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Eine Reise in eine andere Kultur

Unsere Kinder waren skeptisch. Vier Monate Kuba? Dort sei sicher alles anders und fremd. Das Einzige, worauf sie sich freuten, und das hatten wir fest versprochen: dass wir in diesem Jahr zum Ausgleich zweimal Weihnachten feiern.

So nahmen wir Abschied, indem wir Heilig Abend in der Schweiz feierten, wie gewohnt mit Weihnachtsbaum und ein paar Geschenken und mit dem Krippenspiel in der Kirche. In diesem Jahr spielten die Kinder zum ersten Mal im Weihnachtsspiel mit: die Grosse einen Hirten, der Jüngere den Josef und ein Schaf. Der Josef war nicht seine Traumrolle, er nahm sie, weil wenig Buben mitspielten. Das Schäfchen hingegen spielte er mit Leidenschaft.

Weihnachten in der Fremde

Nach den Festtagen in der Schweiz flogen wir nach Kuba mit zwei erwartungsvollen Kindern. Schon im Auto löcherten sie ungeduldig den protestantischen Pfarrer, der uns am Flughafen abholte: Wie feiert man Weihnachten bei euch? Die Antwort: Nun – wir haben hier in Kuba einen Weihnachtsbaum in der Kirche, die Kinder machen ein Krippenspiel, und es gibt Geschenke. Die Kinder lehnten sich beruhigt zurück. Das klang vertraut; der Anfang im fremden Land begann mit einem Stückchen Heimat.

Am Nachmittag des 6. Januar machten wir uns mit dem Pfarrer auf holprigen Wegen an gackernden Hühnern und rostigen Traktoren vorbei zur Kirche auf für einen ersten Augenschein. Stolz erzählte der Pfarrer, dass sie erst kürzlich die kleine Kirche vom Staat zurückerhalten hätten und nun am Renovieren seien. Über Sylvester habe eine kanadische Jugendgruppe geholfen, sie frisch zu streichen, weshalb Weihnachten dieses Jahr besonders feierlich würde.

Der Tannenbaum wirkte fremd

Tatsächlich: alles erstrahlte in hellem Gelb. Sogar der Weihnachtsbaum war schon aufgestellt. Die Kinder entdeckten ihn sofort, obwohl etwas versteckt hinter der Türe. Plastik!? Nun ja, so die Erklärung des Pfarrers, es sei ein Ge schenk aus den USA. Hier wachsen ja keine Tannen, aber das gehöre irgendwie dazu. Ach so, deshalb stehe er so verloren in der Ecke. Das vertraute Bäumchen wirkte seltsam fremd.

Dann gingen wir nochmals nach Hause, denn es gebe noch viel vorzubereiten! Ja, das sah man. Es fehlten die Bänke. Und überall lagen noch Leitern und Werkzeug herum.

Spanisch und trotzdem Maria

Aufgeregt warteten die Kinder auf den Abend. Beim Abendessen kam das Nachbarsmädchen und erzählte stolz, dass sie dieses Jahr zum ersten Mal im Krippenspiel mitmachen dürfe; sie sei die Maria, ihre Traumrolle. Unser Sohn – mit der Erfahrung eines frisch gespielten Josefs – konnte die Begeisterung für Maria zwar nicht nachvollziehen, aber die Aufregung, die Vorfreude, das kannten beide gut.

Die Kirche war voll – ohne Bänke. Für diese hatten Zeit und Geld nicht gereicht. Man sass auf dem Boden, stand unter der Türe. Trotz weniger sehr  einfacher, improvisierter Requisiten, trotz fremder Sprache: Da waren unverkennbar Maria und Josef auf Herbergssuche, die Engel, die Hirten mit ihren Schafen und die Weisen aus dem Morgenland. Fern jeder Perfektion, halb improvisiert, aber mit Begeisterung sassen alle – Kinder wie Erwachsene – um die Krippe am Boden und sangen Weihnachtslieder.

Unsere Kinder waren berührt, dass auch sie ein kleines Geschenk bekamen. Die kleinen Plastikautos, die sie in der Schweiz vielleicht achtlos zur Seite gelegt hätten, wurden von beiden Kindern lange in Ehren gehalten. Vermutlich weil sie wie wir Eltern in diesem Krippenspiel erlebten: Weihnachten – das ist sich eingeladen und angenommen fühlen, dazu gehören dürfen, ein Stück Heimat finden.

Viele persönliche Erfahrungen

Später habe ich Frauen in Solothurn gefragt, was für sie zu Weihnachten gehöre. Maria und Josef, die Hirten mit den Schafen, die Weisen, die Engel, der Stern – die Weihnachtsgeschichte gehört für viele dazu. Wenn Erinnerungen an Krippenspiele da sind, dann wird von der freudigen Erwartung und vom Lampenfieber erzählt, von der speziellen Atmosphäre, von den Kostümen.

Zu den Kindheitserinnerungen gehören vor allem viele persönliche Erfahrungen: die Enttäuschung oder die Freude über die Rolle, die man sich gewünscht oder nicht bekommen hat, das Lob der Leiterin, lustige Missgeschicke, der Stolz, sich auf die Bühne gewagt zu haben, die Gemeinschaft mit den anderen Kindern und die freudige Überraschung über ein kleines Geschenk.

Neues und Vertrautes

Auf die Frage, warum sie das Krippenspiel auch als Erwachsene schätzen, wünschen die meisten, dass ihre Kinder so das Eigentliche der Weihnacht erfahren. Auf das Eigentliche genauer befragt, führen die Antworten im Kern zur erlebten Gemeinschaft: Zentral ist das Zusammensein beim Proben, Spielen und Singen.

Perfektion und Aufwand werden auch in der Schweiz als nebensächlich empfunden. Gerade angesichts der hektischen Vorweihnachtszeit darf es gerne schlicht und einfach sein, aber ausfallen möge es bitte nicht. Es werden zwar jedes Jahr neue und überraschende Akzente gewünscht, jedoch im Kern die klassische Weihnachtsgeschichte mit den vertrauten Grundelementen. Mit dem Krippenspiel soll man mitwachsen dürfen, über Jahre hinweg.

Wozu Weihnachten in der Schweiz?

Die Antworten von Eltern in der Schweiz sind theologisch treffend: Es gehe um Geburt – nicht nur die es Jesuskindes, sondern um Neuanfänge im eigenen Leben. Es gehe zugleich um Sinn und Ziel: irgendwo anzukommen im Leben, bei sich, in einem inneren Frieden. Weihnachten habe in diesem Sinn auch eine soziale Aussage; es gehe um den Wunsch nach Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit, Solidarität und Geborgenheit: «Dass es durch Liebe, Glaube, Zuversicht, Hoffnung immer einen Weg gibt, auch wenn dieser nicht immer einfach oder offensichtlich ist. Dass innerer Herzensreichtum entsteht, wenn Menschen einander helfen, unterstützen und zusammenstehen, füreinander da sind. Dass es Freude macht, Menschen zu beschenken mit Dingen, die berühren.»

Warum ein Krippenspiel und nicht einfach Lesung und Predigt? Die Hoffnung ist, dass spielend erfahrbar wird, wovon die Weihnachtsgeschichte erzählt: So wie Maria und Josef das Vertraute verlassen und in der Fremde Aufnahme finden, so wie die Hirten neu anfangen dürfen und Akzeptanz an der Krippe finden – so wünscht man selbst, im Spiel neue Perspektiven und zugleich Geborgenheit und Heimat zu finden.

… und in Kuba selbst?

Eine junge Frau in der Provinz La Habana, in so ganz anderen wirtschaftlichen und kulturellen Lebensumständen, schrieb mir praktisch genau dasselbe: «Weihnachten ohne Krippenspiel ist für mich undenkbar! Manchmal haben wir traditionelle Krippenspiele,manchmal moderne Auslegungen. Die Aussage aber ist jedes Jahr im Wesentlichen dieselbe: Die Geburt Jesu bedeutet eine neue Chance für uns.

Wenn ich mit Kindern ein Krippenspiel erarbeite, erlebe ich staunend, wie sie in der Weihnachtsgeschichte aufleben; spielend erleben sie, was sie erzählen – und dies berührt dann auch mich. Im Wesentlichen wünsche ich mir vom Krippenspiel nicht eine tolle Aufführung, sondern dass wir den Sinn von Weihnachten erfahren. Jedes Jahr schenkt mir das Krippenspiel eine neue Lebensperspektive: für mich persönlich stand letztes Jahr die Hoffnung auf Neuanfang, auf Vergebung und Versöhnung im Vordergrund. Wenn die Kinder sich im Spielen wohl und akzeptiert fühlen, dann fühle auch ich mich in der Kirche und im Leben zu Hause.»

Alexandra Flury-Schölch


AFS «Für mich geht es an Weihnachten um Aufbruch und Heimkehr, um Suchen und Ankommen: Sich angenommen zu fühlen – in sich selber, in Gemeinschaft, in göttlicher Geborgenheit – dies gehört nicht nur zentral, sondern auch global zur Weihnachtshoffnung.»