courtesy
Br. Paul Mathis hat seine ganz eigene Sicht des Armutsideals. - © Adrian Müller
Br. Paul Mathis hat seine ganz eigene Sicht des Armutsideals. - © Adrian Müller

Welche Bedeutung hat das Armutsideal noch für die Brüder, die in der franziskanischen Tradition stehen? Ein Gespräch rund ums Geld mit dem Klostergärtner Bruder Paul Mathis in seinem Reich; der Oase W des Kapuzinerklosters Wesemlin in Luzern.

© Christian Kaiser

Der heilige Franziskus ist auch als Poverello bekannt. Als solcher geniesst er auch in einer neokapitalistischen, gewinnmaximierenden Welt viel Sympathie. Nachgeborene wie Hermann Hesse sahen in dem Verzicht auf sämtliche irdischen Güter romantisierend eine «Vermählung mit der heiligen Armut»; Franz von Assisi habe die Armut als «Braut» gewählt.

Schon früh waren auch Gefolgsleute dazu angehalten, es Franziskus gleich zu tun und all ihre «Habe zu verkaufen und unter die Armen zu verteilen» (wie von Jesus gefordert: Mk 10, 21). Hermann Hesses Beschreibung zufolge winkt im Gegenzug ein ganz anderer Reichtum; einer an «Freuden und Liedern» über die Fülle der Schöpfung, wie sie Franziskus in seinem Sonnengesang beschreibt.

Im Gespräch mit Bruder Paul Mathis möchten wir seiner Lebenshaltung auf die Spur kommen und haben ihn zuerst gefragt:

Hast du schon mal im Lotto gespielt?

Nein, das käme mir nie im Leben in den Sinn.

Warum nicht?

Mir fehlt die Sehnsucht nach einer Million. Ich wüsste nichts mit dem Geld anzufangen. Schlimmer: Ich ahne, es würde mich ins Elend stürzen.

Wieso das denn? Viele Menschen glauben doch, ein Lottogewinn würde sie unglaublich glücklich machen.

Weil ich abheben und jede Bodenhaftung verlieren würde. Es würde mich mitsamt den Wurzeln ausreissen. Hinein in eine Schein- und Konsumwelt, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Von welcher Realität sprichst du?

Manchmal geh ich in den Ferien einen Tag lang «lädelen» und merke, wie ich in einen Konsumrausch gezogen werde. Danach fühle ich mich unzufrieden. Da ist eine Leere in mir, da sind Löcher – und die Sehnsucht, sie mit Konsum zu füllen. Das ist die Realität; Konsum kann die innere Sehnsucht nicht wirklich sättigen. Im Alltag passiert mir das wenig aber in den Ferien schon. Darum verbringe ich die Ferien gern auf einer Alp, wo keine Versuchung besteht (lacht).

Du wüsstest also nichts damit anzufangen, wenn ich dir meine Lottomillion spenden würde?

Doch, ich würde sie zum Beispiel in das Antoniushaus im Mattli investieren. Das ist mir lieb und ich fühle mich dort beheimatet. Es muss dringend saniert renoviert werden. Oder in die Flüchtlingsintegration in der Schweiz. Das wäre ein kleiner Tropfen auf den heissen Stein des Nord-Süd-Gefälles.

Also nicht hier ins Wesemlin oder in «deinen» Garten, ist das nicht auch Heimat für dich?

Doch, aber bei uns ist es Brauch, dass wir geerbtes oder sonstwie gewonnenes Geld nach aussen geben. Damit kein Kapuziner sagen kann: «Ich habe so und so viel in den Orden gebracht oder das und das ermöglicht, ich habe hier entsprechend mehr zu sagen».

Der Klostergarten könnte zwar durchaus eine Finanzspritze ertragen. Aber dann wäre die Sanierung nicht erarbeitet, sondern erkauft. Und solche Dinge haben immer eine ganz andere Qualität, wenn sie langsam entstehen, als wenn sie gepuscht werden. Das Resultat von organischem Wachstum ist einfach besser und nachhaltiger.

Du hast mir ein paar neue Pflanzungen gezeigt, einen Zierholunder oder eine lachsfarbene Pfingstrose, die du in Deutschland erworben hast. Sind die Blumen im Garten für dich materieller Wohlstand?

Ja, schon, der Unterschied ist einfach; Wenn ich fortziehe, das Kloster wechsle, bleiben die Pflanzen da. Ich muss also loslassen. Ausser ich vermehre sie und nehme einen Teil mit. Die Pfingstrosen habe ich in Deutschland gekauft und im Kloster Wil gesetzt und vermehrt und dann einige hierher gezügelt. Die weissen Schwertlilien habe ich von Olten im Rucksack nach Salzburg gebracht, von da habe ich sie nach Altdorf mitgenommen und dann kamen sie via Wil hierher. Bei den Bäumen geht das allerdings nicht.

Du vermehrst hier ja auch, zum Beispiel verschiedene Hauswurzarten. Das ist doch ein bisschen, wie wenn das Geld Zinsen abwirft.

Mich erinnert es eher an das Kinderkriegen. Es ist eine andere Form von Reichtum und Fülle, die mich glücklich macht. Wo ich auch staune, wie viel ich verschenken kann und wie viele Zöglinge von hier in anderen Gärten wachsen.

Besitzt du als Kapuziner überhaupt eigenes Geld, um dir schöne Pflanzen zu kaufen?

 Zum Namenstag und zum Samichlaus bekommen wir 100 Franken. Unser Guardian sagte einmal, dieses Geld sei dazu da, uns etwas Besonderes zu leisten. Ich kauf mir damit gern eine spezielle Pflanze in einer Staudengärtnerei oder in einem Garten-Center.

Und wenn du dir sonst etwas kaufen willst?

 Wir bekommen Sackgeld, wenn wir etwas brauchen. Für Reisen, Kleider, Schuhe oder einen Kinoeintritt. Da muss jeder selber für sich überlegen, was er braucht – und beim Guardian Nachschub holen, wenn das Taschengeld aufgebraucht ist.

Dann bekommen also bei euch nicht alle einfach gleich viel, ihr Kapuziner seid also gar keine verkappten Kommunisten?

Nein nein, wir sind nicht alle gleich, Menschen haben ja ganz unterschiedliche Bedürfnisse und niemand soll zu kurz kommen. Die Kunst besteht darin, das zu akzeptieren.

Also auch zu akzeptieren, wenn sich einige viel mehr herausnehmen als andere?

Ich gehe davon aus, dass alle Kapuziner einen einfachen Lebensstil erstreben und sich immer wieder fragen, was sie wirklich brauchen. Mein Ziel ist es, einen möglichst kleinen ökologischen Fussabdruck zu hinterlassen. Das bedeutet nicht, knausrig zu sein und sich zu bescheiden, sondern zu wissen, was man braucht, um zufrieden zu sein. Einige sind Weltenbummler und waren es schon immer, ich bin hingegen eher der Sesshafte. Aus Neid Eifersucht nach Kreta zu fliegen, nur weil es ein anderer auch macht, ergibt doch keinen Sinn. Wenn ich zufrieden damit bin, an einem See zu hocken, meine Pfeife zu rauchen und ein gutes Buch zu lesen, dann ist das doch auch gut, oder?

Und wie hältst du es mit dem Armutsideal? Dazu das Zitat einer Heiligen:

In seinem Gelde
besitzt der Reiche
die Schlüssel der Erde;
der Arme hat in seiner Armut
den Schlüssel des Himmels (Madeleine-Sophie Barat)

Was ist da dran?

Ich lebe überhaupt nicht in Armut, um in den Himmel zu kommen. Der Gedanke ist mir völlig fremd.

Aber wieso? Weil es für dich den erlösenden Himmel gar nicht gibt?

Ja, ich mache die Trennung zwischen Himmel und Erde gar nicht, weil es hier auf der Erde schon so viele himmlische Momente gibt. Unabhängig davon, ob ich arm lebe oder reich oder fromm. Darauf kommt es überhaupt nicht an.

Was ist denn dann für dich die Motivation um einfach oder arm zu leben?

Mir ist es ein Anliegen, dass Menschen, die an den Rand gedrängt werden, auch Zugang zur Mitte haben. Beim Reichtum besteht die Gefahr, dass die Menschen immer mehr an den Rand gedrängt werden. Egoismus, Besitzgier, Geldrafferei bewirken, dass andere Menschen dafür zahlen müssen. Das ist meine Motivation, um einfach zu leben; für meinen Lebensstandard sollen möglichst wenig andere bezahlen müssen.

Wirtschaftswissenschaftler würden dir entgegen halten: Konsum schafft andernorts Erwerbsquellen, Wohlstand …

 Der Reichtum der Schweiz besteht doch auch auf Kosten von anderen. Auch die Billigware aus China geht zulasten von anderen; ich würde sagen, die ganze Schöpfung leidet darunter. Das ist für mich Grund genug, immer wieder zu überlegen, was brauche ich überhaupt? Für mich ist das viel mehr eine Lebenshaltung als religiöse Motivation.

Du hast immerhin ein Armutsgelübde abgelegt …

 Ja, aber das ist etwas, das eh schon in mir war. Das war nicht in dem Sinn eine Leistung. Es hat ja auch Vorteile, etwa die Beweglichkeit. Je weniger ich an Besitz anhafte, desto flexibler kann ich sein.

Dieses Nichtanhaften, schaffst du das immer?

Ich war in meinem Ordensleben schon an über sieben verschiedenen Orten und immer war ich unter anderem auch für den Garten zuständig. Einen Garten zu verlassen tut weh. Zu wissen oder zu sehen, dass ein Klostergarten nach meinem Weggang massiv verändert wird, ist manchmal schwer. Das, was ich geschaffen habe, loszulassen, da schwingt Trennungsschmerz mit.

Aber ein Garten ist doch eh immer in stetiger Veränderung.

Das ist klar. Vor 60 Jahren haben hier im Wesemlin über 50 Brüder gelebt. Da war dieses grosse Gartenareal angebracht. Und es galt strickte Klausur. Heute leben noch 15 Brüder da. Das klösterliche Leben hat sich völlig verändert. Ein grosser Teil des Klosters ist inzwischen fremdvermietet. Und die Hälfte des Nutzgartens teilen wir mit Familien aus dem Quartier. Die andere Hälfte bepflanzen Flüchtlinge in einem Integrationsprojekt des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk.

Hast du Mühe damit, dass Euer «Privatpark» inzwischen öffentlich ist?

Der Garten ist ja schon seit längerer Zeit für das naheliegende Betagtenzentrum als Naherholungsgebiet zugänglich. Es geht ums Teilen. Aber das einmal in Besitzgenommene loszulassen, ist natürlich manchmal schwierig; ab und zu divergieren die Vorstellungen schon, wer hier was dürfen soll. Etwa Blumen pflücken oder Hunde ausführen. Und trotzdem: Dieses Stück Erde ist uns ja nur geliehen.

Interview: Christian Kaiser, Journalist BR, Autor, SilbenSilber, Winterthur