ite/frères en marche
 
Br. George Francis Xavier

Br. George Francis Xavier, Indischer Missionar und Luzerner Student

Körper und Religion -Die Bedeutung unseres Leibes für Glaube und Spiritualität   

ite – Die Eine-Welt-Zeitschrift – weltoffen – franziskanisch – engagiert

Liebe Leserinnen und Leser,

Liebend gerne lasse ich mich im Wasser die Aare hinuntertreiben und fühle mich getragen. An einem Fronleichnamsgottesdienst wurde diese Erfahrung aufgegriffen. Die Predigerin erzählte, dass für sie das Bild vom «Getragen sein im Wasser» gleichzusetzen sei mit dem Getragen sein von Gott. Umso mehr geniesse ich heute solche Wassermeditationen, sie sind Ausdruck meiner Gottesbeziehung.

Viele Religionen kennen Wasser als wichtige spirituelle Erfahrung. Häufig wird Wasser mit Reinigung in Verbindung gebracht. Diese Leib-haftigkeit ist nicht nur in östlichen Religionen zu finden, sondern auch im Christentum. Zum Sakrament der Taufe gehört wesentlich auch Wasser. Heute wird zumeist dem Säugling nur noch die Stirne mit Wasser übergossen. Doch bis ins 12. Jahrhundert tauchte man bei der Taufe den ganzen Körper unter Wasser. Interessanterweise weihten die Bischöfe in der frühen Kirche Diakoninnen speziell für die Taufe von Frauen.

Der Umgang mit der Körperlichkeit veränderte sich oft in der Geschichte und innerhalb der Religionen. Asketische Strömungen etwa verdrängten den Körper oder unterwarfen ihn harten Bussübungen. Asketen hofften, dass sie mit der Kasteiung des eigenen Körpers näher zu Gott finden. Selbst ein Franz von Assisi gestand kurz vor seinem Sterben, dass er zu hart mit Bruder Esel, das heisst mit seinem Körper, umgegangen sei.

Doch es gab und gibt auch andere Bewegungen. Heute wird dem Körper wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Selbst in der Ordens-ausbildung ist Körperspiritualität wichtig. In unseren Tagen findet man kaum noch Exerzitien- und Meditationsangebote, bei denen nicht Körperwahrnehmung und Körperübungen zum Programm gehören. Der Körper soll in die geistlichen Übungen integriert werden.

Diese ite-Ausgabe geht der Frage nach, wie die Religionen mit dem Körper umgehen, in Theorie und Praxis. Eine Frage zum Schluss: Sind nun Leib und Körper dasselbe oder unterscheiden sie sich? So oder so, unser Körper/Leib ist der Tempel Gottes, ein Ort unserer irdischen Gottesbegegnung. Oder wie im 1. Brief an die Korinther zu lesen

ist: «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?» (Kor 3,16).

 

Pace e bene

Adrian Müller, Chefredaktor