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Selbstkritische Gedanken eines Afrikaners

Am Schluss eines Vortrags in Abidjan, Elfenbeinküste, über die zahlreichen Konflikte, die den afrikanischen Kontinent überziehen, machte ein enttäuschter Zuhörer die bissige Bemerkung: «Von den Problemen Afrikas haben Sie überhaupt nichts begriffen. Es ist die Politik Frankreichs, die am Ursprung aller Konflikte Afrikas steht. Wenn Frankreich sich nicht mehr einmischt, dann werden die Konflikte sich von selber lösen und wir werden in Afrika den Frieden haben!»

Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der Zuhörer. Der Interpellant doppelte nach und versuchte seine Behauptung mit Argumenten zu untermauern. Daraufhin stellte ich ihm die Frage: «Sind Sie der Auffassung, dass wir Afrikaner keine Verantwortung an der katastrophalen Lage unseres Kontinentes tragen?» Mit voller Überzeugung antwortete er: «Nein, wir sind nicht schuld! Frankreich soll uns in Ruhe lassen, und alles wird sich von selber ergeben.»

Nicht verantwortlich?

Es bleibt uns Afrikanern nichts anderes, als damit aufzuhören, nur die anderen für verantwortlich zu halten. Es ist leider so, dass oft oder sogar meistens wir Afrikaner selber die Ursache unserer Konflikte sind.

Alle, die Afrika nur ein wenig kennen, werden es bestätigen: Afrika ist ein Kontinent der Gegensätze und Paradoxe: Afrika ist reich an Menschen; dennoch immer hintendrein, weil niemand sich veranlasst sieht, sich zu beeilen. Wir haben eine ungeheure Vielfalt von kulturellen  Werten. Aber es fehlen die Strukturen und der Wille zur festen Gestaltung. Es gibt einen ausgeprägten Sinn für Autorität – sie wird als etwas Heiliges wahrgenommen. Und zugleich macht ein jeder, was er will. Wir finden einen unbändigen Willen zur Freiheit. Gleichzeitig verfügen oft allein kleine Minderheiten über die Macht und tun, als ob sie die Mehrheit vertreten.

Das konkrete Leben im Alltag ist mühselig. Aber wir Afrikaner hören nicht auf zu tanzen. Unser Kontinent bietet unzählige Möglichkeiten, wir müssten sie nur anpacken. Aber wir träumen lieber davon, wie wir anderswo unser Glück finden könnten.

«Brüder»

Mit einem etwas ironischen Unterton sagt man in Afrika gerne, ein jeder Afrikaner sei der «Bruder» des anderen. Man ist einander Bruder, nicht nur innerhalb der eigenen Familie, man ist es im Clan, im Stamm, im eigenen Land, auf dem ganzen Kontinent. Auf die Welt kommen heisst in Afrika automatisch, in eine Familie im engeren oder weiteren Sinn hineingeboren werden.

Diese «Familie» ist in einem der Ort des Hineinwachsens ins Leben, der Ort, der das Leben sichert und garantiert, und nicht zuletzt auch die «Lebensversicherung » für den Einzelnen. Kurz: Wer Familie hat, dem geht es in Afrika gut.

Gleichwohl: Nur zu oft trügt der Schein dieser offiziellen Fassade. Dahinter klaffen Abgründe, die danach schreien aufgefüllt zu werden, offenbaren sich soziale Verwerfungen, die nach energischer Abhilfe rufen, zeigen sich Widersprüche, die wir Afrikaner unbedingt lösen müssen.

Der afrikanische Kontinent sieht sich gerne als eine grosse Familie und er gefällt sich in dieser Vorstellung. Aber es ist gerade dieser Kontinent, auf dem es am meisten Kindersoldaten gibt, die meisten ethnischen Konflikte, schreckliche Massaker, Flüchtlingsströme, die dahinvegetieren, Migranten im eigenen Land, sozial ausgegrenzte Gruppen, die Opfer einer skrupellosen Gesellschaft.

Uneinigkeit

Wir dürfen und wollen uns nicht darüber hinweg täuschen, dass die Quelle, an der die Zersetzung aller unserer Institutionen entspringt, in der Uneinigkeit der Afrikaner liegt. Uneinigkeit ist der zerstörerische Virus, der das afrikanische Ideal einer brüderlich/geschwisterlichen Gesellschaft zerstört.

Ich bin überzeugt, dass ein Fortschritt nur möglich ist, wenn wir gegen die Ursachen der Uneinigkeit vorgehen und die Mechanismen aushebeln, die sie in Gang setzen. Darum möchte ich im Folgenden von einigen biblischen Texten aus den Blick auf unsere afrikanische Wirklichkeit richten.

Streben nach Macht (Markus 9,33–37; 10,28–31)

Das Evangelium nach Markus schildert uns, wie die Apostel darum streiten, wer unter ihnen der grösste ist. Jesus hält dagegen, dass Macht sich im Dienen kundtut und dass Grösse dann zum Vorschein kommt, wenn einer sich klein macht.

Wie steht es damit in den Gesellschaften Afrikas? Sind diese Gesellschaften nicht in sich zerrissen, weil es den Machthabern nur um ihre Macht geht? Eine Gesellschaft, in der Macht zuoberst steht, die muss in sich zerfallen. Eine Gesellschaft, in der der andere Mensch nur als Trittbrett für meinen eigenen Aufstieg benutzt wird, gerät unvermeidlich in tiefe Konflikte.

Da stellen sich uns Afrikanern ganz einfache Fragen: Welche Wertvorstellungen prägen das Leben unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit den anderen Menschen um? Anerkennen wir den anderen in seinem einmaligen Wert? Wie gehen wir um mit Macht?

Verteilung der Güter (Apostelgeschichte 6,1)

In der Urgemeinde von Jerusalem wurden die Witwen der Gläubigen aus dem Heidentum bei der Verteilung der Hilfsgüter benachteiligt. Die Kirche schuf das Amt der Diakone, um diesem Missstand abzuhelfen. Es war die Aufgabe der Diakone, sich um die gerechte Verteilung der Güter zu kümmern.

Jedermann weiss, dass eine ungerechte Verteilung der Güter unweigerlich zu Konflikten führt. Ethnische und regionale Konflikte entstehen meist aus wirtschaftlichen Ungleichheiten. Hat man aber – wie in Afrika oft – die ungerechte Verteilung der Güter zum Prinzip gemacht, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn es zu gewaltigen Implosionen kommt.

Auch hier brauchen wir  einen Blick auf unsere Gesellschaften, der sich der Wirklichkeit nicht verschliesst: Wie gehen unsere Gesellschaften mit den Gütern um, die ihnen anvertraut sind? Wie steht es mit der Ehrlichkeit und der Aufrichtigkeit im Umgang mit den Gütern, nur schon im alltäglichen Umgang, geschweige denn im Grossen?

Blinde Gefolgschaft (1. Korintherbrief 1,10–13)

In der jungen Christengemeinde von Korinth kam es zum Konflikt, weil die einzelnen Gläubigen dem einen oder anderen Apostel besonders verpflichtet waren. Jeder dieser Führergestalten mochte in sich ein guter Apostel und Führer gewesen sein. Erst die Rivalität der jeweiligen Führer und Anhänger führte in die Krise.

Nicht selten habe ich den Eindruck, das eigentliche Problem unserer afrikanischen Gesellschaften sei nicht so sehr die tatsächlich schwierige Situation, in der unser Kontinent lebt. Das Problem sei die Rivalität unter den Führern Afrikas. Sie mit ihren Rivalitäten sind es, die den Frieden in Afrika verhindern. Manche Konflikte lassen sich darauf zurückführen, dass die politischen Eliten nicht bereit sind, sich gegenseitig anzuerkennen und zu respektieren.

Wer gehört zu wem? (Apostelgeschichte 15,1–2)

Es fiel den frühen christlichen Gemeinden schwer, die Gläubigen aus dem Heidentum ins Gemeindeleben zu integrieren. Die Gebräuche und Lebensgewohnheiten zwischen Juden und Heiden waren zu gross. Die Gemeinden entwickelten deshalb eine durchaus fragwürdige Strategie, die Lösung der Konflikte in einer kulturellen Assimilation des Fremdartigen zu suchen.

Wer aber nicht bereit ist, unterschiedliche Verhaltensweisen zu akzeptieren, läuft rasch Gefahr, sich im Eigenen einzumauern und dann zu erstarren. Wir Afrikaner müssen uns fragen: Wie gehen wir mit denen um, die uns fremd sind? Woran erkennt man unser solidarisches Verhalten mit denen, die vor unserer Haustüre stehen? Macht es uns nicht immer wieder Mühe, das Übel offen als Übel zu benennen und es als solches zu begreifen, besonders dann, wenn die Übeltäter zu unserer eigenen Familie oder zu unserer eigenen Volksgruppe oder zu unserer eigenen Partei gehören?

Korruption (Apostelgeschichte 8,9–25)

Simon, der Magier, war fasziniert von den Wundertaten des Petrus und des Johannes. Er wollte sich ihre Wunder- macht kaufen und bot den Aposteln dafür Geld an. Petrusreagierte mit grosser Entrüstung: «Dein Geld soll verrotten und du mit ihm! Denn du versuchst die Gabe Gottes mit Geld zu kaufen. Geh in dich, bitte Gott um Verzeihung! Vielleicht wird er dir deine Sünde vergeben.»

Nur zu viele Afrikaner glauben, mit Geld alles kaufen zu können. Ehrlicher Einsatz und Respekt vor der Menschenwürde gelten ihnen nichts. Viele denken: Wenn man reich ist, dann kann man alles haben.

Gerechtigkeit verkaufen

Noch einmal: Welche Art von Gesellschaft steht uns vor Augen, wenn wir in Afrika die Gerechtigkeit an den verkaufen, der am meisten bietet und wenn wir die verantwortlichen Posten an die zahlungskräftigen Bewerber verschachern und an die, von denen wir eine Gegenleistung für uns erwarten? Dieser Frage sollten wir nicht ausweichen.

Bischof Nikodem
Barrigah, Atakpamé

Übersetzung:
Thomas Morus Huber

 

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