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Eine Hoffnung

Indonesien zählt ebenso viele Muslime wie alle arabischen Staaten zusammen: 180 Millionen bei einer Bevölkerung von 220 Millionen. Angesichts dieser Tatsache könnte der indonesische Islam weltweit grosse Bedeutung erlangen, im negativen oder positiven Sinn.

Bedrohung

Seit dem Sturz des Präsidenten und Quasi-Diktators Suharto im Jahre 1998 hat sich der fundamentalistische Islam verstärkt. Nicht nur durch die vermehrte physische Präsenz vieler neuer Moscheen und des Kopftuches der Frauen offenbart der Islam seine Dynamik. Viel stärker wirkt das Bestreben, endlich einen Islamstaat durchzusetzen und die Rechte anderer Religionen einzuschränken. Es bildeten sich militante Gruppen. Fundamentalistisch gebärdet sich auch der Rat der muslimischen Gelehrten (MUI), der die an Weihnachten 1997 erlassene «Fatwa Natal» aufrecht erhält: das Verbot, Weihnachten zu feiern und Christen zum Fest zu beglückwünschen.

Seit 1998 entbrannten auf den Molukken (Ambon) heftige Kämpfe zwischen Muslimen und Christen (meist Protestanten). Sie führten in der schlimmsten Zeit (1999– 2000) zur Zerstörung von 39 Kirchen und 28 Moscheen und zur Flucht von über 100000 Menschen. Kämpfe flackern auch immer wieder in Sulawesi (Poso) auf. Ärgerlichkeiten kommen laufend dazu: Und am 1. November 2004 sandte die muslimische Predigervereinigung ein Memorandum an die Regierung, wonach Christen den Namen «Allah» (Gott) nicht mehr gebrauchen dürfen. Alle Bibeln, die den Namen «Allah» verwenden, müssten eingezogen werden!

[bild19050w150r]Neues Bewusstsein

In diesen düstern Hintergrund wächst ein neues Bewusstsein innerhalb des Islam. Es

  • betont den sozialpolitischen Einsatz für die Armen (24% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze)
  • will die Demokratisierung vorantreiben
  • strebt eine Neuinterpretation des Koran an
  • sucht bewusst die Kommunikation mit den Kirchen.

Es gab noch nie so viele Seminare zwischen Christen und Muslimen wie seit 2000. Die Initiative kommt von beiden Seiten. Ein Zentrum des muslimisch-christlichen Dialogs ist Yogyakarta in Zentraljava. Das kommt nicht von ungefähr. Denn dort befinden sich fortschrittliche muslimische und christliche Hochschulen. Zudem strahlt «Yogya» mit Zentraljava eine ausgeprägt javanische Mentalität aus, die sich durch das Streben nach Harmonie und Aneignung unterschiedlicher kultureller Werte auszeichnet.

Sufistische Mystik

Im April 2002 nahm ich dort im katholischen Ignatiuskolleg an einem interreligiösen Symposium teil. Ich hebe zwei Beiträge hervor. Budhy Munawar-Rahman, Leiter «Muslimischer Studien» der Universität Paramadina in Jakarta, berief sich auf die sufistische Mystik, in der Gott als Liebe und Gerechtigkeit erfahren wird. In der Tat ist die sufistische Frömmigkeit in Indonesien, auch in Malaysia, seit Jahrhunderten besonders einflussreich. Nach Budhy Munawar muss jede Religion von der Situation des Menschen ausgehen und sich dem Einsatz für die Gerechtigkeit widmen: «Der Geist der modernen Welt gipfelt im kapitalistischen System, in dem der Mensch zum Objekt der Wissenschaft, zum Material reduziert wird, sodass überall Räume der Armut entstehen, gleichzeitig mit dem Wachstum einer kleinen Wirtschaftselite. Darum muss die neue Religiosität die Entmenschlichung besprechen und sich für jene einsetzen, die unter dieser Entmenschlichung leiden».

Koran nicht wörtlich

Abdullah Amin, Rektor der muslimischen Hochschule IAIN in Yogya, stellte sich gegen die traditionell-wörtliche Auslegung des Koran. Die Koraninterpretation bedürfe der Öffnung für die Wissenschaften, verlange die Einsicht in den Wandel der Zeiten und Kulturen. Dazu bedürfe es der Zusammenarbeit unter den verschiedenen Religionen. Ein Hindernis für eine Annäherung bildet das muslimische Paradigma von der Aufteilung der Menschheit in eine gläubig-islamische und eine ungläubige Welt. Der Präsident der kulturpolitischen Bewegung Muhammadiah, Syafii Maarif (ein Freund des Bischofs von Semarang), der ebenfalls am Symposium teilnahm, erklärte, dass dieses Paradigma als ungerecht zu verwerfen sei: «Denn die Menschheit ist eine einzige Gemeinschaft, die auf die Entfaltung von Gleichheit und Gerechtigkeit angelegt ist.» In den islamischen Hochschulen von Banjarmasin und Makassar fand ich bei meinem Vortrag im August 2004 eine ähnliche Haltung. Eine Studentin (mit Kopftuch) schenkte mir sogar ein provozierendes Buch mit dem Titel «Emanzipatorischer Islam». Ich entdeckte darin Thesen der Befreiungstheologie und als Konsequenz eine Neuinterpretation des Koran.

Miteinander zur Demokratie

Gilt diese freundlich-offene Haltung vielleicht nur für Intellektuelle? Keineswegs! In den Konfliktregionen von Ambon und Sulawesi haben sich Christen und Muslime versöhnt, im Bewusstsein, dass sie von Elementen der Armee instrumentalisiert worden sind – durch gegenseitiges Aufhetzen und den dann erfolgenden profitablen Verkauf von Waffen! Muslime halfen beim Wiederaufbau, auch bei der Bewachung vieler Kirchen mit. In den Anstrengungen zur Demokratisierung der Nation wirken Muslime und Christen Seite an Seite. Der Erfolg lässt sich sehen: Im Jahre 2004 fanden echt demokratische Wahlen statt. Aufgrund meiner Erfahrung bin ich davon überzeugt, dass ein positives oder negatives Verhalten des Islam wesentlich von unserm eigenen Verhalten bestimmt wird. Sehen wir den Islam vor allem als Feind, bleibt er Feind. Sehen wir ihn als potenziellen Freund, wird er zum Freund.

Luzerner Ehrendoktor

Der Jesuit Franz Magnis Suseno setzte als Rektor der philosophischen Hochschule STF in Jakarta auch muslimische Dozenten ein, die heute eine wichtige Brücke zum Islam bilden. Nachdem er 2001 ein Buch über den Marxismus veröffentlicht hatte, wurden die Buchläden von fanatisierten Muslimen gestürmt und seine Bücher verbrannt. Franz Magnis suchte mit ihnen das Gespräch. Das Ergebnis war schliesslich, dass er gebeten wurde, ein muslimisches Kulturzentrum in Jakarta feierlich zu eröffnen. Infolge seiner Verdienste für den Dialog mit dem Islam und für das Verständnis der javanischen Kultur erhielt er 2002 das Ehrendoktorat der Universität Luzern.

Franz Dähler, Kriens
Der Autor wirkte 18 Jahre als Studentenseelsorger und Dozent in Indonesien und steht auch heute noch im Kontakt mit dem indonesischen Islam.

 

Wie viele Muslime?

FD. In vielen Statistiken, auch christlichen, wird der muslimische Anteil auf 90% beziffert. Das ist nicht korrekt. Denn das Land zählt sicher 10% Christen. Dazu kommen noch 5% Hinduisten und Anhänger von Naturreligionen, 5% Buddhisten und Konfuzianer. Und geografisch gesehen bilden die Muslime in weiten Teilen Indonesiens nur eine Minderheit, so im Gebiet der Batakvölker von Sumatra (benachbart mit dem vom Tsunami heimgesuch- ten streng muslimischen Aceh) und der Dayak in Kalimantan (s. vorausgehende a-Artikel!); ebenso auf manchen Inseln der Molukken und schliesslich von Flores, Westtimor bis nach Westpapua. Auch politisch beherrschen die offiziell muslimischen Parteien nicht das Feld, sie erreichten bei den Wahlen vom 5. April 2004 nur 15,5% der Stimmen.

Muslimisch?

FD. Indonesien schlechthin als muslimisch zu bezeichnen, ist auch deshalb unzutreffend, weil das Land sich bisher – trotz wiederholter, teilweise gewaltsamer Versuche von Seiten des fundamentalistischen Islam – geweigert hat, das islamische Gesetz, die Sharia, zum Staatsgesetz zu erheben. Die beiden grössten muslimischen Organisationen «Muhammadiah» und Nahdlatul Ulama/NU lehnen die Bildung eines Islamstaates ausdrücklich ab – mit Berufung auf die Religionsfreiheit.

ite2005-4

Peru/Indonesien

ite 2005/4

Die Uni des Kapuziner-Bischofs
Schweizer Pioniere auf Borneo
Islam in Indonesien