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Br. George Francis Xavier

Br. George Francis Xavier, Indischer Missionar und Luzerner Student

Interview mit dem Imam Mustafa Memeti, Bern (lange Version)   

«Als muslimischer Theologe will ich mein Denken nicht einschränken lassen»

Was genau ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, und welche Bedeutung hat sie für Muslime in einem demokratischen Umfeld mit einem säkularen Rechtssystem. Wir haben darüber mit dem Imam es Muslimischen Vereins von Bern und Theologen Mustafa Memeti gesprochen.

 

Mustafa Memeti, was muss man sich eigentlich unter Scharia vorstellen?

Scharia ist ein arabischer Begriff, er wird nur einmal direkt im Koran, in Sure 45,18, erwähnt. Dort heisst es: Gott verkündet das Recht auch uns Muslimen durch den Koran. Scharia ist nach Ansicht des Korans aber nicht nur ein Rechtssystem für Muslime, sondern auch für andere religiöse Gemeinschaften, vor allem die monotheistischen Religionen wie Christen- oder Judentum.

Etwas Zweites ist wichtig: Der Koran wurde im 7. Jahrhundert Mohammed in der Wüste offenbart. Es gab keine Zivilisation oder staatliche Ordnung, nur einfach organisierte Stämme, jede mit eigenen Rechtsordnungen. Der Koran beschreibt nicht im Detail Normen und Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens und der Wirtschaft. Eigentlich hat der Koran den Menschen einen gewissen Freiraum gegeben, sie sollten selber die Art und Weise bestimmen, wie sie das Leben regeln. Darum bin ich der Meinung, dass die Scharia ein menschliches, nicht ein göttliches oder heiliges, Produkt ist.

In der Diskussion werden verschiedene Begriffe gebraucht, die oft zu Missverständnissen führen, wie Scharia, Sunna, Hadith, Fatwa …

Ja, das stimmt. Viele machen keinen Unterschied zwischen Scharia und die beiden wichtigsten Quellen des Islams, Koran und Sunna. Der Islam ist ja eine stark monotheistische Religion. Für einen Muslim ist der Koran direkt das Wort Gottes, offenbart durch Gott mittels Mohammed, auch die Bedeutung des Korans kommt direkt von Gott. Die Bedeutungen von Sunna und Hadith kommen auch von Gott, aber wurden hingegen durch unseren Propheten verfasst. Sunna bedeuten alle Worte unseres Propheten über seine 23 Jahre dauernde Tätigkeit, seine Handlungen, seine positiven oder negativen Einwilligungen zu Handlungen seiner Gefährten sowie Traditionen und Gewohnheiten aus der arabischen Umwelt. Hadiths sind nur die Reden und Predigten des Propheten. Sunna umfasst also mehr als Hadith. Wenn es Probleme und Konflikte unter Muslimen gab und gibt, so kommen sie fast immer von den Hadiths und nicht vom Koran. Denn viele arabische, vorislamische Traditionen wurden im praktizierten Islam integriert, auch später haben nicht-arabische Muslime ihre eigenen Traditionen in den Islam integriert und das führte immer wieder zu Auseinandersetzungen über den «richtigen und ursprünglichen» Islam. Im Grunde genommen geht es um die genaue Unterscheidung zwischen zeit- und kulturbedingten Elementen des Glaubens, die zur arabischen Kultur – oder einer anderen Kultur – gehören, und den zentralen Elementen des Islams, die Gott unserem Propheten Mohammed offenbart hat.

Es geht also um eine Trennung zwischen Tradition und unverrückbaren islamischen Glaubensgrundsätzen?

Ja, unsere Theologie schätzt die Traditionen sehr hoch. Wenn Traditionen nicht direkt in Widerspruch mit der Offenbarung Mohammeds stehen, betrachten wir Muslime sie als positiv. Das heisst, nicht nur für arabische Traditionen gibt es Platz in unserem Glauben, sondern auch für andere, etwa asiatische. Ich kann mir darum auch gut vorstellen, dass wir in Zukunft schweizerisch-islamische Traditionen in unsere Theologie integrieren. Das meine ich, wenn ich von einem Islam mit Schweizer Kontext spreche. Ich sehe eine echte Perspektive für Muslime in der Schweiz nur, wenn sie ihren Glauben im Einvernehmen mit dem schweizerischen Kontext leben können, mit den Traditionen und der Kultur der Schweiz.

Zurück zur Scharia, Sie sagten, Scharia sei Menschenwerk und nicht fixes System. Darum auch die vier Rechtsschulen, die sich um die richtige Interpretation des islamischen Rechtes streiten.

Ich kann nur für den sunnitischen Islam reden. Es steht nirgends geschrieben, dass es nur eine begrenzte Zahl von Rechtsschulen geben darf, im Prinzip könnte es unendlich viele geben. Denn der sunnitische Islam kennt keinen obersten Glaubenshüter wie etwa der Papst im Katholizismus. Wir sind da den reformierten Christen ähnlicher: Unsere theologischen Gelehrten geniessen in ihrer Arbeit völlige Autonomie und viele Freiräume. Aber die Frage kommt natürlich: Warum dominieren heute im sunnitischen Islam vier Rechtsschulen? Ich denke, das hat historische, politische und soziale Gründe. Zum Beispiel ist seit dem osmanischen Reich die hanafitische Rechtsschule sehr wichtig in der Türkei oder auf dem Balkan, weil sich die dortige Administration auf sie bezog. Oder die schafiitische Rechtschule dominiert heute in Indonesien darum, weil die Araber den Islam nach Indonesien brachten und die Araber waren meistens schafiitisch geprägt. In den letzten Jahren wurden die bedeutenden Rechtsschulen allerdings von der ultrakonservativen Strömung des Salafismus stark bedrängt, die der hanbalitischen Schule angehört. Diese ist verbreitet auf der arabischen Halbinsel. Sie versucht die anderen Rechtsschulen zurückzudrängen und einen ideologisch einheitlichen, zentralisierten Islam durchzusetzen, mit einer obersten Glaubensautorität. Aber das steht in totalem Widerspruch mit unserer islamischen Theologie. Die Salafisten werden das nicht schaffen, denn sie bekommen von den Muslimen selbst grossen Widerstand.

Welcher Schule folgen Sie, Mustafa Memeti?

Ich selber folge im Alltag zu 90 Prozent der hanifitischen Rechtstradition, bleibe aber in gewissen Fragen offen für andere Rechtsschulen, denn ich will mir mein Denken nicht einschränken lassen. Wir sind als Theologen wirklich nicht verpflichtet, einer Richtung zu folgen. Aus muslimisch-religiöser Sicht sollte ich ja einem Gläubigen in schwierigen Situationen Alternativen anbieten.

Warum herrscht heute die verbreitete Ansicht vor, der Islam sei rückständig, fundamentalistisch?

Leider ist heute unsere Religion eine Gefangene rückständiger Kräfte. Dieses Phänomen ist im Islam nicht neu, sondern uralt. Schon zu den goldenen Zeiten des Islams im 10. Jahrhundert beschäftigten sich die muslimischen Gelehrten mit dieser Frage. Wichtig ist ja immer, welche Position dominiert die Diskussion zu einer gewissen Epoche, und zurzeit sind leider die konservativen und ultrakonservativen Kräfte ziemlich stark. Sie behaupten die islamisch-theologische Forschung sei abgeschlossen, es gebe keine Weiterentwicklung.

Das ist wohl der Hauptgrund, warum der Islam im Westen als rückständig betrachtet wird?

Ja. Bei uns sind es vor allem gewisse schweizweit tätige muslimische Vereine, die so denken. Diese Kräfte verhindern Neuerungen oder Fortschritte im Schweizer Islam, und das ist falsch. Das ist der Hauptgrund, warum sich der Islam hier nicht weiterentwickelt. Andererseits höre ich auch von vielen Gelehrten aus der ganzen Welt, dass es unbedingt ein neues, zeitgemässes Verständnis des Islams braucht, der sich einbettet in die moderne Gesellschaft.

Können Sie ein Beispiel geben für diese Anpassung an die Moderne?

Ja, der Koran erwähnt die Sklaverei 100 mal. Bereits der Koran und die Sunna hatten ihre Schwierigkeiten mit Sklaverei. Man begrüsste sie zwar nicht, aber es war auch nicht möglich, sie abzuschaffen. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie weltweit verboten. Eigentlich hätten das die Muslime damals begrüssen müssen, weil der Koran keine definierte Position zur Sklaverei bezieht. Er hat nur darüber reflektiert und hat Hinweise gegeben. Das meine ich damit, dass wir immer wieder in unserem Glauben zu aktuellen Themen forschen müssen. Das gilt auch für die Schweiz. Doch es gibt auch hier einen grossen Widerstand von ultrakonservativen und konservativen Kreisen gegen Veränderung.

Dieses konservative Erwachen sieht man ja auch beim aufflammenden Nationalismus, eigentlich etwas ganz Unislamisches?

Ja, das ist ein guter Hinweis. Als eine der ersten Schritte hat Mohammed proklamiert, Nationalismus und Extremismus zu bekämpfen. Und trotzdem: Auch nach 1500 Jahren Islam in der Welt leidet unsere Religion an beidem sehr stark. Wir sind, ich wiederhole mich, gefangen von Populisten und Extremisten.

Der moderne, demokratische Staat trennt religiöse Vorschriften und weltliche Gesetze strikt. Beim Islam durchdringt aber doch die Religion alle Lebensbereiche, es gibt keine Autonomie des Politischen?

Wenn ich die Schweizer Muslime anschaue, so kennen 95 Prozent von ihnen die Scharia gar nicht. Ihr Wissen über die Scharia bekommen sie durch die Medien. So wie ich das sehe, durchdrang die islamische Rechtsordnung in islamischen Ländern bis etwa Anfang des 20. Jahrhunderts die Gesellschaft total. Heute gibt es keinen islamischen Staat weltweit, der nur auf islamischer Rechtsordnung, der Scharia, fusst. Mit der Scharia als rechtswissenschaftlichem System beschäftigen sich heute vorwiegend muslimische Theologen oder Universitäten. Natürlich gibt es einen privaten, individuellen Bereich, z.B. bei religiösen Fragen, wo Muslime auch nach der islamischen Rechtsordnung leben möchten. In dieser Beziehung sehe ich die Muslime in der Schweiz ähnlich denken wie Christen oder andere Religionsgemeinschaften.

Die Mehrheit der Schweizer Muslime akzeptiert also unsere säkulare Rechtsordnung?

Ja, aber es gibt Unterschiede: Die Muslime aus dem Balkan und der Türkei haben keine Mühe mit der Demokratie und Freiheit, Muslime aus arabischen Ländern schon eher. Persönlich bin ich stark überzeugt, dass wir als Muslime hinter den Werten der Schweizer Demokratie stehen müssen. Hier wieder ein Beispiel: Genau wie Menschen anderer Religionen dürfen die Muslime in der Schweiz nach islamischem Recht heiraten, aber das ist ihre Privatsache und hat keine Auswirkung auf die zivile Heirat. Die Zivilheirat ist in der Schweiz zwingend und gibt den Partnern gewisse Rechte, aber durch die islamische Heirat allein gibt es das nicht. Das gleiche gilt für das islamische Erbrecht. In der Schweiz könnten wir zwar das Erbe nach islamischem Erbrecht freiwillig verteilen, aber das zivile Erbrecht geht vor. Wenn ich das Vermögen auf meine Kinder verteilen will, muss ich zwingend die Grundlagen der Schweizer Gesetze beachten. Die Religion darf das zivile Recht nicht beeinflussen, sie muss Privatsphäre bleiben. Muslime dürfen nicht eine eigene Rechtsordnung schaffen in Westeuropa oder der Schweiz.

Und wie steht es mit der im Koran erlaubten Polygamie, das heisst der Möglichkeit, bis zu vier Frauen zu heiraten?

In den meisten islamschen Staaten ist Polygamie verboten, im Balkan, in der Türkei usw. Auch hier: Das islamische Rechtsempfinden entwickelt sich in bestimmten Situationen weiter. Der Islam in seinen Ursprüngen – so sehe ich das als Theologe – begrüsst eigentlich nicht die Polygamie. Es gibt in den heiligen Texten viele Vorbehalte dagegen. Eigentlich hilft ein Rechtsstaat wie in der Schweiz, diese Schwierigkeiten und Zweideutigkeiten zu überwinden. Wir müssen uns mit Polygamie nicht mehr beschäftigen.

Das heisst, das Schweizer Zivilrecht entlastet die Muslime?

Ja, automatisch. Man muss wissen, dass der Islam früher Polygamie nur unter strengen Auflagen erlaubte. Etwa, dass ein Mann, wenn seine erste Frau nicht Kinder kriegt, eine zweite heiraten darf, aber die erste darf er nicht vernachlässigen. Das hat im Prinzip funktioniert. Heute stellt sich die Frage gar nicht mehr, weil die Zivilheirat klar die Polygamie verbietet. Aber ich bin persönlich überzeugt, dass das monogame System offiziell von allen akzeptiert werden sollte. Was aber intern in der Familie passiert, das bleibt Privatsache. Wir müssen doch ehrlich sein, es gibt viele Leute, die sind verheiratet, aber haben daneben Freundschaften, das ist auch eine Art von Polygamie.

Vielen Menschen machen die brutalen, mittelalterlichen Strafen der Scharia Angst, Steinigung für Ehebrecher, Handabhacken für Diebe, Todesstrafe für Mord und Raub. Warum dieses mittelalterliche Verhalten?

Meine persönliche Meinung: Diese Strafnormen aus dem 7. Jahrhundert zeigen ein Auge um Auge – Zahn um Zahn-Rachedenken, wie es auch im Alten Testament der Bibel aufscheint. Doch die andere Frage ist: Wie stellen wir heutige Muslime uns zu diesen Strafen? Aus meiner eigenen theologischen Beschäftigung mit den muslimischen Quellen bin ich überzeugt: Wir sind nicht verpflichtet, diese Strafnormen zu praktizieren. Nur wenige muslimische Länder wenden diese Strafen noch an. Aus diesem Grund vertreten die reflektierten und liberalen muslimischen Gelehrten alle eine ähnliche Position: Wir müssen heute diese Normen nicht anwenden. Darum meine ich: Wir sollten uns heute mit dieser Vergangenheit nicht zu stark beschäftigen, dieses Kapitel ist auch für die Muslime in der Schweiz abgeschlossen. Als Gelehrter meine ich, der Islam darf nicht Angst haben vor Emanzipation und Entwicklungen. Auch wenn ultrakonservative Kreise meinen, die Türe der theologischen Forschung sei geschlossen und der Islam entwickle sich nicht mehr. Aber für uns ist die Türe immer offen und wir sollten die Strafmethoden modernisieren, nicht zuletzt angesichts der weltweit gültigen Menschenrechte. Wie gesagt, wenn wir Muslime die heiligen Texte richtig lesen, sehen wir Möglichkeiten, heute angemessene Strafen zu befürworten. Zudem haben wir ja einen funktionierenden Rechtsstaat, der die Kompetenz hat zu entscheiden, welche Strafmassnahmen für bestimmte Vergehen richtig sind.

Und was halten Sie vom Vorwurf, der Islam sei in sich gewalttätig?

Der Islam ist grundsätzlich, in der Theorie, eine friedliche Religion. Das arabische Wort Islam bedeutet «Unterwerfung» unter den Willen Allahs. Doch in der Wurzel «salam» steckt auch das Wort Frieden. Der Friede spielt eine zentrale Rolle in unserem Glauben. Es ist absurd, Islam als gewalttätige Religion zu bezeichnen. Leider zeichnet die politische und soziale Entwicklung, insbesondere im 20. Jahrhundert mit den Konflikten im Nahen Osten, vom Islam ein ganz anderes Bild: Entweder kämpfen die Muslime brutal gegeneinander oder gegen den Westen. Diese brutalen Ereignisse in der muslimischen Welt haben weniger mit Glaube und Religion, sondern mit Macht und Politik zu tun. Religion wurde schon immer missbraucht, weil sie ein permanenter Mobilisierungs-Faktor für Menschen war und ist. Ich denke etwa an die christlichen Kreuzzüge zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Genau so werden «im Namen Gottes» Muslime missbräuchlich mobilisiert, um gegen andere zu kämpfen.

Eine Zeitlang hat man bei uns viel von den Fatwas gesprochen. Unrühmliche Bekanntheit erlangte z.B. die Fatwa des iranischen Staatschefs Chomeini von 1989 gegen Salman Rushdie, der Autor der «Satanischen Verse», die ihn zum Tode verurteilte. Sind solche Fatwas heute überhaupt noch ein Thema für Sie als Theologe.

Es gibt ja sehr verschiedene Fatwas. Der Begriff bedeutet eine islamische Instanz, die ein Gutachten erstellt. Eine Fatwa ist also ein «Religionsgutachten». Die Frage ist natürlich, wer erfüllt überhaupt die Bedingungen, eine solche Fatwa auszuarbeiten. In der Schweiz gibt es bis heute keine solche religiös muslimische Autorität. Ich bin aber der Ansicht, dass sich die Muslime in der Schweiz in Zukunft auch damit beschäftigen sollten. Damit es nicht passiert, dass eine Fatwa von Aussen importiert und unser Leben hier in der Schweiz dadurch ev. in Frage gestellt wird. Wir brauchen eine Instanz in der Schweiz, ein theologisch kompetentes Gremium, die zu religiösen Fragen Fatwas erstellen kann. Sie muss aber die schweizerische Situation im Auge behalten. Ein solches Gremium würde auch helfen bei der Frage, wie wir den Islam in der Schweiz entwickeln könnten. Ganz wichtig wäre, dass man in der Schweiz nicht Fatwas gegen die in der Verfassung verbriefte Glaubens- Religions- und Gewissensfreiheit lancieren darf.

Das Beispiel Fatwa gegen Salman Rushdie zeigt übrigens einen wichtigen Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Der Imam Chomeini war sowohl oberste religiöse wie politische Autorität im schiitischen Iran. Die Schiiten kennen ein hierarchisches Kleriker-System, ähnlich wie im Katholizismus. Das aber ist bei uns Sunniten anders, solche Fatwas könnten gar nicht ausgesprochen werden, weil es bei uns keine solchen obersten religiösen Autoritäten gibt. Das ist in der vielfältigen und diversen Schweiz eigentlich gut.

So wie ich Sie verstehe, wünschen Sie sich ein theologisches Gremium mit Autorität und Kompetenz in der Schweiz, das zu muslimischen Glaubensfragen Stellung beziehen kann?

Ja, ein Gelehrtengremium, das neue muslimische Normen und Prinzipien aufstellen könnte, entsprechend dem Klima und der Atmosphäre in der Schweiz. Damit die Muslime in der Schweiz in Zukunft nicht mit den demokratischen und freiheitlichen Prinzipien unseres Landes in Konflikt kommen. Es geht auch die Grundprinzipien in der Schweiz wie Emanzipation der Geschlechter, der Gleichberechtigung von Mann und Frau usw. Es geht um die modernen Werte, basierend auf den Menschenrechten.

Sie sprechen Sie die Menschenrechte mit der Religions- und Glaubensfreiheit an. Unsere Verfassung erlaubt die freie Wahl der Religion, das heisst ich kann auch konvertieren. Gemäss dem Koran kann aber ein Muslim nicht zu einer anderen Religion konvertieren.

Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube heute, dass es auch für Muslime aus theologischer Sicht auch möglich sein sollte, ihren eigenen Glauben zu wechseln. Im Islam, wie ich ihn verstehe, gibt es hier keine rote Linie, obwohl weltweit viele Gelehrte meinen, die Muslime dürften nicht ihren Glauben verlassen.

Und wie ist es, wenn ich als Christ eine Muslimin heirate. Darf ich Christ bleiben? Kann sie Christin werden?

Diese Frage ist provokativ, aber trotzdem sollten wir darauf eine Antwort finden. Grundsätzlich ist es theologisch verboten, dass Muslime Christen heiraten. Trotzdem: In der Schweiz dürfen die Muslime selber bestimmen, wen sie heiraten. Denn für uns Schweizer Muslime ist Selbstbestimmung wichtig. Theologisch, wie gesagt, geht ein Austritt aus dem Islam nicht, aber von der Schweizer Rechtsordnung her, die wir Muslime akzeptieren, ist es erlaubt. Ich würde das Thema nicht überbewerten und zum Problem machen, weil das unser Zusammenleben erschwert. Freiheit ist auch für uns Schweizer Muslime ein hohes Gut. Wir sollten sie unbedingt schützen. Wir lassen Menschen zusammenleben und ihren eigenen Glauben entwickeln. Sie müssen selber Verantwortung für ihre Entscheide und die Konsequenzen tragen. Es ist ja für das Zusammenleben nicht nur der Glaube wichtig, sondern auch die Nationalität, die Kultur, die Tradition und die Herkunft, und dann nicht zuletzt auch die Sympathie.

Mustafa Memeti

Mustafa Memeti ist Imam und Leiter des Muslimischen Vereins Bern sowie Vizepräsident des Vorstandes des Albanisch Islamischen Verbands Schweiz. Zudem ist er Gefängnisseelsorger. Memeti hat in Syrien, Tunesien und in Saudi-Arabien (Islamische Universität von Medina) islamisches Recht und Hadithwissenschaften studiert. 2014 wurde er von der SonntagsZeitung für seinen Einsatz gegen Extremismus und für das friedliche Zusammenleben der Religionen zum Schweizer des Jahres erkoren.