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Indische Impressionen

Die erste Begegnung mit der indischen Wirklichkeit löste starke Eindrücke aus. Delhi ist eine ungeheure Grossstadt: überbevölkert, ein Gewimmel von Menschen, Tieren, Verkehrsmitteln aller Art.

Mitternächtlicher Empfang

Doch der überaus warme Empfang, den uns der Vize-Provinzial in mitternächtlicher Stunde bereitete, liess uns gleich zu Beginn hier sicher und geborgen fühlen. Wenn wir in einem Meer von Leuten und stets neuen Überraschungen schwammen, wussten wir ständig die Brüder uns zur Seite. Auf so aussergewöhnlich liebenswürdigen Empfang trafen wir überall. Ich erinnere mich nicht, anderweitig so herzliche Aufnahme gefunden zu haben wie in Indien. Klar, wir waren die Vertreter der spendierfreudigen Schweizer Kapuziner. Dennoch wurden wir vor allem schlicht und einfach als Mitbrüder aufgenommen.

Initiativ und begeistert

Von der ersten Begegnung mit den Kapuzinerschulen im Norden gewann ich den Eindruck: „Da sind kompetente Leute mit viel Initiative am Werk. Die kennen ihr `Handwerk`.“ Ich habe mich wirklich nicht geirrt. Im Norden beeindrucken vor allem die gut organisierten Schulen. Im Süden sind es eher die Sozialwerke, Waisenhäuser, Wohnungen für die Ärmsten, die wir sehr bewundert haben. Wir trafen hier und dort viele Mitbrüder voll Enthusiasmus und bestens motiviert und befähigt. Einige waren zwar eher zurückhaltend, aber voll achtsamer Aufmerksamkeit. Die Grosszahl hingegen war sehr spontan und begeistert.

Viele junge Kapuziner

Im Gegensatz zu unserer Provinz, wo der Nachwuchs fehlt und die Überalterung Überhand nimmt, kennen die indischen Provinzen diese Probleme nicht. Fast unzählbar sind ihre Kandidaten. Die Verantwortlichen müssen einzig darauf schauen, dass diese Jugendlichen möglichst richtig motiviert und gründlich ausgebildet werden. Wer aufgenommen werden will, muss mindestens zwei Fremdsprachen erlernen, meist Englisch und Hindi. Vor dem Noviziat vergehen so minimal vier Jahre. Während des dreijährigen Philosophiestudiums werden die Studenten mit der westlichen und östlichen Weltanschauung konfrontiert. Da setzen sie sich auch auseinander mit der reichen Hindu-Literatur und -Kultur der Veden, Upanishaden, Bhagavadgita usw. Insgesamt durchlaufen die jungen Kapuziner vor ihrer Priesterweihe 13 – 14 Jahre Studiums.

Wir haben öfters Studentengruppen der Philosophie und Theologie getroffen und uns mit ihnen unterhalten. Ich gewann den Eindruck, sehr lebendige und intelligente Männer vor mir zu haben. Zwar muss ich auch eingestehen, dass ich dabei einen Anflug der Eifersucht empfand, im Blick auf all diese Kräfte…

Schwestern in Saris

Auf unserer Reise nahmen wir auch Kontakt auf mit der Welt der Ordensschwestern und sahen ihre Werke. Ich wusste zwar, dass Indien zahlreiche weibliche Orden besitzt. Aber was ich nun erfuhr, überstieg all meine Vorstellungen bei Weitem.
Die Ordensschwestern präsentieren sich im Allgemeinen in ockerfarbenen Sari und weichen darum nur wenig von der Erscheinung anderer Frauen ab. Auch beim Arbeiten strahlen sie eine grosse Würde aus. Ihr Gang, ihr Benehmen ist so elegant und würdevoll, dass in mir das Bild von Priesterinnen aufstieg. Überaus viele Ordensfrauen trafen wir, die äusserst bescheiden leben und mit voller Hingabe sich einsetzen für die Elenden. Meistens haben sie dabei ein Lächeln auf ihren Lippen.

Indische Religiosität

Wir freuten uns auch an den Tänzen, welche die Schwestern uns zu Ehren aufführten. Die Kraft und Faszination der indischen Religiosität bestehen gerade in der Integration von Leib und Seele, wie wir sie kaum kennen. Wenn die Inder mit gekreuzten Beinen auf dem nackten Boden sitzen, ist das ebenso natürlich wie unser Sitzen auf Stühlen. Der Unterschied besteht m. E. einzig darin, dass sie so ganz geerdet sind – etwas, das uns fehlt.

Sie denken anders

Die Inder sind ebenso spekulativ wie wir. Ihr Denken ist allerdings verschieden von unserem. Es umfasst meistens alle Dimensionen des Seins. Der Übergang von der materiellen zur spirituellen Welt geschieht nahtlos und problemlos. Die Menschen in Indien haben einen Leib, der sich über viele Stufen vergeistigt, während wir mehr den Gegensatz von Körper und Seele sehen und bedenken. Es ist verständlich, dass diese indische Sichtweise für uns Westliche höchst faszinierend ist. Damit will ich nicht behaupten, jeder Inder sei ein Philosoph oder Yogi. Doch ist ja auch nicht jeder europäische Christ voll des Geistes der sieben Seligkeiten!

Tempel

Die Vereinigung der Gegensätze schien ebenfalls beim Besuch von grossen Tempeln im Süden (Kerala und Tamil Nadu) auf. Höchst beeindruckend ist in den riesigen Tempelhallen eine unzählbare Menge von je verschiedenen Säulen. Angesichts der für uns ausgesprochen sinnlichen Darstellungen des Männlichen und Weiblichen begegnet uns ein Zusammengehen von Menschen- und Tierwelt, von Wirklichkeit und Phantasie. Für mich war es wie eine Reise in meine Traumwelt, eine Reise zwischen Wachen und Schlaf. Und was ich in den Tempeln dargestellt sah, schien mir, ich hätte es auf der ganzen Reise schon gesehen. Wenn ich nun heute an Indien denke, erfasst mich nicht mehr Angst wie vorher. Nein, es erfüllt mich grosse Dankbarkeit, ja eine gewisse Nostalgie.

Mauro Jöhri
Übersetzung: Friedrich Frey

 

Warum ich nach Indien reiste

MJ. Indien ist in jeder Sitzung unseres Provinz-Rates ein Thema. Denn von dort erreichen uns viele Projekte, die studiert und diskutiert werden müssen, bevor wir darüber entscheiden. Ich schob die Indienreise auf, weil dieses Land mir Vorstellungen wachrief von Fakiren und Asketen, Schlangen und Elefanten, fremdartigen Religionen, Kasten usw. Dazu kannte ich dort niemanden und konnte mich auch nicht gut auf Englisch verständigen. Dann entschloss ich mich, wenigstens etwas Englisch zu lernen. Auch lud ich Walter Ludin ein mitzukommen. Er sagte gerne zu.

 

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Indien

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Indien - doppelt belichtet
Vereinigung der Gegensätze
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