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Sichtbare und unsichtbare Hürden

Die BBC-Übertragung der Gedenkfeier am Brandenburger Tor sah ich mir mit palästinensischen Freunden an. Fast schmerzhaft scharf drang Hillary Clintons Loblied auf den «Triumph der Freiheit über die Knechtschaft» in die gute Stube in Ramallah.

In jener Nacht habe die europäische Geschichte «Beton und Stacheldraht durchbrochen» und eine «neue Morgendämmerung» nicht nur für Berlin, sondern für die ganze Welt eingeleitet, schwärmte die US-Aussenministerin. Die Deutschen beider Seiten, insbesondere jene im Osten, hätten sich erhoben getreu dem Slogan: «Freiheit ist unser angeborenes Recht, wir nehmen es in die Hand.»

Intifada

«Für uns gelten solche hehren Grundsätze nicht», bemerkte eine palästinensische Bekannte sarkastisch. Wenn das palästinensische Volk sein «angeborenes Recht» in die Hand nehme, so bezichtige man es gleich des Terrorismus, war sich die Runde in Ramallah einig. Der Unmut, der dabei zum Ausdruck kam, rührt von Erfahrungen in eigener Sache.

Im September 2000 begann die zweite Intifada. Der palästinensische Aufstand gipfelte in einer Reihe von Selbstmordanschlägen in israelischen Städten. Die Regierung von Ariel Sharon reagierte darauf mit dem Mauerbau. 2,5 Millionen Menschen in der Westbank wurden in ein Labyrinth von Zäunen, Wällen und Wachtürmen gezwängt.

Mauer der Apartheid

Am 9. Juli 2004 erinnerte der Internationale Gerichtshof in Den Haag (IGH) daran, dass Israel an die Vierte Genfer Konvention und die Menschenrechtspakte der Uno gebunden ist. Demnach müsste es der Bevölkerung im besetzten Gebiet freien Zugang zu ihren Lebensgrundlagen gewähren. Keinesfalls dürfte die Besatzungsmacht Tatsachen schaffen, die auf eine Annektierung dieses Gebiets hinauslaufen.

Das nicht bindende Gutachten fruchtete wenig. Israels Sperranlage soll sich über 709 Kilometer erstrecken. 58 Prozent davon sind fertig erstellt, 10 Prozent im Bau, der Rest ist in Planung. Die Palästinenser sprechen von einer «Mauer der Apartheid», in städtischen Zonen macht das Werk diesem Ruf alle Ehre. Da ragen Betonquader acht oder neun Meter in den Himmel und zerstören gewachsene Strukturen hienieden.

Jerusalem um sieben Ecken

Durch Abu Dis, das biblische Betanien, führte einst die Seidenstrasse. Vor 1967 war dieser Ort östlich von Jerusalem eine bevölkerungsreiche Kleinstadt. Nach dem Sechstagekrieg erweiterte Israel die Stadtgrenzen Jerusalems, indem es grosse Stücke des palästinensischen Hinterlands annektierte. Es grenzte Abu Dis aber aus, um die jüdische Bevölkerungsmehrheit in der Hauptstadt nicht zu gefährden. 2002 begann Israel mit dem Mauerbau. Einer der ersten Abschnitte entstand in Abu Dis. Die kleine Stadt war fortan nicht nur abgetrennt, sondern zweigeteilt.

Hassan Mohammed Khalil lebt in Abu Dis. Sein Haus lehnt sich heute direkt an den acht Meter hohen Sperrwall an. Steigt er aufs Dach kann er die goldene Kuppel des Felsendoms in der Jerusalemer Altstadt sehen. Doch die alte Strasse dorthin ist ihm versperrt. Für den Mauerbau konfiszierte Israel 1,5 Hektaren seines Landes. Entschädigung einkassieren kann er nicht, weil ihn seine Landsleute sonst der Kollaboration mit der Besatzungsmacht bezichtigten.

Auf dem verbleibenden Grundstück zieht er Oliven und Ziegen. Doch den Wert seines Landes so nah an der pulsierenden Kapitale kann er nicht wirklich nutzen, solange die Verbindungswege nach Jerusalem um sieben Ecken führen.

Von drei Seiten umschlossen

Das Hinterland von Jayyus, einem Dorf im Bezirk Qalqiliya im nördlichen Westjordanland, ist reich an Quellwasser, die Erde fruchtbar. Dort, wo der Boden bearbeitet wird, wechseln Olivenhaine mit Mandel- und Feigenbäumen, in Treibhäusern spriessen Gemüse und Früchte. «Einst belieferten wir alle regionalen Märkte. Jetzt leben wir mit einer Arbeitslosenrate von 75 Prozent. Die Mauer hat uns ins Elend gestürzt», klagt Mohammed Taher Jaber, der Bürgermeister des 3500 Einwohner zählenden Ortes.

Der Sperrwall zieht sich in diesem Abschnitt sechs Kilometer östlich der Grünen Linie durch palästinensisches Gebiet. Die Anlage besteht hier zwar lediglich aus einem elektronisch gesicherten Zaun. Doch dieser umschliesst Jayyus von drei Seiten und trennt das Dorf von 860 Hektar Kulturland ab. Die Bauern haben zu zwei Dritteln ihres besten Bodens nur noch beschränkten Zugang.

Zerfall

50‘000 Obst- und Olivenbäume und sechs Grundwasserquellen liegen auf Terrain, das die Besatzungsmacht zur geschlossenen Zone erklärte. So ist auch der Zerfall in dieser Gegend auf Schritt und Tritt erkennbar. Wasserleitungen bröckeln, Felder liegen brach, ein paar Kohlmeisen erheben sich erschreckt aus einem Dornengebüsch. «Die Vögel sind die letzten, die hier noch Bewegungsfreiheit geniessen», sagt Saleh Daher, ein jüngerer Bauer.


«Die Vögel sind die letzten, die hier noch Bewegungsfreiheit geniessen.»

Um ihren Grund und Boden betreten zu können, brauchen die Bauern «Besucherbewilligungen». Die aber stellt Israels Militär in Jayyus laut dem Uno-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha), immer seltener aus. Bald hegten die Besatzer Sicherheitsbedenken, bald wiesen sie einen Gesuchsteller ab, weil dieser den «Bezug zu seinem Land» nicht nachweisen könne, erklärt der Bauer Sharif Omar Khalid.

Gegen internationales Recht

Die Sperranlage, so konstatierte das Haager Gericht, könnte Israel zur Wahrung seiner Sicherheitsinteressen allenfalls auf eigenem Terrain bauen, doch nicht auf palästinensischem Boden. Nach diesen Kriterien widerspricht der Mauerverlauf bei Jayyus auf der ganzen Strecke dem internationalen Recht.

Der IGH ist die höchste völkerrechtliche Instanz der Vereinten Nationen. Uno-Diplomaten hatten sich von dem Befund zunächst moralische Wirkung erhofft. Heute sehe man die Sache nüchterner, erklärt Ray Dolphin, Mauer-Spezialist bei der Ocha. Zwar habe Israels Oberstes Gericht schon Korrekturen angeordnet, das Militär mitunter auch solche versprochen. «Doch blieb es bisher meist bei Versprechen, wie das Beispiel Jayyus zeigt.»

In Jayyus konfiszierte Israels Militärgouverneur bereits 1988 Land, auf dem fünf Jahre später die jüdische Siedlung Zufin entstand. Diese Siedlung mit heute rund 1000 Einwohnern will expandieren. Die Siedler dort hätten ihnen schon früher einen ganzen Olivenhain abgeholzt, sie warteten nur darauf, sich mehr palästinensisches Land zu erschleichen, argwöhnen die Bauern im Nachbardorf Jayyus.

 «Man will uns aus der Gegend hier vertreiben, deshalb hat Israel die Mauer letztlich gebaut», vermutet Jaber, der Bürgermeister vor Ort. Auf die Morgendämmerung der Freiheit warten seine Landsleute noch.

Marlène Schnieper, Ramallah

Die Autorin ist Nahost-Korrespondentin von Schweizer Zeitungen

 

17 Kilometer Umweg

Der Campus der Al-Quds-Universität in Abu Dis hat einen Drittel seines Terrains an die Mauer verloren und ist jetzt ebenfalls von Jerusalem abgeschnitten. Die Hälfte der 8000 Studenten, die dort eingeschrieben sind, muss nun Tag für Tag einen Umweg von 17 Kilometern in Kauf nehmen.

 

Guter Gott,
wir Menschen bauen Mauern.
Sie trennen Völker, schaffen Grenzen.
Unüberwindbar, kalt und stumm
klagen sie an – auch in Bethlehem.

Wir beten für Frieden in Deinem Land,
Frieden, der niemanden ausschliesst;
der verbindet, wo Trennung herrscht.
Gib den Friedfertigen Kraft,
lass uns gemeinsam Brücken bauen und
Mauern überspringen, wie Du es
verheissen hast.

Gebet der Kinderhilfe Bethlehem

 

ite2010-2

Mauern

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