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Islam - Zwischen Idealisierung und Bedrohung   

ite – Die Eine-Welt-Zeitschrift – weltoffen – franziskanisch – engagiert

Liebe Leserinnen und Leser,

Ich nehme an, das Titelbild zur aktuellen a-Ausgabe über den Islam irritiert Sie: Keine verschleierte Muslimin, kein Minarett, kein verzückter Gläubiger beim Studium des Korans, kein Imam mit der typischen Gebetsmütze, sondern … ein junger muslimischer Rapper aus der Schweiz beim Tanzen. Das Bild – und noch andere in diesem Heft –stammt vom Fotografen Stefan Maurer, der eine eindrückliche Bildserie über das Leben von Muslimen in der Schweiz gemacht hat.

Unsere Bildwahl ist gewollt. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat a sich vier Mal (1978, 1994, 2003, 2009) mit dem Islam befasst –und immer zierten exotische Bilder aus Afrika und dem Nahen Osten die Titelseite. Doch der Islam ist beileibe keine exotische, uns unbekannte Religion mehr, sondern er ist in der Mitte unserer Gesellschaft ange-kommen. Heute leben rund eine halbe Million Muslime in unserem Land, das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Der Islam ist damit nach den Christen die grösste Religionsgemeinschaft der Schweiz.

Die Muslime sind zum grössten Teil integriert und respektieren die Grundrechte und die Verfassung unseres säkularen Rechtsstaates.

Doch einige wenige, vor allem aus dem Umfeld fundamentalistischer Kreise, machen immer wieder mit spektakulären Aktionen in den Medien auf sich aufmerksam und fördern damit das Bild einer rückständigen, aggressiven und frauenfeindlichen Religion. Dieses Bild wird verstärkt durch das weltweite Erstarken des fundamentalistischen, gewaltbereiten Islams. Das weckt verständlicherweise bei vielen Menschen in unserem Land Ängste.

Wir wollen den Islam weder idealisieren noch verteufeln: Uns ist bewusst, dass auch der Islam wie das Christentum und andere Welt-religionen von gewalttätigen Gruppen missbraucht werden kann. a möchte vielmehr ein realistisches Bild dieser nach dem Christentum zweitgrössten Weltreligion zeichnen und jenen Stimmen besonderen Platz einräumen, die für einen weltoffenen, friedlichen, dialogbereiten und reformierbaren Islam werben. Denn wir dürfen das gemeinsame Erbe nicht vergessen: Die drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam berufen sich alle auf die gleichen Quellen, nämlich auf Moses und Abraham. Der Islam verehrt zudem in besonderer Weise Jesus als herausragenden Propheten und Maria als seine Mutter.

Von ihnen spricht der Koran mit grosser Achtung. Auch davon ist in unserem Heft die Rede.

Bet Baumgartner