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Sich selbst mit Haut und Haar verschenken   

Was sagt die Bibel über die Ehe?

Die Ehe sei ein Vertrag. Diese Auffassung des Kirchenrechts und der zivilen Gesetzgebung in vielen Ländern ist zwar zutreffend, aber sie deckt lediglich einen Teil dessen ab, was mit einem biblisch­religiösen Zugang über Ehe gesagt werden kann. Denn in dieser Sicht umfasst die Ehe viel mehr.

Voller Vorfreude auf den neuen Erdenbürger
Sich selbst mit Haut und Haar verschenkenWas für Menschen gilt, dass er nämlich nicht allein bleiben sollte, gilt wohl auch für die europäischen Störche, die gemeinsam ihr Nest bauen und ihre Küken aufziehen.

Ehe macht das Zueinander, Füreinander und Miteinander zweier Menschen aus, und zwar auf uneingeschränkte Dauer und in nicht begrenzter Intensität. Denn Ehe umfasst nicht nur einzelne Aspekte des Menschseins, sondern den ganzen Menschen, eben «mit  ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft» – wie es in einer Jesuserzählung in einem anderen, aber durchaus verwandten Zusammenhang heisst (Mk 12,30).

Verwurzelt in der Schöpfung

Die ältere Schöpfungserzählung (Gen 2,4b-25) erschliesst ein Verständnis von Ehe, das den Menschen in all seinen Facetten erfasst. Mit besonderer Eindringlichkeit wird vor Augen geführt, dass der schaffende Gott die Identität des Menschen in dessen leibliche Gestalt eingewoben hat. Schon das bildhafte Grundmuster der Erzählung lässt gar keinen anderen Zugang zu: Der Mensch ist das Ergebnis göttlicher Handwerkskunst, geformt aus dem «Staub vom Erdboden» und belebt mit Gottes Lebensatem (Gen 2,7). Das neue Lebewesen wird von Gott privilegiert, es wird in den eigens dafür gepflanzten Garten gesetzt, um ihn zu bearbeiten und zu behüten (Gen 2,8.15). Aber weder das Umfeld noch die Aufgabe kann das Lebewesen «Mensch» ausfüllen.

Auf Partnerschaft angelegt

Die in diesem Zusammenhang formulierte Gottesrede «Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist» (Gen 2,18) bildet den Schlüsselsatz für jedes Eheverständnis: Der Mensch ist auf Partnerschaft angelegt – «ihm ebenbürtig», wie der biblische Text ausdrücklich festhält. Und da alle ebenfalls aus dem Erdboden geformten Tiere diesem Anspruch nicht genügen, greift Gott auf das Wesen Mensch selbst zurück. Nur so kann «Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch» (Gen 2,23) entstehen.

Aber Frau und Mann sind keine Kopie voneinander, vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig: Gleichheit in Verschiedenheit oder in Variation – so könnte frau oder man sagen. Nicht nur ihr inneres Wesen, auch ihr Leib ist verschieden, fasziniert sie ohne Scham und zieht sie so intensiv an, dass der eine (gegen die erfahrene Sozialordnung) aus dem Elternhaus zur anderen drängt, damit sie ganz eins werden. Aber das gänzliche Ineinander verwischt keineswegs ihre Identität, sondern ein drittes menschliches Wesen kann entstehen.

Der Mensch – ein Bild Gottes?

Ob das so möglich ist, könnten wir fragen. In der jüngeren Schöpfungserzählung wird doch auch hervorgehoben, Gott habe den Menschen «als sein Bild» geschaffen (Gen 1,26.27). Das Bild ist nicht das Ganze, bestenfalls ist es dem Original aus dem Gesicht geschnitten und mag hier die eine, dort die andere Kontur hervorheben. Bilder sind vielfältig, nicht eingestaltig. Es ist nicht verwunderlich, dass im biblischen Text ausdrücklich festgehalten wird: «Männlich und weiblich erschuf er sie» (Gen 1,27). In unterschiedlicher Körperlichkeit spiegelt der Mensch in Varianten den vielfältigen, lebenden Gott. Es mag dahingestellt bleiben, ob dies nur für die Entfaltung in Mann und Frau gilt.

Das hohe Ansehen dieser Paarbeziehung in den biblischen Religionen ist auch darin erkennbar, dass die zwischenmenschliche Erfahrung der Ehe verschiedentlich als Bild für das Zueinander von Gott und Mensch herangezogen wird: Gott und Israel als Ehepaar; Christus und die Kirche in ihrem Verhältnis vergleichbar mit dem Umgang von Mann und Frau miteinander. Gerade die Liebeslieder des Hohenliedes zeigen, wie sehr in solchen Bildern auch erotische Spannung und Sehnsucht ihren Platz haben. Dieser fliessende Übergang von Religiosität und Erotik ist in der christlichen Tradition vielfach verloren gegangen.

Paulus – aufgeschlossener als sein Ruf

Zu einem guten Teil wird dafür Paulus verantwortlich gemacht. Aber der Apostel ist in diesem Zusammenhang weit aufgeschlossener als sein Ruf. Die ersten Verse von 1 Kor 7 enthalten im Neuen Testament – abgesehen von der jesuanischen Weisung zur Unauflöslichkeit – die wegleitenden Aussagen zur Ehe. Dies lässt sich anhand der Textlektüre begründen.

Paulus widerspricht in diesem Abschnitt einer ihm vorgelegten These, die er eingangs nochmals zitiert: «Es ist gut für den Mann, eine Frau nicht zu berühren» (1 Kor 7,1). Er könnte durchaus einer solchen Auffassung für seine Person zustimmen (wie seine späteren Ausführungen zeigen, siehe 1 Kor 7,7a.25.32-38). Doch er hat bereits einige Jahre zuvor gegenüber der Kirche von Thessalonich darauf verzichtet, ein Leben in der Ehe zurückzuweisen (1 Thess 4,3-4). Vielmehr hat er bereits dort Standards gesetzt; so auch hier. Paulus schränkt jede Übertreibung von geschlechtlicher Enthaltsamkeit ein (1 Kor 7,5) und stellt dafür das Moment der Gegenseitigkeit in den Vordergrund. Was er sagt, gilt jeweils für beide Eheleute. Dabei fällt auf, dass er zuerst den Mann in die Pflicht nimmt – womit er die Auffassung seiner Zeit weit hinter sich lässt. Das gilt auch für die Verfügbarkeit über den eigenen Leib, die ohne jedwede Einschränkung jeweils der Partnerin bzw. dem Partner überantwortet ist (1 Kor 7,4).

An diesem Punkt muss weitergedacht werden. Ehe lebt aus dem Vertrauen und der Absicht, sich selbst der Partnerin oder dem Partner als dem Du meiner Liebe ohne Rückhalt zu überlassen. Das setzt Achtung in Treue voraus und schliesst mein Denken und Fühlen, meine Fähigkeiten, mein Wollen und meinen Leib ein. Am Ende dieser Passage deutet Paulus den Grund für diesen Anspruch des gegenseitigen Schenkens ohne Limit an. Zwar möchte er nach seinem Beispiel alle Menschen unverheiratet sehen. Die (Schöpfungs-)Wirklichkeit ist aber nicht so, und diese will er deuten: «Jede und jeder hat die eigene Gnadengabe aus Gott, die eine so, der andere so» (1 Kor 7,7b). Das Stichwort «Gnadengabe»/Charisma springt ins Auge, aus dem Gedankengang ergibt sich: Es bezieht sich auf Ehelosigkeit und Ehe.

Ehe als gottgewollte «Gnadengabe»

Das nun ist der springende Punkt: Ehe als Gnadengabe, gottgewollt, ja mehr noch: von Gottes Geist getragen, aber deswegen nicht spiritualisiert, weil in «männlich und weiblich» eine Konkretisierung des Bildes von Gott selbst – mit jeder Faser meiner Existenz, mit «Leib und Seele» oder mit Haut und Haar – und gerade darin eine geisterfüllte Wirklichkeit. In diesem Bereich hat unsere eigene Religiosität, haben Theologie und Kirchenpraxis noch einiges zu tun!

Walter Kirchschläger