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Schon früh müssen Kinder mitarbeiten | Missio Fribourg
Schon früh müssen Kinder mitarbeiten | Missio Fribourg

Seit 36 Jahren im Dienste der Pfarrei von El Rama

Sehr geehrter Herr Santiago Somoza Reyes, Sie wurden 1982 Diakon?

Ja, ich wurde im Jahr 1982 in Huapi geweiht, dort hatte ich als Bauer gelebt. Ich war verheiratet. Das Land war in einen verheerenden Krieg verwickelt. Ich danke Gott, dass er mich diese zehn Kriegs- jahre von 1980 bis 1990 unbeschadet überstehen liess. Während all dieser Jahre habe ich meine Aufgabe als Missionar erfüllen dürfen.

 

Wie kamen Sie mit dem Krieg in Kontakt?

Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer Gemeinde im Jahr 1988. Normalerweise kamen wir immer in der Frühe zusammen, um Gottesdienst zu feiern. Bei diesem Besuch waren um die Kapelle herum Kämpfe  im Gang. Die meisten Menschen hatten die Flucht  ergriffen und nur noch einige junge Menschen und ich waren da. Es gab zwei Parteien im Land, die sich gegenseitig bekämpften.

 

Mussten Sie für eine der beiden Gruppen, die sich in diesem Krieg bekämpften, Partei ergreifen?

Glücklicherweise nicht; ich konnte eine neutrale Position einnehmen. Das war  allerdings nicht immer einfach und hing von den Gruppen ab, mit denen ich bei meiner missionarischen Tätigkeit zu tun hatte. Sie fragten mich aus und wollten wissen, wer ich  sei. Mit  einem Empfehlungsbrief, der von zwei Bischöfen unterzeichnet war,konnte ich mich auch aus schwierigen Situationen retten. Es war trotzdem hart.

 

Was war hart?

Die Kämpfer nahmen alles, was der Zivilbevölkerung gehörte, weg, um so die Leute zu zwingen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Im Allgemeinen ist es mir gelungen, den Respekt beider Parteien zu bekommen. Als die Bewaffneten zur Kapelle kamen, wo ich mit  jungen Leuten zusammen war, sagte ich ihnen: «Ihr könnt diese Jungen nicht mit euch nehmen. Denn hier in  der Kapelle bin  ich der Chef. Draussen, da seid ihr vielleicht die Chefs!» Das war die Art und Weise, in der ich mit ihnen umging.

 

Später sind Sie nach El Rama gezogen. Wieso das?

Wegen des Krieges musste  ich Huapi verlassen und zog deshalb mit meiner Familie nach El Rama. Im Jahr 1994 hat mich meine Frau mit einem Costaricaner verlassen; sie hat nie mehr etwas von sich hören lassen. Ich blieb zurück mit sieben Kindern: das jüngste war 5-jährig, das älteste war  gerade 15 Jahre alt. Es gelang mir, den Tiefschlag zu überwinden und vorwärtszuschauen.

 

Worin besteht in diesem Vikariat ganz konkret die Arbeit eines Diakons?

Als Diakon taufe ich, segne Hochzeiten ein und verteile  die Kommunion. Diese Arbeit verlangt, dass ich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft gehe. Eine Missionsreise kann 10 bis 15 Tage dauern. Im Ganzen gibt es in der Pfarrei 100 Gemeinschaften. Sie verteilen sich auf 10 Zonen. Diese werden auf die Priester, Diakone und Laienmissionare so aufgeteilt, dass jede Gemeinschaft regelmässig den Besuch von einem dieser drei erhält. Jede Gemeinschaft sollte alle drei Monate einen Besuch erhalten.

 

Unterscheiden sich Ihre Seelsorgeerfahrungen von Huapi und El Rama?

Man muss unterscheiden zwischen den Erfahrungen in der Stadt und denen auf dem Land. In der Stadt ist der Glaube eher schwächer. In den acht Quartieren von El Rama gibt es jeweils eine Kapelle, der ein Katechist zugeordnet ist. Auch diese Quartiergemeinschaften besuchen wir, allerdings sind wir  nur tagsüber dort. Auf dem Land werde ich berührt von der Einfachheit und der Demut der Menschen. Sie vertrauen in das, was wir sagen. Sie warten darauf, dass wir kommen. Unser missionarischer Einsatz wird geschätzt, der Glaube mit Tiefe und Freude gelebt. Einmal in drei Monaten ist für die Gläubigen das grosse Fest: das Fest der Eucharistie, das Fest der Erstkommunion, das Fest der Taufe oder der Hochzeit.

 

Was beschäftigt heute die Pfarrei am meisten?

Es gibt viele Spannungen mit den staatlichen Behörden. Vor allem bei den Leuten, die frisch in die Stadt gezogen sind. Dann gibt es immer noch viel Hass zwischen denen, die früher gegeneinander gekämpft haben. Oft greifen sie zur Gewalt, um Probleme  zu lösen. Eines Tages bin ich vor einer Kapelle auf eine Gruppe Leute  gestossen, die mit Messern aufeinander losgingen und einander töteten. Bei Konflikten zwischen Personen ist es sehr schwierig zu intervenieren. Wir machen viel Mediationsarbeit. Wir haben eine Gruppe, die den Leuten Gewissensbildung anbietet, die versucht sie einander näherzu- bringen und sie begleitet, bis Versöhnung möglich wird. Ich arbeite sehr viel im Bereich der Menschenrechte und bin auch der Koordinator der Pfarrei der Menschenrechtskommission.

 

Haben Sie Erfolg?

Ja! Man kommt von allen Seiten zu uns und bittet uns um Mediation in den Konflikten. Diese geht dem gerichtlichen Verfahren voraus. Unsere Interventionen sind oft von Erfolg gekrönt. Wir können Familien und Gruppen, die verfeindet sind, wieder zusammenführen. Konflikte im Zusammenhang mit dem Besitz von Boden sind sehr häufig. Die Leute nehmen Boden in Besitz, der ihnen nicht gehört. Ich interveniere oft so, dass die Leute auf legalem Weg Boden erhalten, wobei auf jegliche Gewaltanwen- dung verzichtet wird und die staatlichen Stellen einbezogen werden.

 

Wie sehen Sie Ihr Engagement als Diakon in der Gesellschaft?

Der Diakon ist einer, der im Dienst aller steht. Ich betrachte mein Wirken als Dienst am Volk, als Dienst an meinen Mitbürgern. Ich kann denen  eine  Stimme  geben, die selber keine haben. Die Bauern scheuen noch immer den Kontakt mit  den Behörden, vor allem mit der Polizei und den Richtern. Deshalb begleite ich die Bauern, wenn sie zur Polizei oder vor Gericht gehen müssen. Ich habe mich in unserer Pfarrei auch in der Kommission für Menschenrechte engagiert. Es  gab dringliche Bitten, die Pfarrei möge sich doch in ganz konkreten Fällen für die Menschenrechte einsetzen. Auf der Ebene der Pfarrei begann die Arbeit für die Menschenrechte im Jahr 1984; im Jahr 1991 wurde sie ausgeweitet auf das Gebiet der politischen Gemeinde. Die ganze Arbeit geschieht mit Unterstützung durch die Kirche; sie hat auch die Supervision übernommen.

 

Wie können Sie für Ihren materiellen Lebensunterhalt aufkommen? Ist Ihre Arbeit bezahlt?

Früher  besass ich einen kleinen Bauernhof, ein kleines Stück Boden auf  dem Land draussen. Als ich dann allein war und meine Arbeit als Diakon mich nötigte, häufig abwesend zu sein, habe ich dieses Grundstück verkauft. Ich besitze jetzt noch eine Kuh auf einem Kleinsthof, etwa eine Stunde vor El Rama entfernt. Aber ich wohne in der Stadt. Ich habe einige Ersparnisse auf der Bank. Mit den Zinsen und mit dem, was die Kirche mir gibt, wenn ich unterwegs bin, komme ich so einigermassen durch. Bei der wirtschaftlichen Situation des Landes ist das sicher nicht grossartig. Man folgt mehr oder weniger den Launen des Lebens, eben wie Gott es will.

 

Was ist aus Ihren sieben Kindern geworden?

Sie sind jetzt alle erwachsen. Eine Tochter und ein Sohn arbeiten in Costa Rica. Eine Tochter studiert in Bluefields, die beiden jüngsten studieren in El Rama, sie wohnen bei mir. Ein Sohn arbeitet auf einem Landwirtschaftsbetrieb und eine Tochter ist in eine religiöse Gemeinschaft in Managua eingetreten. Sie hat bei der «Missionarischen Kindheit» mitgemacht und ist schliesslich bei den Schwestern gelandet. Es ist ein schöner Weg, den Gott ihr bereitet hat.

 Interview: Martin Bernet,

Missio, Freiburg

Übersetzung: Thomas M. Huber

 


 

El Rama

Die Pfarrei und die politische Gemeinde erstrecken sich auf einem Gebiet von ungefähr 4600 km2  – es ist dies fast die  Fläche der Kantone Waadt und Freiburg. In diesem Gebiet leben etwas mehr als 52 000 Personen, etwa ein Zwanzigstel der oben genannten Kantone. Die meisten Menschen sind Katholiken. Von Managua führt eine vorzüglich ausgebaute, asphaltierte Strasse nach El Rama. Dann muss man den Einbaum nehmen. In El Rama gibt es auch einen internationalen Hafen, der das Karibische Meer, die Vereinigten Staaten  und den Atlantik  zugänglich macht.