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Anmerkungen aus der Sicht des Neuen Testaments

Am Beginn der Apostelgeschichte lesen wir den Auftrag und somit auch das Programm der frühen Kirche: «Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.» (Apg 1,8). Was der Verfasser Lukas mit im Blick hat, wird kurz darauf in der weit ausholenden Liste der Völker zusammengestellt, die die Kulisse des Pfingstgeschehens bilden. Sie alle hören die Apostel die Grosstaten Gottes verkünden, heisst es da (Apg 2,11). Da steht nicht Mirakelhaftes im Vordergrund, sondern die Überzeugung, dass in der Kraft des Geistes Gottes alle Völker und Sprachen um diese Mitte der Botschaft über Jesus Christus geeint werden und darin zusammenleben können.

Diese Vorstellung des Lukas ist sowohl in bisheriger Erfahrung wie in starker, visionärer Hoffnung verankert. Dass die frühe Kirche um die Schwierigkeiten im Zusammenleben verschiedener Kulturen und Völker weiss und sich diesen auch konstruktiv stellt, soll anhand einiger Blitzlichter aufgezeigt werden.

Witwenversorgung in Jerusalem

In seinem Rückblick auf das Leben der Kirche in Jerusalem erwähnt Lukas schon bald die Gruppe der Hellenisten. Wir können diese heute nicht mehr eindeutig identifizieren. Vermutlich sind die Hellenisten Griechisch sprechende jüdische oder mit dem Judentum sympathisierende Menschen aus dem hellenistischen Kulturraum; vorwiegend wohl aus Kleinasien. Die von Lukas erwähnten Hellenisten sind offenbar Christen geworden. Der Kulturraum ihrer Herkunft und ihre Sprache verbinden sie innerhalb der Kirche von Jerusalem zu einer eigenständigen Gruppe. Der Konflikt entsteht an einer praktischen Frage: «Ihre Witwen wurden bei der täglichen Versorgung übersehen » (Apg 6,1). Es werden keine Gründe und Ursachen genannt. Dafür wird über die Behebung dieses Missstandes erzählt: Es werden eigens sieben neue Mitarbeiter gewählt.

Die «Starken» und die «Schwachen»

Zweimal in seinen Briefen verwendet Paulus diese gegensätzliche Benennung, um bestimmte Gruppierungen in den Ortskirchen zu umschreiben (vgl. Röm 14,1–15,6; 1 Kor 8,1–13). Den inhaltlichen Bezugsrahmen für diese Benennung bildet ein ganz spezifisches praktisches Problem der damaligen Kirchenzeit. Paulus legt es der Kirche von Korinth in einer verschlungenen Argumentation auseinander (siehe 1 Kor 10,14– 11,1): Der Umgang mit dem Fleisch von Götzenopfern.

Für Christinnen und Christen aus dem Heidentum – Römer, Griechen, Kleinasiaten also – war das Essen dieses Fleisches kein Problem. Anders verhielt es sich für Christinnen und Christen, die aus dem Judentum kamen; für sie war Fleisch, das in heidnischen Kulten geopfert worden war, aufgrund ihrer jüdisch- religiösen Biographie und Prägung ein Greuel (vgl. dazu Lev 18,6–18). Gerade dieses Fleisch wurde aber auf den Markt einer hellenistischen Stadt (wie Korinth, Rom, usw.) zum Verkauf angeboten und daher bei gemeinsamen Mahlzeiten zubereitet. Man oder frau kann sich gut vorstellen, dass es in Ortskirchen, die aus Heiden und Judenchristen zusammengesetzt waren, diesbezüglich zu Konflikten kam.

Paulus tut sich schwer mit der Argumentation: Einerseits ist da die Freiheit der Christinnen und Christen. Ihr Heil hängt nicht von Speisevorschriften ab. Andererseits darf die Gefahr eines Rückfalls in Götzenkulte nicht aus geschlossen werden; schliesslich sind da noch die religiösen Gefühle jener, die eben aus ihrer bisherigen kulturreligiösen Haut nicht herauskönnen.

So entwickelt Paulus eine sehr pragmatische Anweisung: Jene, die sich über eine eventuelle Rücksichtnahme erhaben fühlen, die sogenannten «Starken» also, dürfen daraus keine selbstherrliche Überheblichkeit ableiten, im Gegenteil: Ihre Praxis in diesem Punkt muss sich nach jenen richten, die eine religiös ängstlichere, dem Bisherigen verhaftete Natur haben, eben den sogenannten «Schwachen ». Was also vermieden werden muss, ist das Ärgernis, das andere an meinem Verhalten nehmen können. In diesem Fall muss ich als «Starke( r)» zurückstecken.

Es gilt: «Gebt weder Juden noch Griechen noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf» (1 Kor 10,32), und: «Wir müssen als Starke die Schwäche derer tragen, die schwach sind …» (Röm 15,1).

Die Taufe als Überwindung der Gegensätze.

In den ersten christlichen Generationen trafen in den Haus- und Ortskirchen die verschiedensten sozialen, ethnischen und kulturellen Gegensätze in extremer Weise aufeinander. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund dafür, dass Paulus den damit verbundenen Schwierigkeiten grundsätzlich begegnet. Ansatzpunkt dafür ist für ihn die Taufe, die nach seiner Theologie zu einer grundsätzlichen Zuordnung zu Jesus Christus führt (vgl. bes. Röm 6,3–23) und daher alle real vorhandenen Gegensätze verblassen lässt (vgl. Gal 3,26–29). Die entsprechenden Listen der Gegensätze werden jeweils in diesem Sinne aufgehoben, am markantesten gegenüber den Kirchen von Galatien:

«Da ist nicht Jude noch Heide da ist nicht Sklave noch Freier da ist nicht männlich noch weiblich, denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.» (Gal 3,28, vgl. auch 1 Kor 12,13; Kol 3,11)

Natürlich bedeutet dies nicht: Christinnen und Christen sind eine vereinheitlichte Gesellschaft, sondern: Die Verbundenheit mit Jesus Christus nimmt allen Eigenheiten (Geschlecht, Kultur, sozialer Stand usw.) ihr trennendes Profil. Für und seit Paulus sind Christinnen und Christen Menschen, deren Verbundenheit mit Jesus Christus so prägend ist, dass sie den bestehenden Unterschieden keinen bestimmenden Raum mehr geben. Das Ziel kann nicht in einer Vereinheitlichung bestehen, sondern in einer positiv ge- und erlebten Einheit in Vielfalt. Natürlich: Das ist seit damals eine theologische Vision.

Heute gehen wir ein Stück weiter, wenn wir den Rahmen des Gemeinsamen auf alle Menschen ausweiten. Das ist gut so, weil es einer Fragestellung unserer heutigen (Welt-)Gesellschaft entspricht.

Die neutestamentliche Zeit kann mit dieser Dimension nicht behaftet werden, denn die damalige Welt kannte eine solche Problemstellung und Problemsicht (noch) nicht. Spätestens seit dem letzten Grossen Konzil (1962– 1965) wissen wir: Christinnen und Christen müssen um Gottes Willen gegenüber anderen Menschen das Verbindende hervorkehren und nicht das Trennende.

Walter Kirchschläger

 

ite2008-5

Seelsorge für Einwanderer in der Schweiz

ite 2008/5

In der Kirche ist niemand fremd
Auswandern oder Revolution
Viele Völker – eine Kirche