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Wenn das eigene Land geraubt wird …   

… kann es fatal enden.

Investoren und Konzerne haben weltweit seit dem Jahr 2000 rund die zehnfache Fläche der Schweiz illegal an sich gerissen. In Schwellenund Entwicklungsländern verlieren damit Tausende von Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Folgenvon Landraub sind gesellschaftlich, ökologisch und spirituell vielseitig – und fatal.

Kambodscha, Mekong-Fluss, illegale Abholzung von Regenwald | © © Jörg Böthling, Hamburg
Äthiopien, Omo Tal, Kangaten, Dorf Kakuta, Nyangatom Hirtenvolk | © © Jörg Böthling, Hamburg

Unsere Nahrung stammt von unseren Äckern, unseren Gärten und Feldern. Wir verarbeiten das Holz von unseren Wäldern und nutzen das Wasser aus unseren Flüssen und Seen. Zum eigenen Land, auf dem wir leben, haben wir eine emotionale Beziehung, vielleicht sogar eine mystische und spirituelle. Stellen Sie sich nun vor, man nähme Ihnen Ihr Land von heute auf morgen weg – mit der Begründung, es gehöre Ihnen gar nicht.

In Asien, Südamerika und ganz besonders in Afrika werden Tausende von Menschen auf diese Art von ihrem Land vertrieben. Hinter diesem Landraub (oder Land Grabbing, engl. to grab = raffen, sich aneignen) stecken Spekulanten, wirtschaftliche und politische Eliten und ausländische Staaten. Sie pachten oder kaufen Land im grossen Stil, um es als Anlageobjekt oder für die industrielle Landwirtschaft zu nutzen. Die lokale Bevölkerung, die das Land über Generationen bewohnte und bewirtschaftete, hat ihr Einverständnis für diese Übernahme jedoch nie gegeben.

Das Land dient dem Profit

40 Millionen Hektaren wechselten seit 2000 durch Land Grabbing den Besitz. Weitere 15 Millionen Hektaren sind derzeit in Verhandlung. Ein Ende ist vorerst nicht absehbar. Denn Klimawandel, Bevölkerungswachstum, steigende Lebensmittelpreise und der Bedarf an Agrotreibstoff üben weiterhin Druck auf die vorhandenen Landreserven aus. Die Aussicht auf finanziellen Gewinn bestimmt dabei, was auf den Flächen angebaut wird.

So wird das Land meist für den industriellen Anbau von Soja, Getreide, Holz oder Palmöl genutzt. Letzteres ist ein riesiger Treiber von Land Grabbing. In Indonesien verschwinden 35 Fussballfelder Regenwald pro Minute – viele davon für Palmölplantagen. Weltweit findet sich Palmöl mittlerweile in jedem zweiten Produkt: in Fertigpizza, Keksen und Margarine, ebenso wie in Seife, Schminke, Kerzen und Waschmitteln, sogar in Tierfutter. (Siehe Artikel auf Seite 19 dieser Ausgabe!) Europa zählt mit China und Indien zu den grössten Absatzmärkten von Palmöl.

Arbeitslose Einheimische

Die Geschäfte mögen vor Ort bessere Infrastrukturen aufbauen, die Produktion und Wirtschaft ankurbeln und vielleicht sogar kurzzeitig Arbeitsplätze für die Bevölkerung schaffen. «Am Anfang brauchen die Unternehmen die Dorfgemeinschaften», sagt der Kleinbauer Pak Timbal aus Indonesien. Doch schon bald beschäftigten sie Leute aus anderen Regionen. Sie, die Einheimischen, seien entlassen worden und nun arbeitslos, sagt Timbal.

Die gesellschaftlichen Folgen von Land Grabbing reichen jedoch viel weiter: Unzählige werden vertrieben, ohne dass sie eine Möglichkeit haben, sich dagegen zu wehren. Eine angemessene Entschädigung erhalten die wenigsten. Viele verlieren fruchtbaren Boden und damit ihre Lebensgrundlage.

Auch Wasser wird «gestohlen»

Da die Landflächen ohne Bewässerungsmöglichkeit für die Agroindustrie nutzlos sind, geht mit dem Landraub meist auch Water Grabbing einher. Transnationale Unternehmen investieren am liebsten in Gebiete mit Flüssen oder Grundwasser. Umleitungen oder Privatisierungen der Wasserquellen machen den Zugang zu Wasser für die lokale Bevölkerung unmöglich.

In einigen Ländern werden zudem grosse Land- und Waldflächen zu Naturparks umfunktioniert, die lediglich der Forschung und dem Tourismus vorbehalten bleiben und die Rechte der ursprünglichen Bevölkerung abermals übergehen.

Fatale Riesenprojekte

Auch in ökologischer Hinsicht sind solche Riesenprojekte fatal. Monokulturen, für die oft riesige Waldflächen abgeholzt werden, High-Tech-Saatgut, Pestizide und Kunstdünger überrollen den einst kleinflächigen und ressourcenschonenden Anbau der Kleinbauernfamilien. Sie treiben den Klimawandel weiter an. Der Kleinbauer Pak Janggut aus Indonesien fragt: «Wenn unser Land derart zerstört wird, welche Lösungen haben wir dann für die Zukunft?»

Zu den sichtbaren Faktoren des Landraubs kommt hinzu, dass die Vertriebenen kulturell entwurzelt werden. Der Verlust des Landes bedeutet für viele auch den Verlust der Heimat, des spirituellen Bezugs zum Land und zu den Ahnen, mit denen sie auf ihrem Boden verbunden sind.

Landtitel für mehr Selbstbestimmung

Zusammen mit seinen Partnerorganisationen unterstützt Fastenopfer die betroffenen Menschen dabei, ihre Rechte zu kennen und einzufordern und Strategien gegen Vertreibung zu entwickeln. Verbriefte Landrechte helfen ihnen dabei, sich zu wehren. Land soll selbstbestimmt genutzt werden, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, die dort lebt. Gleichzeitig erhält die lokale Bevölkerung Unterstützung, agrarökologische Landwirtschaftsmethoden einzuführen.

In der Schweiz richtet sich Fastenopfer einerseits an Investoren. Sie sollen ihr Geld aus jenen Projekten herausnehmen, die Landraub mit sich bringen, den Klimawandel fördern und den Menschen vor Ort ihr Recht auf Nahrung verwehren.

Andererseits können sich auch die Konsumenten fragen, wie oft sie beispielsweise palmölhaltige Produkte einkaufen, wie ihr Konsum allenfalls zu Land Grabbing und Klimaschäden beiträgt und welche Lösungen sie für die Zukunft haben nicht nur für diejenige des Kleinbauern Pak Janggut, sondern auch für die eigene.

Madlaina Lippuner

Fastenopfer-Fachverantwortliche Online-Kommunikation und kirchliche Medien