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Die Sinus-Milieu-Studie verändert kirchliches Handeln

Welchem Milieu fühlen Sie sich persönlich zugehörig?

Alois Metz: Ich gehöre sicherlich ins Milieu der Performer.

Hat ihre Milieuzugehörigkeit Auswirkungen auf die Arbeit als Gemeindeleiter?

Ich meine schon, da ich dieses Milieu natürlich am besten kenne, weil ich selbst darin lebe. Leider ist es aber gerade ein Milieu, das von der Kirche kaum mehr angesprochen wird. Es werden ja laut Studie, die in Deutschland von der Kirche in Auftrag gegeben wurde, vor allem die Bürgerliche Mitte und genügsame Traditionelle angesprochen. So kann es eine Chance sein, dass ich meine Arbeit genau in dieses Milieu hinein konzentriere.

Die Mehrheit Ihrer Pfarreiangehörigen gehört dem postmateriellen Milieu an. Welche milieuspezifischen Anlässe und Liturgien haben Sie für diese Menschen organisiert?

Wir haben den schwedischen Film «As it is in heaven » zum Thema gemacht. Einmal mit einer Extra-Vorführung im Bourbaki Kino – dieser Ort wird vor allem von Postmateriellen besucht. Im Kino haben wir zwei Lieder live singen lassen und haben auf den Gottesdienst in der Johanneskirche hingewiesen. Es war ein Wortgottesdienst, den wir «Glücksperformance » nannten. Inhaltlich haben wir Bezug zum Film genommen. Der Johanneschor hat eigens Teile der Filmmusik einstudiert. Ein weiteres Beispiel ist Kunst in der Kirche. Postmaterielle interessieren sich fürdie Weltreligionen. So hatten wir eine kleine Reihe zum Thema Mystik. Dazu hatten wir Derwische im Kirchenraum.

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Beim Film «As it is in heaven » hatten wir die Presse auf unserer Seite. Deswegen war dies ein sehr gut besuchter Gottesdienst unter der Woche. Auch das Kino war voll. Bei der Begegnung mit den Derwischen waren wir auf unsere kirchlichen Medien angewiesen. Leider wird das Pfarrblatt eher spärlich von Postmateriellen gelesen. Dies hat man auch beim Publikum bemerkt.

Wer ist schlussendlich an die Veranstaltung gekommen?

Es waren vor allem Leute aus unserer Pfarrei. Aber ganz sicher nicht das typische Publikum, das zum Sonntagsgottesdienst kommt. Es lohnt sich dran zu bleiben, doch die Personalressourcen sind begrenzt. Ausserordentliche Veranstaltungen kosten eine Menge und verursachen Mehrarbeit.

Finden dank diesen spezifischen Angeboten auch neue Postmaterialisten den Weg zu kirchlichen Angeboten?

Wie oben beschrieben: eindeutig. Die grosse Kunst ist es heute, auf dieses Programm ausserhalb der eigenen Medien (Pfarrblatt und Kirchenhomepage) aufmerksam zu machen. Damit konkurrenzieren wir uns mit vielen anderen Anbietern von Veranstaltungen. Das macht es nicht einfacher.

Wie gehen Sie auf die modernen Performer Ihres Pfarreigebietes zu?

Da sind wir in unserer Pfarrei noch sehr stark am «Hirnen». Heuer wird es am 24. Oktober einen Männerkongress in Engelberg geben. Moderne Performer arbeiten gern unter Druck und sind sehr leistungsfähig. Sie haben in der Regel einen höheren Bildungsabschluss und schon in jungen Jahren eine Leitungsstelle. Der Männeranteil ist unter den Performern sehr hoch.

Gibt es zu dieser spezifischen Männerarbeit schon Erfahrungen?

Mit diesem Männerkongress für Manager zum Thema «Jagen und gejagt werden » wollen wir ein Experimentwagen. Doch ist dies  nicht nur eine Veranstaltung für die Pfarrei, sondern geht über die Region hinaus. Wir bieten den Performern aus unserer reichhaltigen kirchlichen Tradition Werkzeuge an, wie sie in Balance bleiben – trotz des Spagats vom Jagen und gejagt werden.

Kann man mit modernen Performern auch Liturgie feiern?

Aber ganz sicher. Mit jedem Milieu kann man Liturgie feiern.

Was muss man dabei berücksichtigen?

Moderne Performer sind ständig unter Strom. Wenn ich dann sehr meditative Gottesdienste anbiete, wo Gott der Tröster und «Behutsame» ist, langweilen sich Performer und gehen. Sie brauchen Tempo und Gott muss sie herausfordern. Dann sind sie da. Als Bild fällt mir der Kampf in der Jabboksschlucht ein. Ja, Performer wollen mit Gott «kämpfen».

Und wie wird da gebetet?

Als Beispiel ein typisches Männergebet für Performer, das heisst Potenz: «Wie machtvoll, Herr, hast du mich als Mann erschaffen, wie einzigartig und wie schön! Mir liegt nicht daran, Frauen klein zu machen. Es ist meine Schöpferkraft, die ich feiern will! Du hast mir Energie gegeben, sie soll dir eine  Ehre sein und mir eine Freude. Wenn ich meine Lust spüre und meine Potenz, dann bin ich dir für einen Moment so nahe wie einer der Cherubim. Aber wenn mich die Erde wieder hat, danke ich dir, dass ich aus ihrem Stoff gemacht bin.» Das Gebet stammt von Peter Modler «Für Wanderer und Krieger».

In welchen Situationen kommen Sie bei der Pfarreiarbeit mit Konsummaterialisten in Kontakt?

In allen Milieus werden Kinder geboren. Bei den Konsummaterialisten mehr als beiden Performern. Überall wird gestorben. Also komme ich durch die Kasualien wie Taufe und Beerdigung mit den Menschen in Kontakt. Doch muss ich mich immer neu und adäquat auf die Milieus einstellen.

Wie muss ich mir ein Taufgespräch bei Konsummaterialisten vorstellen?

Bei den Konsummaterialisten läuft im Hintergrund gern ein riesiger Fernseher. Wenn ich sie bitte ihn auszuschalten, weil wir doch ein wichtiges Thema besprechen wollen, werde ich sie beleidigen. Der Fernseher läuft, weil sie zeigen wollen, dass sie sich so ein Megading leisten können. Sie sind wer und gehören zur potenten Gesellschaft. Verlange ich von ihnen den Apparat abzuschalten, lehne ich sie indirekt ab. Also lasse ich das Programm im Hintergrund laufen. Doch wenn ich mit ihnen bei einem Fest mitfeiere und beim Aufräumen helfe, solidarisiere ich mich mit ihnen. Die Konsummaterialisten sind dann sehr verlässlich. Auf sie kann man sich in der Pfarreiarbeit verlassen

Ist es nicht so, dass trotz milieuspezifischen Angeboten vor allem die alteingesessenen Pfarreimitglieder an die Veranstaltungen kommen?

Ja klar, weil wir für sie das komplette Angebot ausgerichtet haben. Die bürgerliche Mitte ist unser Feld, da sind wir spitze. Alle sind wir in einem Boot unterwegs. Wir wollen Harmonie und Gott ist unsere Lebensversicherung. Das sind genau die Kriterien der bürgerlichen Mitte.

In der Luzerner Pfarrei Franziskaner gibt es viele Experimentalisten. Wie müsste eine Liturgie für dieses Milieu gestaltet werden?

Schrill, schräg und völlig unkonventionell. Kramen Sie am besten alte Sachen raus. Totenschädel auf Samtkissen, und nehmen Sie eine lateinische Messe. Diese muss aber angepasst werden. Es braucht Frische und Spontaneität. Dieses Milieu geht gern in der Osternacht nach Einsiedeln. «Wow, das muss ich mir mal anschauen», denken sie oder sie gehen hin zur üppigen, im Barock gestylten Fronleichnamsprozession. Experimentalisten sind sehr neugierig – was ja eine Chance ist; denn vieles innerhalb unserer kirchlichen Tradition ist sehr schräg und schrill genau das Richtige. So gibt es genügend Anknüpfungsmöglichkeiten.

Welche Veränderungen bringt milieusensibles  Handeln für Ihre Arbeit als Gemeindeleiter in der Pfarrei St. Johannes?

Neue Veranstaltungen müssen wir wagen, teilweise leider gegen viel Widerstand, weil die heutige Liturgie sehr verarmt ist. Alles wird über die Eucharistiefeier ge-«messen » und unsere Räume sind deswegen sehr eng geworden. Wir brauchen wiedereine bunte Andachtskultur. In der Kirche soll Gottesbegegnung ermöglicht werden. Die Eucharistie ist ein wesentlicher Raum dazu. Aber nicht der einzige. Hier braucht es Mut, Standfestigkeit und Experimentierfreude. Mein Ziel als Christ ist nicht die Eucharistiefeier, sondern die Gottesbegegnung. Gott ist mitten unter uns. Leider sind hier viele – aus welchen Gründen auch immer – anderer Meinung.

Wird die Berücksichtigung der Milieus die katholische Kirche nachhaltig verändern?

Wenn sie es will – sicher. Wie ist es im Vatikanum II festgehalten? Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen. Gehen wir darauf endlich ein, wird die katholische Kirche vielfältiger und gewiss auch wieder spannender. Die Gottesbilder würden sich weiten, denn jedes Milieu braucht ein anderes Gottesbild. Da jedes Gottesbild nur eine Annäherung ist, wäre das ja überhaupt kein Problem. Aber wir machen ja schon einen riesigen Zirkus daraus, wenn wir Gott Vater und Mutter nennen. Da fällt mir immer Meister Eckhart ein: «Der Mensch soll Gott in allen Dingen ergreifen und soll sein Gemüt daran gewöhnen, Gott allzeit gegenwärtig zu haben im Gemüt und im Streben und in der Liebe.»

Ist milieusensible Pastoral lediglich ein gutes Marketing der Kirche oder sehen Sie auch theologische Gründe, die ein solches Handeln einfordern?

Unser Gemüt ist immer noch von der Volkskirche geprägt. Menschen kommen nicht mehr selbstverständlich auf uns zu. Jetzt schon ist dieses Netzwerk und System zusammengebrochen. Wir müssen auf die Menschen hingehen. Die Milieustudie ist ein Werkzeug, also keine neue Bibel, die uns helfen kann, wie wir auf Menschen zugehen können. Meine theologische Begründung habe ich bereits oben erwähnt und auf den Punkt gebracht. Gott ist mitten unter uns. Als Seelsorger möchte ich dies erlebbar machen. Denn ich halte es gern wie Meister Eckhard: Ich möchte kein Lesemeister, sondern Lebemeister sein.

Interview: Adrian Müller
http://www.adrianm.ch

 

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