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Vor der Kirche San Francesco in Assisi: Eine mächtige Erinnerung an Franziskus, den kleinen Bruder und nicht den erfolgreichen Ritter. | Adrian Müller
Vor der Kirche San Francesco in Assisi: Eine mächtige Erinnerung an Franziskus, den kleinen Bruder und nicht den erfolgreichen Ritter. | Adrian Müller

Franziskus: Vom Luxuskaufmann zum Bettelbruder

Der Modeexperte beginnt einen tieferen Sinn im Leben zu suchen, nachdem er über seinen Ehrgeiz gestolpert und in eine existentielle Krise gestürzt ist. Sein Sinn für «Mehr als alles» (wie Dorothee Sölle Gott nannte) erwacht erst, als der privilegierte Bürger in eine bedrohliche Leere fällt. In Assisi bestens aufgestellt, Mitglied der führenden Zunft und beliebter Eventmanager der jungen Generation, traumatisieren ihn das Debakel einer Schlacht gegen Perugia, zwölf Monate Psychoterror in Kriegsgefangenschaft und eine schwere Krankheit als Folge der Kerkerzeit. Als er sich nach zwei Jahren wieder aufrappelt und auf Assisis Hauptplatz tritt, erschrickt er: die Stadt hat «ihre Farben verloren», Business-Pläne ihren Sinn und die Feste ihren Reiz!

Flucht nach vorn

Wer kennt nicht moderne Menschen, die ähnlich reagieren? Franziskus stürzt sich ins nächste Abenteuer, flieht aus dunklen Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken in Aktionismus und will sich einem Feldherrn anschliessen, der in Süditalien die Interessen des Papstes vertritt. Bereits nach einem Tagesritt aber merkt er, dass er vor sich selbst davonläuft. Eine innere Stimme lässt ihn nachts zur Besinnung kommen und erkennen, dass er in seinem Alltag und seiner Stadt auf die Suche gehen muss: ein erster religiöser Schritt – zu sich kommen und dem tieferen Sinn des Lebens in der eigenen Realität nachspüren!

Die folgenden Jahre sehen Franziskus drei grosse Schritte tun: Eine erste Wegetappe führt in die Stille, eine zweite zu Menschen in Not und eine dritte zu einer überraschenden Gotteserfahrung. Schrittweise erkennt Franziskus, wie tiefsinnig Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe zusammenhängen.

Ich und du, Mensch

Den ersten Lernschritt erschliesst San Masseo, ein verlassenes Klösterchen unterhalb Assisi. Der Kaufmann entdeckt dort auf dem Ritt zu einem Markt eine halbdunkle Krypta. Fernab vom Treiben der Stadt findet Franziskus in ihrer Stille zu sich selbst, kann sich seinen dunklen Erfahrungen stellen, atmet Frieden und fasst seine Sehnsucht in Worte: «Gott, lichtvoll über allem, erleuchte die Finsternis meines Herzens… .»

An derselben Via Petrosa, die Assisi mit San Masseo und der Fernstrasse in der Ebene verbindet, erlebt Franziskus nach Monaten unerwartete Lichtstunden: Er begegnet ungewollt Randständigen, kommt einem Aussätzigen nahe und erfährt in dessen Schattenwelt nie gekannte Liebe. «Da ist mein Herz erwacht», wird er später schreiben. Sorge zu sich selbst verbindet sich mit beherzter Offenheit für Menschen.

DU, Gott

Den dritten Durchbruch erlebt der Sinnsuchende kurz darauf in der desolaten Landkapelle San Damiano, die ebenfalls vor den Toren der Stadt liegt: ein Zufluchtsort für Randständige, einzig von einer Ikonentafel geschmückt.

Betete Franziskus bisher zum fernen Gott der Romanik, dem «höchsten, lichtvollen», überrascht ihn in San Damiano der menschliche Gottessohn, halbnackt am Kreuz, mit weit offenen Armen und liebendem Blick: Christus, arm und vergessen vor der Stadt. Franziskus fühlt sich von einem unerwartet nahen Gottessohn empfangen, erleuchtet und umarmt. Giottos Fresko in Assisi hält die Szene symboltief fest.

Ein anderes Leben lernen

Der junge Kaufmann steigt mit 25 – seit zehn Jahren erwachsen – aus seiner Familie, Zunft und Stadt aus. Er sorgt zunächst mit Randständigen dafür, dass der «arme Christus» von San Damiano wieder ein Dach über dem Kopf erhält. Dann erkennt er seine neue Sendung in der Lebensform der Apostel, den Freunden Jesu, die mit ihrem Meister arm durch die Lande ziehen, Frieden in Häuser, Dörfer und Städte bringen, belastete Menschen aufrichten, Verstossene zurückbringen und Gottes Zuwendung erfahrbar machen.

Von Franziskus, dem neuen Jünger Christi tief berührt, stossen Gefährten zu Franziskus. Ulrich Luz, aktuell einer der besten Kenner des Matthäusevangeliums, sieht jene Brüder das Evangelium durch ihr Leben verstehen. Keiner der ersten zwölf war Priester oder Theologe, und doch verstanden sie die Botschaft Jesu besser als Bibelgelehrte: indem sie radikal «den Fussspuren Jesu folgten», wie Franziskus selbst es sagte.

Jesus nachfolgen

Die franziskanische Bewegung folgt der Erfahrung ihres Gründers: Gott ist ein geduldiger Abba (Vater), der warten kann, bis ihn Menschen – getauft oder ungetauft seine Töchter und Söhne – von sich aus suchen. Gottesfreundschaft entsteht und wächst in den «Fussspuren Jesu». Wer Worten und Praxis des Rabbi folgt, entdeckt Lebensfülle und wächst in ein neues Beziehungsnetz: mit unzähligen Schwestern und Brüdern (allen, die «Vater unser» oder «Unser Vater» beten) und mit einem neuem Blick auf die Kirche und Gesellschaft – denn unter Geschwistern und vor Gott gibt es keine Klassen und Hierarchien mehr.

Selbst Papst Innozenz III. lässt sich von dieser Bewegung beeindrucken: den Brüdern öffnet er «Stadt und Erdkreis» und Klaras Schwestern erlaubt er, wie Marta und Maria in Betanien «Christus arm zu umarmen» – mystisch in der Stille von San Damiano und sozial engagiert in der Aufnahme von Menschen in allerlei Nöten.

Von andern Religionen lernen

Als ein neuer Kreuzzug eskaliert, entscheidet sich Franziskus 1219 zur Friedensmission in Ägypten. Die Kreuzritter hören nicht auf ihn und stürzen sich ins nächste Debakel. Den Oberherrscher der Muslime jedoch gewinnt Franziskus zum Freund. Die Begegnung mit dem Islam erweitert die religiösen Horizonte des Mystikers. Tief bewegt entdeckt Franziskus Gott suchende und liebende Menschen ausserhalb der eigenen Religion. Er trägt seinen Brüdern auf, weltweit und in jeder Kultur vom Alltagsgebet der Muslime zu lernen: Menschen sollen «überall auf Erden» mitten im geschäftigen Leben innehalten und zu Gott aufschauen. Das kirchliche Angelusläuten ist eine Frucht dieser Anregung.

Beeindruckt zeigt sich Franziskus auch vom ehrfürchtigen Umgang des Islam mit dem Koran, dem Gottvertrauen im Inshallah und der Weisheit der 99 Gottesnamen. Einige übernimmt Franziskus in den eigenen Lobpreis, doch fügt er all den männlichen Namen für Allah und in der christlichen Tradition dreissig weibliche Gottesnamen hinzu.

Franziskus wird heute von Welt- und Naturreligionen als Mystiker geehrt, der zu einer grossen Freiheit fand: jeden Menschen inspiriert zu sehen und als Tochter oder Sohn Gottes, «wo auch immer auf Erden». In Assisi treffen und ermutigen sich heute alle Religionen, geschwisterlich zum Frieden der einen Menschheit beizutragen. «Ubi Deus, ibi Pax» (wo Gott Raum findet, breitet sich Friede aus) haben die Brüder des Franziskus denn auch über den Eingang ihres stillen Klösterchens am Berg von Assisi geschrieben.

Niklaus Kuster