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Leckeres aus der Gassenküche Luzern muss kommuniziert wie auch produziert werden
Leckeres aus der Gassenküche Luzern muss kommuniziert wie auch produziert werden

Diakonisches Engagement als Gradmesser für eine glaubwürdige Kirche

Es ist Donnerstag, kurz nach 11 Uhr. In der Luzerner «GasseChuchi» herrscht Hochbetrieb. Monika (50)* und Roger (53) sind gerade damit beschäftigt, den Salat vorzubereiten, während der «Chefkoch» Heinz Meier (63) in einer grossen Pfanne mit Hackfleisch die Gewürze beifügt. «Hacktätschli, Bratkartoffeln, Ratatouille, Suppe und Salat» steht an diesem Mittag auf dem Menü- Plan. Monika schätzt die Möglichkeit, hier in der Küche mitzuhelfen und dabei etwas Geld zu verdienen. Als Teilnehmerin eines Metadonprogramms hat sie mit einem knappen Budget auszukommen. Und sie ist wie viele andere froh, dass sie hier in der GasseChuchi für 5 Franken eine warme Mahlzeit bekommt und Kollegen treffen kann.

Mahlzeiten für Randständige

Auch Roger, der einst eine Metzgerlehre gemacht hatte und später in verschiedenen Restaurants als Koch tätig war, ist regelmässig als Hilfskoch in der GasseChuchi anzutreffen: «Als Arbeitsloser lernte ich die Gassenküche per Zufall kennen. Mir gefällt die Arbeit in der Küche und die gute Atmosphäre, die hier herrscht», erklärt er.

Zwischen 40 und 60 Mahlzeiten werden hier täglich für randständige Menschen zubereitet. Darüber hinaus gibt es unter dem Namen «öffentlich-genüsslich» auch ein Cateringangebot, bei dem ebenfalls Benutzerinnen und Benutzer der GasseChuchi mitwirken.  «Sie sorgen mit der Tischdekoration für ein ausgezeichnetes Ambiente, beteiligen sich als Hilfsköchinnen und Hilfsköche und bedienen die Gäste», erklärt Fridolin Wyss, Geschäftsleiter der kirchlichen Gassenarbeit in Luzern: «Serviert wird ein liebevoll zubereitetes Essen, das die Würde unserer armuts- und suchtbetroffenen Menschen ernst nimmt und ihr Selbstwertgefühl steigert.»

Diakonisches Engagement

Fridolin Wyss war einst Kapuziner und ist seit über 15 Jahren als Theologe und Sozialarbeiter in unterschiedlichen Funktionen im sozialdiakonischen Bereich tätig. Vor fünf Jahren hat er als Nachfolger von Sepp Riedener die Gesamtleitung der kirchlichen Gassenarbeit in Luzern übernommen – einer Institution, die ideell und finanziell von allen drei Landeskirchen (katholisch, reformiert und christkatholisch) getragen wird. «Meine Motivation für die Arbeit hier hat letztlich franziskanische Wurzeln», betont Fridolin Wyss. Bereits Franz von Assisi habe nach dem Grundsatz gelebt, dass er dem Armen Bruder sein möchte.

«Es scheint mir wichtig, dass die Kirchen heute dort präsent sind, wo die Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Da identifiziere ich mich auch persönlich mit befreiungstheologischem Gedankengut, wonach sich die Kirchen ganz klar an einer Option für die Armen zu orientieren haben.» Um überhaupt einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von randständigen Menschen leisten zu können, sei der Aufbau einer tragfähigen Vertrauensbasis unverzichtbar: «Der Aufbau einer guten Beziehung zu diesen Menschen ist deshalb sehr wichtig», betont Fridolin Wyss.

Ein Funke Hoffnung …

Der Augenschein vor Ort zeigt, dass der Verein «Kirchliche Gassenarbeit » für viele Menschen ohne Zukunftsperspektiven in Luzern ein Stück Heimat schaffen konnte. Für viele Menschen leuchtet dank dieses Engagements ein Funke Hoffnung auf. So erzählt der Gassenarbeiter Mathias Arbogast von einem 17-jährigen Jugendlichen, der stark heroinabhängig war und glücklicherweise mit Unterstützung der Gassenarbeit aus seiner verhängnisvollen Abwärtsspirale herausgeholt werden konnte. Inzwischen habe er sich so weit auffangen können, dass er seine Lehre nun doch noch erfolgreich zum Abschluss bringen könne.

Oder da berichtet Gabriela Rohrer, Leiterin des Betriebes «Paradiesgässli », von Frauen mit Suchtproblemen, die sich bei regelmässigen Treffen im ehemaligen Pfarrhaus der Luzerner Maihof-Pfarrei Unterstützung und Beratung für die Betreuung ihrer Kinder holen können. «Die Kinder und Jugendlichen können hier auch besondere Anlässe wie Ostern, Weihnachten oder Geburtstage in einem würdigen Rahmen miteinander feiern – und sie erhalten Unterstützung, wenn es in der Schule oder bei der Suche einer Lehrstelle Probleme gibt.»

Auch Brigitte*, die als Mutter von drei Kindern regelmässig im Paradiesgässli anzutreffen ist, weiss sich sehr glücklich über dieses Angebot: «Als Heroinabhängige steckte ich vor einigen Jahren in einer vollkommen ausweglosen Situation und musste dafür kämpfen, dass mir meine eigenen Kinder nicht weggenommen werden. Heute hat sich meine Situation wesentlich verbessert. Ich kann mir nicht vorstellen, wo ich heute stehen würde, wenn es das Projekt Paradiesgässli nicht geben würde.»

Was will die Gassenarbeit?

Die kirchliche Gassenarbeit verfolge innerhalb des Vier-Säulen- Modells der Drogenpolitik primär das Ziel der so genannten Überlebenshilfe, erklärt Sepp Riedener, der vor 28 Jahren als Begründer der kirchlichen Gassenarbeit in Luzern Pionierarbeit geleistet hat: «Als wir 1985 mit der Gassenarbeit anfingen, wurde uns bald klar, dass vier wichtige Grundbedürfnisse der Menschen auf der Gasse nicht oder ungenügend abgedeckt waren: das Recht auf Arbeit, Wohnung, auf Ernährung und auf medizinische Betreuung. Das gehört zu den Menschenrechten, zur Menschwürde. Darauf versuchten wir Antwort zu geben und versuchen es heute noch.»

Die Kirche habe ihre «vornehmste Existenzberechtigung im diakonischen Dienst am Menschen», so zitiert Sepp Riedener seinen Lieblingssatz aus dem Pastoralen Orientierungsrahmen Luzern. Und er doppelt nach: «Ich glaube, dass wir heute als Kirche nur über die Diakonie an Glaubwürdigkeit gewinnen können.» Für eine ernst zu nehmende Minderheit des Kirchenvolkes seien heute die Leistungen im sozialen Bereich dafür ausschlaggebend, die Kirchenmitgliedschaft nicht aufzukündigen. Mancher zahle seine Kirchensteuer nicht, weil er gerne wieder einmal am Sonntag zur Kirche gehen würde, sondern weil er die Kirche mit ihren vielfältigen sozialen Dienstleistungen nicht im Stich lassen möchte.

Sepp Riedener ist überzeugt, dass die Kirche bei ihrem Engagement im diakonischen Bereich auch in Zukunft noch Aufholbedarf hat: «Wir werden je länger je weniger ungedeckte Schecks über unsere unterschiedlichen Kanzeln abgeben können. Sonst produzieren wir Luft aus dem Föhn und das ist zu wenig für eine Welt, die nach Zuwendung schreit.»

Benno Bühlmann

* Name geändert


Kirchliche Gassenarbeit in Luzern

B.B. Was einst auf der Basis einer bescheidenen 50%-Stelle begonnen hat, ist inzwischen zu einem grösseren Unternehmen mit 45 Angestellten und einem Jahresbudget von 4 Millionen Franken angewachsen. Unter dem Dach des Vereins Kirchliche Gassenarbeit versammelt sich inzwischen eine Vielzahl sozialer Projekte: das Projekt Gassenarbeit, das Ambulatorium (für medizinische Betreuung von Süchtigen), Kontakt- und Anlaufstelle, die Gassenküche, die Seelsorge auf der Gasse und das sogenannte Paradiesgässli und das Kinder- und Jugendprojekt Listo/Listino für Kinder von Drogen konsumierenden Eltern.

Die Gassenarbeit wird neben den 3 Landeskirchen auch durch öffentliche Gemeinwesen, Organisationen sowie Spenden von Privaten finanziell und ideell unterstützt.