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Kirche als Friedensstifterin

In Wajir, einem Distrikt in Nordost-Kenia, leben fast ausschliesslich somalische Nomaden. Anfangs der 90er Jahre kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Clans, die über 1000 Todesopfer forderten. Als die Feindseligkeiten auf den lokalen Markt übergriffen, taten sich ein paar Frauen zusammen, um sich für den Frieden einzusetzen. Obwohl sie zum Teil auch eigene Angehörige verloren hatten, schlossen sich die Frauen aus unterschiedlichen Clans zu einer Frauengruppe zusammen, um auf dem Markt ein friedliches Miteinander zu gewährleisten. Als Nächstes gelangten sie an den Ältestenrat. Angesichts der gegenseitigen Überfälle auf das Vieh gelang es ihnen, ein paar der Ältesten zu gewinnen. Diese brachten ihre eigenen bewaffneten Milizen dazu, die gestohlenen Kamele wieder herauszurücken.

Auch unter den Jungen bildete sich eine Friedensgruppe, die ihre bewaffneten Kameraden im Busch aufsuchte und sie dazu bewegte, ihre Gewehre abzulegen und ins zivile Dorfleben zurückzukehren. An verschiedenen Treffen gelang es den Ältesten, Streitigkeiten zu schlichten. Als Symbol für den zerbrechlichen Frieden bekam jeder Clan zwei rohe Eier mit auf den Weg. Solange diese heil blieben, sollte auch der Friede gewahrt bleiben. Ein Wajir-Friedenskomitee wurde gebildet, um als Schnelleingreifgruppe aufbrechende Konflikte zu schlichten. An zwei grossen Friedensfestivals wurde mit Gesängen, Tänzen und Gedichten der allgemeine Wunsch nach Frieden bekräftigt. Herausragende Friedenskämpfer(-innen) bekamen Preise. Schliesslich wurde eine der verdienten Friedensfrauen sogar in den Ältestenrat von 32 Clan-Oberhäuptern aufgenommen.

Friede von unten

Dieses eindrückliche Beispiel zeigt, dass einfache Leute durchaus etwas bewirken können. Friede steht und fällt damit, ob er von der breiten Bevölkerung getragen wird. Friedensverhandlungen an der Spitze genügen nicht, wie das Beispiel vom Dayton-Abkommen in Ex-Jugoslawien oder die vielen endlosen Verhandlungsrunden in Somalia zeigen. Erst wo von unten her ein Friedensklima wächst, an vielen Orten Friedensinitiativen und lokale demokratische Organisationen und Strukturen entstehen, ist langfristig die Chance da, dass Machtmissbrauch und Gewalt eingedämmt werden. Da wird ein dauerhafter Friede möglich. Das heisst:

  • Eine gewaltfreie Friedensperspektive braucht Zeit.
  • Friedensaufbau muss von den Betroffenen selber und ihrer Kultur ausgehen.
  • Frieden muss von unten aufgebaut werden.

Und Saddam?

Damit löst sich auch das scheinbare Dilemma, das immer wieder zum Dreinschlagen mit militärischer Gewalt verführt: Wie kann brutalen Diktatoren wie Saddam Hussein oder den Mördern von Srebrenica Einhalt geboten werden? Geht es im Extremfall nicht doch nur mit Gewalt? Weder Gewalt noch eine gewaltfreie Strategie können das Problem sofort – und schmerzlos – lösen. Beide Wege fordern Zeit und Opfer. Während aber Gewalt meist eine Gewaltspirale provoziert, die die Kluft noch vergrössert, versucht ein gewaltfreies Vorgehen die Feinde zu Freunden zu machen, sie zu gewinnen. Denn die Bereitschaft, lieber selber Gewalt auf sich zu nehmen als dem Anderen zuzufügen, nimmt durch den Gewaltverzicht die Drohung weg. Sie kann auch dem Gegner die Augen öffnen.

Der Weg Jesu

Jesus hat in seinem Leben und Lehren die schöpferische Gewaltfreiheit vorgelebt. In einer Welt der Gewalt hat er uns zum Einstehen für die gewaltlose Liebe berufen. Ein solcher Weg kann schwierig und gefährlich und scheinbar erfolglos sein – wie Jesus selber in seinem Foltertod erlebt hat. Aber darüber steht die Verheissung Gottes, dass ein solcher Weg nicht sinnlos ist. Er führt aus dem Tod ins Leben, in die Auferstehung. Sind wir Christen und Christinnen vielleicht darum so fad und lau und bedeutungslos geworden, weil wir den Mut zu diesem Zeugnis, zum Wagnis des gewaltfreien Widerstands aus dem Vertrauen in Gottes Geborgenheit weitgehend verloren haben?

Kirche stiftet Frieden

In Mosambik wütete jahrelang ein brutaler Bürgerkrieg zwischen der Frelimo-Regierung und der Renamo, der vom weissen Südafrika unterstützten Rebellenarmee. Tausende von Toten und Vertriebenen, die Abrichtung von Kindersoldaten zu grausamen Gewalttaten, ein zerstörtes Land waren die Folge. In dieser ausweglosen Situation übernehmen anfangs der 80er Jahre die Kirchenvertreter eine aktive Rolle. Bei einem Treffen bittet 1982 der Staatspräsident Samora Machel selber um Vermittlung. Vom Rat der (evangelischen) Kirchen wird im November ein Ausschuss für Frieden und Versöhnung eingesetzt. Dieser beginnt mit Friedensgottesdiensten, Friedensmärschen und andern Aktionen, um der Sehnsucht der Bevölkerung nach Frieden Ausdruck zu geben.

Im Dezember 1987 nehmen die Kirchenvertreter auch mit der «andern Seite», der Renamo, Kontakt auf. Dies führt 1990 zur Aufnahme direkter Verhandlungen in Rom unter der Beteiligung des Erzbischofs, der italienischen Regierung und der Kommunität St. Egidio. Weil sich diese Gemeinschaft seit Jahren mit sozialen Projekten in Mosambik für die Armen aus allen Lagern einsetzt, ist sie als erfahrene Nichtregierungsorganisation ohne eigene Interessen zur Vermittlung prädestiniert.

Schliesslich wird der mosambikanische Kirchenrat beauftragt, ein direktes Treffen zwischen dem Regierungspräsidenten Chissano und dem Renamo-Führer vorzubereiten. Am 4. Oktober 1992 kommt ein Waffenstillstandsabkommen zustande, welches schliesslich in die Wahlen von 1994 mündet.

Während dieser ganzen langen Zeit organisieren die Kirchen in den Flüchtlingslagern, aber auch in ihren Gemeinden Seminare. Hier werden die Menschen mit den Verhandlungen vertraut gemacht. Es wird für den Friedensprozess um Unterstützung geworben. Diese Kampagnen gehen auch nach dem Abkommen weiter, u.a. mit einer Wiedereingliederungsaktion von Soldaten, die ihre Waffen in landwirtschaftliche Geräte umtauschen können; oder mit Heilungsritualen in den Dörfern, in denen die ganze Bevölkerung Kindersoldaten von ihren Verbrechen als Gewalttäter und ihrer Schuld reinigt und wieder in die Gemeinschaft aufnimmt.

Was können Kirchen tun?

Am Beispiel von Mosambik wird deutlich, welchen wichtigen Beitrag die Kirchen als unabhängige Institutionen zum Frieden leisten können. Auch die Erfahrungen der Kirchen in Südafrika oder in der DDR zeigen, was sie im Kampf um Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden beitragen können:

  • Auf lokaler Gemeindeebene können sie den Gewaltopfern eine Stimme geben, den Konfliktparteien lokale Foren für Kontakte und Dialog anbieten, gemischte Friedenskomitees aufstellen, Trainings zur gewaltfreien Konfliktbewältigung initiieren, örtliche Heilungsrituale zur Versöhnung durchführen.
  • Auf internationaler Ebene können Kirchen als dritte Partei von aussen Friedensprozesse zur Überwindung von Gewalt unterstützen, sei es durch Schutzpräsenz für bedrohte Menschenrechtler (vgl. Peace Brigades International), durch Förderung lokaler Friedenskomitees, durch Trainings zur Friedensausbildung oder aber durch die Unterstützung von Dialogforen und Vermittlungen zwischen den Konfliktparteien.

Voraussetzung dafür ist, dass sich die Christen und Christinnen und ihre Kirchen eine glaubwürdige, kritische Unabhängigkeit wahren: dass sie sich von den Mächtigen nicht vereinnahmen lassen. Und dass sie in der Nachfolge Jesu sich das Anliegen der schöpferischen Gewaltfreiheit als zentrale christliche Aufgabe zu Eigen machen. Praktisch heisst das, dass sie – wie die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und Quäker mit ihren Friedenskomitees – bereit sind, erfahrene Vermittler und Friedensfonds bereitzustellen.

Ueli Wildberger

Unser Autor

Ueli Wildberger, Theologe und Mitarbeiter beim Forum für Friedenserziehung/IFOR. Seit Jahren engagiert in gewaltfreier Friedensarbeit, sei es im Zusammenhang mit gewaltfreien Kampagnen, in der Friedensförderung in Konfliktgebieten oder in der Kursarbeit zur Gewaltprävention, gewaltfreier Konfliktlösung, Friedenserziehung und Zivilcourage.
http://www.friedenserziehung.ch

Video

Über die Wiedereingliederung von ehemaligen mosambikanischen Kindersoldaten in die Dorfgemeinschaft erzählt das Video «Der Krieg war kein Spiel». Ausleihe: Ueli Wildberger, Agnesstrasse 25, 8004 Zürich. E-Mail: ueli@dataway.ch

Brutalität gebiert Brutalität

WLu. Vor 50 Jahren begann in Algerien der Unabhängigkeitskrieg. Dabei zeichneten sich nicht bloss die Franzosen durch ein brutales Vorgehen wie z.B. Folterungen aus. Auch die Unabhängigkeitsbewegung ALN verübte Massaker. «Das Gute durch das Schlechte erreichen»: So umschreibt heute Rachide Berkane, ein ehemaliges ALN-Mitglied, ihre Methode. Nach der Vertreibung der Franzosen übte die ALN als neue Machthaberin wiederum eine Schreckensherrschaft aus. Dazu Berkane: «Es setzten sich immer die Brutalsten durch und nicht jene mit politischer Weitsicht. Das ganze System nach der Unabhängigkeit lässt sich so erklären.»

Quelle: kulturmagazin der Basler Zeitung. 30.10.2004

 

ite2005-1

Fastenopfer: Gewalt überwinden

ite 2005/1

«Gewalt hat nicht das letzte Wort»
Dem Frieden eine Chance geben
Mehr als ein Klaps auf den Hintern