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Die Verwirklichung fairer Lebensbedingungnen

Im Herbst letzten Jahres war es endlich so weit: Beide Kammern unseres Parlaments konnten sich zu einem «Ja» der Solidarität durchringen. Sie beschlossen, das Budget der Entwicklungszusammenarbeit des Bundes bis ins Jahr 2015 auf 0,5% des Bruttonationaleinkommens (BNP) zu erhöhen.

Damit gehört die Schweiz zu den wenigen Geberstaaten, die trotz schwieriger weltwirtschaftlicher Verhältnisse mehr Geld für Arme in den Ländern des Südens und Ostens auszugeben bereit sind. Insgesamt knapp drei Milliarden Franken wird die Schweiz bis 2016 pro Jahr für Projekte, aber auch für Beteiligungen an multilateralen Institutionen wie der afrikanischen Entwicklungsbank ausgeben können – wenn das Parlament nicht im Rahmen der jährlichen Budgetdebatten die Ausgaben im letzten Moment doch noch beschneidet.

Wofür Geld ausgeben?

Für diese Budgeterhöhung hat sich eine breite Koalition von Nichtregierungsorganisationen über zehn Jahre lang eingesetzt. Natürlich freuen wir uns über das Resultat, auch wenn wir ursprünglich angetreten waren, um – wie es das UNO- Ziel vorsieht – insgesamt 0,7% des Bruttonationalproduktes/ BNP für Entwicklungszusammenarbeit zu erreichen. Doch was ist denn eigentlich überhaupt unter «Entwicklung» zu verstehen? Wofür kann die Schweiz nun mehr Geld ausgeben?

Entwicklungszusammenarbeit, Entwicklungshilfe, humanitäre Hilfe, Nothilfe, Entwicklungspolitik, Südhilfe, Nord-Süd-Arbeit und andere Begriffe mehr werden verwendet, wenn von internationaler Entwicklungszusammenarbeit gesprochen wird.

Ihr Ziel soll es immer sein, Armut, Not und Leid zu lindern. Im Falle humanitärer Hilfe bei Krieg, nach Umweltkatastrophen und anderen Unglücksfällen, scheint es relativ

klar, wofür Mittel eingesetzt werden können. Geht es aber um «Entwicklungszusammenarbeit », stellt sich doch die Frage, von welcher «Entwicklung» denn nun gesprochen wird.

Welche Entwicklung?

«Entwicklung» ist ein Begriff, der von Werten und Zielen genährt wird und deshalb genau zu analysieren ist. Werte und Ziele verschiedener Gruppen können nämlich erheblich differieren. Hinlänglich bekannt sind die in den letzten 50 Jahren immer wieder aufflammenden Diskussionen um geschaffene Abhängigkeiten, nicht wirksam eingesetzte Hilfe, neokolonialistisches Gehabe oder um Hilfe bloss des eigenen (wirtschaftlichen) Vorteils willen. Sie lassen sich auch nicht in jedem Fall gänzlich entkräften.

Seit dem 18. Jahrhundert taucht «entwickeln» als deutsche Übersetzung sowohl des französischen «développer» als auch des französischen «évoluer» auf. (s. Kasten: «Wachstum – Veränderung»)

Begrenzte Erde – unbegrenztes Wachstum?

Der klassische Entwicklungsdiskurs des letzten halben Jahrhunderts beruht primär auf einer ökonomischen Wachstumsstrategie. Wachstum hat sich in unserem Wirtschaftsmodell als notwendig erwiesen. Es ist kaum absehbar, dass wir uns ein anderes Paradigma vorstellen können. Denken wir nur daran, dass die Ausschüttungen unserer Pensionskassen wesentlich von wirtschaftlichem Wachstum abhängen – und wer wollte schon auf seine Pensionskassengelder verzichten?

Trotzdem: Die Welt hat sich verändert. Nicht nur die Risiken des Klimawandels werden uns zunehmend bewusst, auch die Risiken eines ungezähmten Finanzsystems wurden uns in den letzten Jahren deutlich vor Augen geführt. Und diverse WissenschafterInnen weisen uns erneut darauf hin, dass dem blinden Wachstum Grenzen gesetzt sein könnten. Die Grenzen des Planeten werden vermessen und es wird festgehalten, dass die Versauerung der Meere, Artensterben und Abholzung von Wäldern das Überleben der Menschheit ernsthaft gefährden werden.

Leid in allen Winkeln

Arme werden nicht nur in Ländern des Südens ärmer und gleichzeitig Reiche reicher. Auch in unseren Breitengraden ist dieses Phänomen beinahe alltäglich geworden. Jedenfalls hat die Globalisierung der letzten Jahre tatsächlich stattgefunden. Es gibt kaum mehr nur denreich-bequemen«Norden»und denabhängig-armen«Süden», sondern primär Risiken und Herausforderungen, Leid und Ungerechtigkeit in allen Winkeln der Erde.

Man mag diese unangenehm anmutenden Schreckensszenarien als veraltete Unheilsprophetie abtun, wie sie uns beispielsweise von Jesaja überliefert wird – und das Leben im Hier und Jetzt sorgenfrei geniessen. Aber ob es im Hinblick auf Lebensbedingungen junger und künftiger Generationen richtig ist, die Augen vor drohenden Gefahren zu verschliessen?

Das «gute» Leben aller

Entwicklung, Ausrichtung auf Zukunft hin, Verwirklichung fairer Lebensbedingungen für die gesamte Menschheit und damit Durchsetzung sämtlicher Menschenrechte für alle Abbilder Gottes auf Erden, ist heute keine Frage mehr von finanziellen Transferzahlungen von reichen Ländern des Nordens in arme Staaten des Südens allein.

Vielmehr gilt es, global gemeinsam von allen geteilte Ziele zu definieren, die das «gute» Leben aller Menschen ermöglichen und auch künftigen Generationen ein würdiges Überleben sichern.

Es braucht konkrete Massnahmen

Von allen geteilte Werte und die darauf bauenden Ziele allein machen aber weder satt, noch senken sie unseren CO2-Ausstoss. Sie garantieren also weder ein Recht auf Nahrung für alle, noch schützen sie vor den Folgen des Klimawandels.

Es braucht auch konkrete Massnahmen und die Bereitschaft, diese im Alltag umzusetzen. Es reicht nicht, sie am Verhandlungstisch internationaler Gremien abstrakt festzusetzen, wo in den nächsten Jahren über Ziele nachhaltiger Entwicklung debattiert wird.

Es braucht vor allem lokal auch hier in der Schweiz den Willen aller BürgerInnen, die aus diesen Zielen abgeleiteten Massnahmen konkret in die Tat umzusetzen. Jede und jeder von uns ist im Alltag aufgerufen, einen Beitrag zu leisten und selber einen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen.

Almosen geben allein genügt nicht – weder individuell in Form einer Armenspende noch kollektiv in Form öffentlicher Entwicklungshilfe. Politische Einflussnahme zugunsten einer nachhaltigen, nicht nur einseitig auf Wirtschaftswachstum setzenden «Entwicklung » ist not-wendig – und sie beginnt bereits bei jedem/jeder von uns.

Markus Brun, Fastenopfer

Bereichsleiter Süden


Wachstum – Veränderung

Die Übersetzung von «évoluer» meint vor allem einen biologischen Vorgang von Artenveränderung in der Zeit. Die Umschreibungen von «développer» als «déployer» (entfalten), «donner toute son étendue à» (etwas/jemandem seinen vollständigen Gehalt geben), «faire croître» (wachsen lassen), «amplifier» (erweitern) und «agrandir» (vergrössern) weisen auf «Wachstum», «Vergrösserung» und «Vollständigkeit » hin.