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Erst die Solidarität ermöglicht das Überleben des Ordens
Erst die Solidarität ermöglicht das Überleben des Ordens

Interview mit Bruder Ephrem Bucher, Provinzial.

Ephrem, hast du in deinem persönlichen Leben schon Situationen erlebt, in denen du etwas verändern musstest, damit du wieder voll leben konntest?

Nachdem ich 17 Jahre Rektor des Gymnasiums in Appenzell gewesen war, spürte ich, dass ich mein Leben verändern musste. Ich sagte mir: «Entweder hat mir die Kapuziner-Provinz eine neue Aufgabe oder ich will mir eine neue Herausforderung suchen.»

 

Worin zeigte es sich dir, dass du dein Leben neu ausrichten musstest?

Die Routine wurde mir lebenshinderlich. Die Schule wiederholt sich von Jahr zu Jahr: Leute müssen zu Jahresbeginn neu aufgenommen werden. Ende Jahr gibt es eine Schlussansprache. Am Anfang meiner Lehrertätigkeit war dies interessant und ich konnte in den ersten Jahren kreativ an solche Aufgaben herangehen. Ich hatte stets neue Ideen und konnte diese umsetzen. Doch mit der Zeit lief es sich aus und ich wuchs aus der Arbeit heraus. Nicht nur inhaltlich, sondern auch konkret. Je älter ich wurde und je grösser die Altersdifferenz zu den SchülerInnen, desto schwieriger wurde mir das Unterrichten.

 

Wie kam es dann zu deiner Lebensveränderung?

Zuerst hatte ich die Absicht, mich in der Nordostschweiz für die Erwachsenenbildung zu engagieren. Doch trat der Kapuzinerorden an mich heran und bot mir interne Aufgaben an: zuerst das Amt eines Provinzvikars, später dasjenige eines Provinzials.

 

Als du zwanzig Jahre alt wurdest, hat in Rom das Zweite Vatikanische Konzil begonnen. Es war dies eine Zeit, da einige Veränderungen daskirchliche Leben geprägt haben. Woran magst du dich dabei gerne erinnern?

Für uns junge Kapuziner war damals zunächst die liturgische Entspannung sehr erfahrbar. Plötzlich waren die Regeln, die man genau beachten musste, nicht mehr wichtig. Wir begannen Hochgebete zu erfinden und bauten kreative Elemente in den Ablauf der Messe ein. Jedes Chorgebet wurde neu gestaltet. Es gab zehn Schemen, die als Grundlage dienten. In Solothurn übernahm jeder Bruder (wir waren eine recht grosse Gruppe) reihum die Gestaltung eines Gebetes und bereitete sich intensiv darauf vor.

Dieser liturgische Aufbruch war massiv!

 

Wie haben sich diese Veränderungen des Konzils für den Kapuziner Br. Ephrem im Alltaggezeigt?

Die Aufbruchsstimmung durch das Konzil brachte uns auch räumlich eine grössere Freiheit und damit auch einen neuen Lebensraum. Im Noviziat wie auch noch im Studium in Stans wurden wir Brüder sehr eng gehalten. Es brauchte z. B. einen wichtigen Grund, damit wirdas Kloster verlassen konnten.

Nach den Veränderungen durch das Konzil wurde anders gefragt. Steht einer Wanderung etwas entgegen oder nicht?

 

Hat sich diese Veränderung auch im Theologiestudium gezeigt?

In der Auslegung der Bibel, der Exegese, kam langsam die historisch-kritische Methode auf. In meiner dogmatischen Ausbildung hat der Thomismus, das heisst das Theologisieren im Sinne eines Thomas von Aquin, fast keine Rolle mehr gespielt. Die Brüder vor mir wurden noch voll auf diese Theologie eingefleischt. Unsere Vorlesungen waren in Deutsch. Bis kurz vorher wurden diese noch in Latein gehalten.

 

Hat sich in dieser Zeit auch eine Veränderung in der Arbeit der Kapuziner abgezeichnet?

Diese Änderung war schon viel früher geschehen, nicht erst nach dem Konzil. Die Seelsorge der Kapuziner hat sich im Vorfeld sehr diversifiziert. Von der Hausmission über die Arbeiterseelsorge, Bauernseelsorge, Gefängnisseelsorge, Spitalseelsorge, und so fort. Bruder Karl machte sogar Industrieseelsorge. Viel Neues war diesbezüglich für meine Generation gar nicht mehr möglich. Und unsere Schulen banden damals viele Arbeitskräfte. Neues konnte man gar nicht mehr erfinden. Aber die Methoden, die Herangehensweise an die Menschen konnten wir ändern.

 

Da ist viel Neues entstanden. Aber ist anderes auch auf der Strecke geblieben?

Die Betteleien. Während dem Studium ging ich noch mehrmals pro Jahr von Haus zu Haus auf Betteltour, um Gaben für das Kloster zu erbetteln. Kurze Zeit nach Beendigung meines Studiums war das vorbei. Die Kapuzinerbettelei verschwand innerhalb weniger Jahre. Diese Veränderung stellte sich ein vor allem aufgrund eines authentischeren Verständnisses der Ordensregel.

 

Haben alle diese Veränderungen dem Leben gedient?

(Zögert). Ja. Vielleicht ist diese Zeit mit einem Dammbruch zu vergleichen. Aus der Distanz von vierzig Jahren würde ich vermuten, dass wir einige dieser Veränderungen früher hätten kanalisieren müssen.

In der Pastoral hat jeder ausprobiert, was er für gut befand. Daraus entstand jedoch kein gemeinsamer Stil für die Kapuziner. Manchmal wären wir Brüder heute froh, etwas mehr gemeinsames Profil zu haben.

 

Die Veränderungen, die du vom Alltag, von der Theologie und von der Arbeit der Kapuziner erzählst, sind für mich bei den Kapuzinern heute noch erlebbar. Bei der Liturgie merke ich wenig davon. Da scheinen mir die Formen – vielleicht etwas anders gelagert als früher – auch wieder starr geworden zu sein. Warum nicht mehr Kreativität im Chorgebet?

Hm. (Lacht). Weil es anstrengend ist. Die damaligen Gestaltungsweisen haben viel Zeit in der Vorbereitung verschlungen. Das konnten wir uns damals leisten. Wir waren in Solothurn dreissig bis vierzig Studenten, die sich das Gebet untereinander aufteilen konnten. Wenn das Chorgebet gut verteilt war, hat es niemanden überfordert, eine Stunde für ein Gebet zu investieren. Hinzu kommt, dass man in jungen Jahren mehr Idealismus und Kreativität hat. Wenn man mit vielen älteren Menschen zusammenlebt, muss man schauen, dass man diese mit der Vielfalt nicht überfordert. Manchmal wären die betagten Brüder sogar offen für freiere Formen, finden sich aber in der Veränderung nicht mehr zurecht.

 

Und jetzt ab ins Heute? Welche Veränderungen stehen heute für die Kapuziner in der Schweiz an?

Zu berücksichtigen ist dabei zuerst, welche Gaben und Fähigkeiten die Brüder haben. Darauf aufbauend brauchen wir heute wieder ein deutliches und ein kommunizierbares Profil. Wir können nicht mehr jeden machen lassen, was er will. Deshalb haben wir für jedes unserer Klöster versucht, Schwerpunkte zu formulieren. Dabei zeigt es sich jedoch, dass es für die Gemeinschaften schwierig ist, diese auch zu realisieren.

 

Kannst du das an einigen Klöstern illustrieren?

Der Stil des Klosters zum Mitleben in Rapperswil gefällt mir nicht schlecht. Das Konzept Stadtseelsorge in Olten wurde nicht wirklich umgesetzt. Die Brüder arbeiten heute an diesem Ort klassisch in den Pfarreien mit, ohne wirklich etwas Neues zu entwickeln. Das Kloster in Luzern hat zwar viele Funktionen zu erfüllen, hat aber kein eigenes Profil gegen Aussen und gegen Innen entwickeln können. Das müsste verändert werden, damit neues Leben keimen könnte. Zum Überleben der Klöster braucht es eine feststellbare Identität!

 

Was müssen die Kapuziner der Schweiz künftig loslassen?

Die zu schweren Strukturen müssen weg. Es ist dies im Moment zwar noch schwierig, aber zu grosse Strukturen behindern unser Leben immer mehr. Es braucht mehr Beweglichkeit und Offenheit in unseren Reihen. Einen Konflikt sehe ich zwischen der Individualisierungstendenz, wie sie auch innerhalb des Ordens spürbar ist, und der Notwendigkeit eines kapuzinischen Solidaritätsgefühls innerhalb der Gemeinschaft. Ohne diese brüderliche Solidarität stirbt der Orden in der Schweiz.

 

Vor dreissig Jahren hast du erstmals als Regionalrat die Kapuzinerbrüder in Tansania besucht. Was musste sich in den letzten Jahren da ändern, damit das brüderliche Leben heute möglich ist.

In Tansania haben wir in den letzten 20 bis 30 Jahren radikale Veränderungen erlebt. Lange Zeit wurde die Mission fast ausschliesslich von ausländischen Missionaren getragen. Heute haben die einheimischen Brüder praktisch alle Verantwortung übernommen. Zwar gab es vor dreissig Jahren auch schon einheimische Mitbrüder – allerdings in geringer Zahl. Und es fehlte den einheimischen Brüdern ein afrikanisches Selbstwertgefühl. Deshalb haben sie verständlicherweise einfach die Europäer imitiert. Die tansanischen Brüder müssen heute lernen, eigene Akzente zu setzen und umzusetzen, um so lebensfähig und glaubwürdig zu werden.

 

Was heisst das im Verhältnis zur Schweizer Kapuzinerprovinz?

Den ersten Schritt hat die Schweizer Provinz getan: Sie hat die Verantwortung beinahe in allen Lebensbereichen den einheimischen Brüdern übergeben. Was noch aussteht, ist die finanzielle Unabhängigkeit. Bis jetzt ist diese Unabhängigkeit nicht gegeben. Der Schritt in die finanzielle Unabhängigkeit wird dadurch erschwert, dass die schweizerischen Brüder auch in Tansania Strukturen aufgebaut haben, welche ohne das Geld aus dem Norden nicht zu halten sind. Dennoch müssen die einheimischen Brüder auch in diesem Bereich langsam lernen, auf eigenen Füssen zu stehen, selbst auf das Risiko hin, dass einzelne Strukturen vereinfacht werden müssen. Mit etwas Geduld und Fantasie müsste das gelingen.

Interview: Adrian Müller

http://www.adrianm.ch