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Drei italienische Kapuziner ermordet

Ich höre über meinem Kopf den Himmel zerbersten. Gewehrgeknatter, Maschinengewehrsalven, Revolverschüsse, Granateneinschläge, Schüsse hier und dort und rundum. All das löscht an diesem Ostermontag die eben zaghaft aufgekeimte Osterfreude aus.

7.25 Uhr:

Schreckensschreie, Todesgestöhn und Schmerzenslaute von verblutenden Körpern. Geheul von Menschen, über denen der Himmel ganz plötzlich in Trümmer geht. Erst später werde ich inne, dass diese Todesschreie von drei Mitbrüdern herkommen: von Camillo Campanella, Oreste Saltori und Francesco Bortolotti, der Erste aus Apulien, die beiden Andern aus Trient.

7.30 Uhr:

Ich vernehme rauhe Stimmen, lärmige Befehle und Kettengeklirr ums Haus herum. Ich öffne ganz vorsichtig den Vorhang ein Spältchen und erblicke schaudernd 30 Bewaffnete im Angriff. Die einen in Uniform, andere in Zivil, wieder andere halbnackt oder bös zerlumpt. Ein grell-heller Haufen. Sie tragen Maschinengewehre, Stutzen, Revolver, Macheten und andere Mord- und Zerstörungsinstrumente in rauhen Mengen. Schüsse überall.
Es ist die Hölle. Ich verkrieche mich angstvoll in einen Winkel und fürchte, sie könnten durchs Fenster hinein auf mich schiessen. Nackter Terror, blanker Hass!

7.40 Uhr:

Plötzliche Stille. Pause. Ich spüre mein heisses Blut an die Schläfen pochen und den Herzschlag auf Hochtouren hämmern. Ich schaue zum Vater im Himmel: „In Deine Hände empfehle ich mein Leben.“ Wie ein Orkan stürmen jetzt die Bewaffneten herein und verwüsten alles, was ihnen unter die Hände kommt. Und schon beginnt das Verhör. Der Hauptmann Rogerio führt mich in den Hinterhof seiner Behausung am Ufer des Nebenflusses vom Rio dos Bon Sinais. Meinen Augen enthüllt sich da ein schreckliches Schauspiel: 18 nackte Körper Getöteter liegen auf dem Bauch oder auf dem Rücken in einem wässerigen Schlamm herum, lauter junge Männer. Wie versteinert stehe ich da.

Wie es geschah

Am Ende des Verhörs erklärt mir Rogerio eiskalt: „Vor dem Haus gibt es einen, dem es nicht gut geht…“ Mit einem schrecklichen Verdacht stürze ich mich zum Haupteingang des Hauses und stosse dort auf Fra Oreste Saltori, blutüberströmt auf einer ebenfalls von seinem Blut getränkten Matte. Ich schliesse ihn in meine Arme: „Oreste, lieber Bruder, was ist nur geschehen? Sieh, ich komme dir zu Hilfe.“

Mit Satzfetzen lallt er, kaum verständlich: „An drei Stellen haben Geschosse mich getroffen und niedergestreckt.“ Dann keuchend und stöhnend: „Mein Gott.“ Er hat viel Blut verloren und liegt schon über eine Stunde hier. Leise und langsam, doch deutlich berichtet mir Oreste, was sich zugetragen hat, als er nach Inhassunga gekommen war. Die ersten Schüsse fielen mehr aus Fahrlässigkeit. Da waren nämlich 120 jugendliche Soldaten etwa einen Kilometer von der Missionsstation entfernt. Von dort aus plünderten und verwüsteten sie Geschäfte. Mit verschiedenen Waffen, auch solchen aus der Sowjetunion, böllerten sie herum. Da gerieten die beiden Gruppen aneinander, die Soldaten der Regierung und jene der Aufständischen. 100 Schützen warfen ihre Waffen weg, 20 suchten Zuflucht bei uns, wurden aber verfolgt.

Oreste stirbt

Zu dieser Zeit hatten sich die Brüder Camillo Campanella, Oreste und Francesco im nahen Bananenhain versteckt, während die Leute der RENAMO (Widerstandsbewegung; siehe Erklärung im Kasten) wütend die Kindersoldaten niederschossen. Die Missionare erkannten, dass auch sie in Gefahr waren. Sie traten aus ihrem Versteck und schrien: „Wir sind italienische Missionare.“ Die RENAMO hielt sie aber für Mietlinge der feindlichen FRELIMO und folgte der Devise: „Nieder mit allen Weissen!“ So durchlöcherten sie Camillo und Francesco, die sogleich tot zu Boden sanken, während Oreste, von drei Schüssen verwundet, sich zu einer Decke schleppen konnte. Und jetzt lag also dieser Mitbruder sterbend in meinen Armen. Er hauchte noch: „Wir sind in die Hölle geraten.“ Er stöhnte betend: „Herr, Herr … Dir schenke ich mein Leben für jene, die es mir genommen: Rechne ihnen die Sünde nicht an, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Oreste verschied am folgenden Tag um 2.00 Uhr in der Früh.

Nicht desertieren

Wer waren die drei umgebrachten Kapuziner? Camillo Campanella war ein Sozial-Pionier. Er organisierte Salzminen, Fischereieinrichtungen, die Produktion von Säcken usw. Solidarisch half er überall mit und blieb doch im Hintergrund. Er wurde vom Bischof zum diözesanen Ökonomen bestellt. Für gewöhnlich lebte er im Bischofshaus. An Sonn- und Feiertagen kam er zu uns nach Inhassunga auf Aushilfe. Am Tag nach dem Oster-Sonntags-Gottesdienst wurde er umgebracht. Er hatte die vielen Christen von Inhassunga nicht bei den ersten Schüssen verlassen. Andere hatten ihr Heil in der Flucht gesucht. Er aber meinte: „Für uns wäre wegziehen gleich desertieren, die Herde verlassen. Doch muss jeder nach seinem eigenen Gewissen entscheiden und handeln.“ Das waren die letzten Worte unseres ermordeten Mitbruders Camillo.

Fröhlich und geistreich

Oreste Saltori war ein sehr menschlicher und bescheidener Mitbruder. Sein Glaube war kindlich und tief. Seine Fröhlichkeit wirkte ansteckend. Im Gespräch wusste er immer einige aufstellende Anekdoten und trug sie geistreich vor. Auch sang und spielte er mehrere Instrumente. Er nahm herzlich Anteil an der Armut der Leute von Mozambique und half, sobald er ein Bedürfnis entdeckte – auch mir. In den täglichen Verrichtungen war er geschickt, sei es bei Motoren oder in der Küche. An der Fasnacht organisierte er für uns einen „Familienball“. Francesco Bortolotti war ein wahrhaft guter Mensch, gescheit, still, aufgeschlossen. Wenn er auch nicht leicht auf alle zugehen konnte, kam er doch mit allen gut aus. Vor allem die Herzen der Jungen standen ihm offen. Er suchte im Dialog mit den Einheimischen sie zu begreifen. Vor vielen Jahren sah ich über dem Tabernakel einer italienischen Kirche den Satz: „Er siegte, weil er ein Opfer war.“ Ich bin davon überzeugt: Die Aussage trifft auch auf meine Mitbrüder Oreste, Francesco und Camillo zu.

Giocondo Pagliara
Übersetzung: Friedrich Frey

 

Hintergründe

WLu Nach 500-jähriger Kolonialherrschaft und 10-jährigem Befreiungskrieg erlangte das südlich von Tansania gelegene Mozambique 1975 die Unabhängigkeit von Portugal. Die Regierung, die aus der Befreiungsbewegung FRELIMO (Frente de Libertaçâo de Mozambique) hervorgegangen war, entschloss sich für die sozialistische Planwirtschaft. Die rechtsstehende Widerstandsbewegung RENAMO (Resistência Nacional Mozambicana) verwickelte sie in einen 17-jährigen, brutalen Bürgerkrieg. Während die Regierung von der Sojwetunion unterstützt wurde, kam für die Rebellen Hilfe aus dem Westen. Im Zeichen des Antikommunismus leisteten beispielsweise rechtsbürgliche Kreise und Zeitschriften der Schweiz moralische Unterstützung für die Aufständischen. 1992 wurde der Krieg beendet. „Mit enormer finanzieller und logistischer Unterstützung der UNO und mit unbürokratischer Hilfe der Schweiz konnten Soldaten und Rebellen entwaffnet und viele der Vertriebenen und Flüchtlinge wieder zurückgeführt und angesiedelt werden.

(Helvetas-Info)

 

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