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Gesprächsrunde von Muslimen und Christen | Adrian Müller
Gesprächsrunde von Muslimen und Christen | Adrian Müller

Die «Volksseelen» von Tansania und Kenia ticken unterschiedlich.

Anfang März nahm ich am Kapitel (Generalversammlung) der Kapuziner in Tansania teil. Für eine Amtszeit von drei Jahren wurden die Verantwortlichen gewählt (Provinzial und Provinzrat). Zum ersten Mal sind alle Gewählten einheimische, tansanische Kapuziner.

Vor zwölf Jahren wurde Br. Beatus Kinyaiya, heute Bischof von Mbulu, als erster Tansanier zum Provinzvorsteher gewählt, jetzt sind alle Mitglieder des Provinzrates Einheimische. Dies war ein entscheidender Schritt in Richtung Selbstverantwortung der einheimischen Brüder. Interessant war für mich, dass zwar ein «Missionar» (ein Schweizer Kapuziner) bei den Wahlen immer wieder gut «im Rennen» lag, das Kapitel sich aber doch für die definitive Wachablösung entschied und damit die ganze Leitungsverantwortung in einheimische Hände legte.

Nicht alle können loslassen

Im Februar 2009 war ich bei einer ähnlichen Versammlung der Kapuziner in Kenia dabei. Dort wurde zum ersten Mal ein einheimischer Kapuziner zum Ordensobern gewählt. Obwohl fähige, junge kenianische Mitbrüder zur Verfügung standen, wurde trotzdem ein «Missionar» (ein maltesischer Kapuziner) in den Rat gewählt.

Das war für mich überraschend, denn ich hatte die jungen kenianischen Kapuziner als recht selbst- bewusste Menschen kennen gelernt, bereit, Eigenverantwortung zu übernehmen. Woher der Unterschied? Vorerst wohl aus der Geschichte. Die Kapuziner in Tansania wirken schon seit 1921 im Land, in Kenia erst seit 1974.

Völker unterscheiden sich

Und doch erklärt dies noch nicht wirklich den unterschiedlichen Ausgang der Wahlen. Nicht nur die Geschichte, auch der Volkscharakter scheint eine Rolle zu spielen. In Tansania ist das Vertrauen unter den verschiedenen Volksgruppen grösser als in Kenia – oder sollte ich sagen, das Misstrauen ist kleiner?

Es darf nicht überraschen, dass unterschiedliche Charaktere auch in der «Volksseele» der Kapuziner eine Rolle spielen. Auch wenn natürlich gerade die Kapuziner in Kenia als franziskanische Menschen am Abbau dieses Misstrauens Pionierarbeit leisten. Dies zeigt sich unter anderem auch durch die von den Kapuzinern initiierte Damietta-Initiative, die Friedensarbeit und Konfliktprävention an der Basis zum Ziele hat.

Wer wird Bischof?

Eine andere Tatsache kann die unterschiedliche Entwicklung noch verdeutlichen. Bis vor kurzem gab es in Kenia zwei Kapuzinerbischöfe. Beide waren «Missionare» aus Malta. Und es besteht die Aus- sicht, dass der Nachfolger des im September 2010 verstorbenen Bischofs von Malindi wieder ein Malteser-Kapuziner sein wird.

Auch in Tansania gibt es zwei Kapuzinerbischöfe. Beide sind Tansanier und beide hatten schon Führungsaufgaben im Orden inne. Auch dieser Unterschied lässt sich verschieden interpretieren. Ist man in der Kirche in Kenia vorurteilsfrei- er gegenüber nicht einheimischen Verantwortlichen als in Tansania? Oder trauen sich die Menschen in Tansania mehr Eigenverantwortung zu? Ich wage die Fragen nicht zu beantworten.

Etwas Wahres mag in beiden Ansichten stecken. Und trotzdem überrascht mich diese Tatsache. In Kenia habe ich die Menschen, auch die Kapuziner, als weltgewandter, «moderner» erlebt als in Tansania. Kenianer und Kenianerinnen sind risikofreudiger, unternehmungs- lustiger als die bedächtigeren Menschen in Tansania. Wenn es sich um die Übernahme von wichtigen Führungsaufgaben in der Kirche handelt, ist Tansania trotzdem im Vorsprung.

Aufbruch in die Missionen

Kapuziner in Ostafrika nehmen zahlenmässig zu. In Kenia sind es heute 65, in Tansania knapp über 200. In beiden Ländern hat man sich entschlossen, Aufgaben auch ausserhalb der angestandenen Gebiete zu übernehmen. Die Provinz Tansania hat vor einem Jahr vier tüchtige, junge Mitbrüder nach Südafrika ausgesandt, um in einem schwierigen Gebiet Evangelisierungsarbeit zu leisten. Ein Schritt über die eigenen Landesgrenzen hinaus, ein Schritt auch ins Ungewisse, da viel Neues und Unerwartetes auf sie zukommt.

Die Mitbrüder in Kenia übernahmen vor kurzem neue Arbeitsgebiete. Für sie sind es aber eher Orte, die ihnen doch recht vertraut sind. Im Übernehmen von neuen Missionsgebieten sind die tansanischen Mitbrüder risikofreudiger.

Kenia war eine Herausforderung

Im Falle von Kenia spielen schmerzliche Erfahrungen in der Vergangenheit eine Rolle. Die ersten Kapuziner, die in Kenia ankamen, übernahmen eine sehr schwierige Mission. Ihnen wurde die North Eastern-Province als Arbeitsgebiet übertragen. Dabei handelt es sich um ein Gebiet, das grossmehrheitlich von somalistämmigen, muslimischen Menschen be- wohnt ist.

Die kirchlich-missionarische Aufgabe in Kenia war und ist bis heute eine zweifache. Erstens geht es um die seelsorgliche Arbeit im Dienste der kleinen christlichen Minderheit. Es sind vor allem Staatsange- stellte wie Lehrer, Verwaltungsbe- amte, Angehörige der Polizei und der Armee und deren Familien. Der zweite Bereich ist das Zeugnis und die Arbeit unter und mit der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, vor allem in den Bereichen Schule und Gesundheitswesen.

Eine Kirche in der Diaspora

Während Notzeiten, wie Dürre und Überschwemmungen, leistet die Kirche immer wieder Hilfe an vorderster Front. Die Hilfe wird auch von der muslimischen Bevölkerung dankbar angenommen. Und trotzdem ist die Situation schwierig und gefährlich. Drei Beispiele:

• Ich war mehrmals in Garissa, dem Bischofssitz und Hauptort der Nordost-Provinz. Nie habe ich dort an einem Sonntagsgottes- dienst teilgenommen, während dem nicht Steine auf das grosse mit Wellblechen gedeckte Kirchendach geschleudert wurden. Muslimische Jugendliche – offensichtlich mit dem Einverständnis oder gar auf Anstiftung der Quartierverantwortlichen – wollen damit immer wieder sagen: wir wollen euch Christen nicht, ihr habt bei uns nichts verloren.

• Vor ein paar Jahren wurden zwei italienische Ordensschwestern, die in Mandera, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Somali, entführt, offensichtlich von einer Rebellengruppe. Erst nach monatelangen Verhandlungen wurden sie frei- gelassen. Die wenigen anderen Ordensleute, die dort lebten und wirkten, mussten die Gegend verlassen. Die lokalen Polizeikräfte konnten ihre Sicherheit nicht mehr garantieren.

• Es herrschte in den 90er-Jahren wieder einmal eine gespannte Lage im Land. Muslimische Führer beklagten sich, dass christliche Prediger ihre Religion beleidigt hätten. Eine solche Falschmeldung aus einer anderen Landesgegend erreichte auch die muslimische Gemeinde in Wajir, in Nordost- Kenia, wo die Kapuziner seit Jahren tätig sind. Fast wie aus heiterem Himmel wurde die katholische Missionsstation angegriffen, Pfarreiräumlichkeiten verwüstet, die Kirche aufgebrochen, eine Marienstatue zertrümmert, dem Gekreuzigten über dem Altar die Arme ab- geschlagen, Bilder geschändet. Nur die grosse, aus Holz geschnitzte Statue des heiligen Josef über- stand den Ansturm fast heil. Die Mitbrüder selber kamen nicht zu Schaden, da sie zur fraglichen Zeit andernorts an einer Versammlung teilnahmen.

Zusammenleben in Tansania

In Tansania machten die Kapuziner kaum solche Erfahrungen. Es gab auch Überfälle, selbst mit tödlichem Ausgang. Dabei handelte es sich um vereinzelte Übergriffe gewalttätiger Einbrecher, nicht um politisch oder religiös motivierte Menschen, die sogar mit der Unterstützung oder doch dem still- schweigenden Einverständnis der Verantwortlichen handeln konnten.

Situationen, wie sie im nordöstlichen Teil von Kenia bis heute vorherrschen, gibt es in Tansania

kaum. Selbst im fast ganz muslimischen Sansibar, wo allerdings keine Kapuziner tätig sind, müssen Christen nicht mit Feindseligkeit rechnen, wie es in Teilen Kenias der Fall ist.

Isidor Peterhans