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Werte, die für die Wirtschaft von heute sehr wichtig sind   

Interview mit dem Zentralpräsidenten der Vereinigung Christlicher Unternehmer

Unternehmerisch handeln auf christlicher Basis? Die meisten Ökonomen und Manager runzeln bei diesem Gedanken die Stirn. Die freie Wirtschaft funktioniert doch wertneutral am besten? Die kleine Vereinigung Christlicher Unternehmer ist da anderer Ansicht. Wir haben mit VCU­Zentralpräsident Rainer Bätschmann darüber gesprochen.

Wer macht denn die Werte, die für die Wirtschaft gelten. Die «unsichtbare Hand» oder der handelnde Mensch? | © © Adrian Müller

Rainer Bätschmann, was würden Sie einem Unternehmer antworten, der behauptet: «Egoismus ist mein höchster Wert als Unternehmer. Mein individuelles Gewinnstreben hilft am Schluss auch der Gesellschaft am meisten?»

Jeder muss selber wissen und verantworten, welche Werte er als Unternehmer vertritt. Das gehört zu seiner Freiheit in einer liberalen Gesellschaft. Ich aber sehe es so: Unsere Wirtschaft darf nicht darauf ausgelegt sein, nur dem Einzelnen zu nützen, sondern allen. Egoismus ist nicht das höchste Wertsystem der VCU-Mitglieder. Glaube bedeutet für mich, für andere da zu sein und mich sozial zu engagieren.

Wenn nicht Gewinnstreben, was ist denn der primäre Zweck der Wirtschaft?

Es geht um Wohlfahrt. Die Wirtschaft ist dazu da, dass es möglichst vielen Menschen gut geht. Mit ihren Gewinnen soll sie darum auch sozial etwas Gutes machen.

Wie kamen Sie dazu, sich beim VCU zu engagieren? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

Ich bin in Uzwil aufgewachsen und habe mich dort in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Prägend war für mich der Kapuzinerpater Paul Meier, der heute im Kloster Rapperswil lebt. Er war in der Region für die Jugendarbeit zuständig. Da kam ich zum ersten Mal mit Personen in Kontakt, die sich sozial engagierten. Das hat sich dann durch mein ganzes Leben hindurch gezogen.

Sie waren lange Jahre Agenturleiter der SUVA für die Region Linth und sind heute selbständiger Unternehmensberater. Was heisst für Sie denn christlicher Glaube?

Ich bin nicht der klassische Kirchgänger. Für mich ist Glaube stark gleichzusetzen mit der Frage: Wie verhalte ich mich persönlich gegenüber anderen Menschen? Das ist auch eine der Hauptstossrichtungen unserer Vereinigung. Wir wollen unsere Mitglieder dafür sensibilisieren, sich Gedanken zu machen, wie sie mit ihren Mitarbeitenden umgehen. Wir machen nicht Lobbyarbeit, wollen nicht Strukturen oder die Gesellschaft beeinflussen, sondern zielen auf das persönliche Verhalten von Unternehmern, nach dem Motto «Praxis vor Theorie».

Ist denn der ‹christliche Unternehmer›, der bei der VCU mitmacht, etwas Besseres als ein konfessionsloser?

Nein, aber er oder sie macht sich bewusst Gedanken über eine Unternehmensführung aus christlicher Sicht. Dabei stehen bei der VCU die drei Grundwerte «Respekt, Fairness und Verantwortung» an erster Stelle. Übrigens machen bei uns nicht nur Unternehmer mit, sondern auch Führungskräfte mit Personalverantwortung. Und es spielt beim VCU auch keine Rolle, ob jemand katholisch, reformiert oder freikirchlich engagiert ist und mit welcher Partei er sympathisiert. Matchentscheidend ist, wie gesagt, sein Umgang mit seinen Mitarbeitenden, für die er Verantwortung trägt. Christliche Werte überzeugen nämlich erst dann die Menschen, wenn sie konkret im Unternehmensalltag gelebt werden.

Der VCU plädiert also für eine ethisch fundierte Unternehmenstätigkeit. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen.

Ja, ich denke da an ein mittleres Familienunternehmen der Maschinenbranche in der Ostschweiz. Sie produzieren bewusst vor Ort, in der Schweiz. Sie wollen die Produktion auch nicht ins Ausland verlagern, auch wenn das auf Kosten ihres Gewinns geht. Sie kümmern sich um ihre Angestellten, entlöhnen sie fair und vermeiden, wenn immer möglich, Entlassungen.

Aus christlich sozial-ethischer Sicht gibt es neben den von Ihnen genannten Werten doch auch noch zwei weitere wichtige Ziele: Der Einsatz für die Schwächsten der Gesellschaft und für die bedrohte Schöpfung? Wo steht da die VCU?

Der Einsatz für Umweltschutz steht nicht zuoberst auf unserer Traktandenliste, obwohl wir uns neu in unserem Leitbild auch für eine «sparsame und nachhaltige Nutzung unserer Rohstoffe und natürlichen Güter» aussprechen. Der Einsatz für sozial Schwache ist für uns sehr wichtig: Mit unserer Stiftung «Offene Hand – Swisshand», die vor 50 Jahren gegründet wurde, engagieren wir uns für Frauen, die sich selbständig machen wollen und vermitteln ihnen rückzahlbare Mikrokredite. Mit unserer Stiftung vermitteln wir aber nicht nur Kredite, sondern engagieren uns auch in der Ausbildung und Betreuung.

Eigentlich vertritt die VCU ähnliche Positionen wie die christliche Sozialethik. Als kleine Gruppierung mit gerade mal 400 Mitgliedern wäre es doch gut, politische Koalitionen einzugehen, um die Stosskraft zu verstärken?

Wir halten uns bewusst aus der Alltagspolitik heraus, auch im Zusammenhang mit Abstimmungen und Wahlen. Denn wir kennen ja die politische Meinung unserer Mitglieder nicht. Das heisst aber nicht, dass sich VCU-Mitglieder nicht politisch engagieren, und zwar in verschiedenen Parteien. Aber im Zentrum steht für uns der Mensch, sein Verhalten als Unternehmer oder Führungskraft im Berufsalltag.

Was denken denn junge Menschen vom VCU? Hat die Vereinigung nicht ein etwas verstaubtes Image?

Ja, zum Teil. Wir haben letzten Herbst darum ein Strategieprojekt beschlossen und bei dieser Gelegenheit habe ich junge Menschen gefragt, was für sie der Name «Vereinigung Christlicher Unternehmer» bedeutet. Viele sehen in uns eine kirchliche oder freikirchliche Vereinigung, ja sogar das Wort Sekte fiel mehrmals. Andererseits, und das ist für mich das Entscheidende, sagten mir alle befragten jungen Menschen, dass für sie die drei Werte Respekt, Fairness und Verantwortung in ihrem Berufsalltag «extrem zeitgemäss», «wichtig» und «erstrebenswert» seien. Mit verschiedenen Projekten, wollen wir nun junge Unternehmer und Führungskräfte für unsere Vereinigung gewinnen: Zum Beispiel mit einem Mentoringprogramm, Anlässen und einem Austauschprogramm für Junge. Auch unseren Auftritt in der Öffentlichkeit und unsere Website wollen wir stärker auf unsere drei Kernwerte ausrichten.

Sind Sie zuversichtlich, dass die VCU, wenn auch als Nischenplayer, eine Zukunft hat?

Ja, wenn ich die Antworten der befragten jungen Menschen anschaue, haben wir wohl eine Zukunft. Die Werte, die wir vertreten, sind zentrale Werte für die heutige Generation.

Interview Beat Baumgartner


Ethisch fundierte Wirtschaftstätigkeit

Die Vereinigung Christlicher Unternehmer (VCU) zählt in sieben Regionalgruppen über 400 Führungskräfte aus Wirtschaft zu ihren Mitgliedern. Der VCU wurde 1949 gegründet und orientiert sich «an einer ethisch fundierten Wirtschaftstätigkeit und einer Offenheit für Fragen jenseits des kurzfristigen Erwerbs- und Anlagehorizonts». Er fördert durch lokale, regionale und gesamtschweizerische Anlässe den Gedankenaustausch unter den Mitgliedern. Der VCU ist Mitglied von UNIAPAC, die rund 30’000 «Christian Business Leaders» aus 26 Ländern vereinigt.

www.vcu.ch | E-Mail: info@vcu.ch