den Kirchenführern und der Regierung, weil die neue Politik, die durch die Arusha-Erklärung propagiert wurde, Tansania in einen kommunistischen Staat zu verwandeln schien. Aber das war nicht die Idee von Nyerere. Die Freiheit der Religionsausübung wurde weiterhin aufrechterhalten. Seine Idee war es jedoch, einen so genannten afrikanischen Sozialismus zu etablieren, der auf der Gleichheit der Menschen, den Menschenrechten, der Würde und dem Respekt basiert und alle Arten der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt. Er forderte die Leiter der Kirche, insbesondere die Priester, auf, mehr Verantwortung zu übernehmen und ihren Pastoralplan zu ändern. Er wollte, dass sie näher bei den Menschen in den Dörfern leben. Generell herrschte zu dieser Zeit eine Art Verbitterung zwischen der Regierung und der Kirche.»

«Ein grosser Führer mit grossen Fehlern»
Julius Nyerere war in der afrikanischen Politlandschaft – ähnlich Nelson Mandela in Südafrika – eine grosse Ausnahmepersönlichkeit: Er war menschlich absolut integer und unbestechlich, er machte aus seiner Regierung keine «Familien-AG», er hatte keine diktatorischen Allüren, plünderte sein Land nicht aus, er versuchte seine Ziele immer mit friedlichen Mitteln zu erreichen und das Land mit seinen zahlreichen Ethnien zu einen, und doch: «Er war», wie der ostafrikanische Journalist nach Nyereres Tod schrieb, «ein grosser Führer, aber er machte auch grosse Fehler.» Seine Arusha-Politik, die von der Bäckerei bis zu den Banken alles verstaatlichen wollte, scheiterte. Sein auf dem christlichen Ideal der Geschwisterlichkeit basierendes Ziel, die Menschen aus Streusiedlungen in Dorfgemeinschaften zwangs-umzusiedeln, ebenso. Das gleiche gilt von seiner Idee der «Self-Reliance», nach und nach vom Ausland unabhängig zu werden und den Bedarf des Landes an allen Gütern aus eigener Produktion zu decken. Schliesslich gelang es ihm auch nicht, die im Einparteienstaat grassierende Korruption wirksam einzudämmen. Und so kam es, dass Julius Nyerere nach einem Vierteljahrhundert als Staatspräsident 1985 enttäuscht zurücktrat und dabei sein Volk – in einem Akt von Grösse – für die begangenen Fehler um Verzeihung bat. Seine Wirtschaftspolitik sei desaströs gewesen und er habe sein Land nicht aus der grossen Armut befreien können.

Hohes Ansehen
Trotzdem geniesst Julius Nyerere bis heute über alle religiösen, politischen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg bis heute in Tansania – und auch bei uns in Europa – hohes Ansehen. Darum auch der anhaltende Wunsch, ihn selig gesprochen zu sehen. Oder wie es Schwester Aquinas Botting bereits 2006 sagte:

«Für mich, wie für viele andere, ist dieser Mann in seinem fürsorglichen, einfachen Lebensstil und seiner Integrität, die für sein Volk eine Liebe zum Land schuf, eine Lingua Franca in Kiswahili, die ihre Einheit, ihre Unabhängigkeit und ihren Stolz auf die Staatsbürgerschaft zementierte, eine Christus-ähnliche Figur. Es mag Fehler und Versäumnisse gegeben haben, aber der Mann steht hoch in der Wertschätzung seiner tansanischen Brüder, ob sie nun Bauern, Fachleute, Politiker der einen oder anderen Religion, Rasse oder Status angehören … .»

Beat Baumgartner


Wo steht der Seligsprechungsprozess für Julius Nyerere?
Seit dem Beginn des Seligsprechungsprozesses für Julius Nyerere, den die Diözese von Musoma im Jahr 2005 eingeleitet hat, sind mehr als 15 Jahre vergangen, doch noch immer wartet man in Tansania auf weitere Schritte aus Rom. Auch mehrmaliges Nachfragen beim zuständigen Postulator (Waldery Hilgeman) ergab leider keine Antwort. Der Erzbischof von Daressalaam Jude Thadaeus Ruwa’ichi, der Julius Nyerere persönlich getroffen hatte, antwortet in einem Interview auf die Frage nach dem Stand des Seligsprechungsprozesses:

«Im Jahr 2012 wurde der Seligsprechungsprozess wieder aufgenommen. Aber es dauert, und zwar aus zwei Gründen: Der Fall wurde nach Daressalam verlegt, denn obwohl Julius Nyerere ursprünglich aus Musoma stammt, hat er über 40 Jahre in Daressalam verbracht. Zweitens ist es auch eine Frage der Finanzen, denn Musoma hat nicht die Mittel, um diesen Prozess abzuschliessen. Im Jahr 2021 sind drei Treffen geplant, um das Thema zu behandeln. Der Seligsprechungsprozess ist also auf dem besten Weg zum Abschluss.»