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Raum der Freiheiten und Grundbedürfnisse   

Wie das Wohlergehen einer Gesellschaft erreichen?

Die Kapuziner in der Schweiz unterhalten verschiedene spirituelle Begegnungszentren, so etwa in St­Maurice oder oberhalb von Brunnen das Mattli. Es sind alles Orte der Reflexion, Ausbildung und geistigen Erneuerung. Vor allem während der jährlichen Fastenopfer­Aktionen dienen sie auch als Begegnungsorte für Themen wie «religiöse Freiheit» und «menschliche Grundbedürfnisse».

Freiheiten und Grundbedürfnisse

Der Wunsch nach «Freiheit» prägt unser persönliches genauso wie das soziale und politische Leben. Dazu möchte ich nur ein paar gesellschaftliche wie individuelle Ziele nennen: sich von der familiären Routine und der dörflichen Kontrolle befreien, sich der moralischen Kontrolle durch die Kirche oder dem islamischen Recht entziehen, für nationale Unabhängigkeit und gegen die Kolonialherrschaft kämpfen ...

Die Suche nach «Freiheit»

Die Liste liesse sich problemlos erweitern. Diese Beispiele zeigen, wie «Freiheit» das grosse Thema von persönlichen Projekten wie von politischen Forderungen ist. Individuen wie ganze Völker suchen sich von missbräuchlichen Zwängen zu befreien und unabhängig zu werden von jeder Form familiärer oder stattlicher Kontrolle. Sie wehren sich gegen den Versuch religiöser Instanzen, ihre personelle Autonomie zu beeinflussen. Diese Hinweise klingen wahrscheinlich etwas abstrakt und theoretisch.

Eine Fürbitte

Ich erinnere mich noch gut an eine Protestmesse gegen den Krieg von 2003 im Irak, die wir in unserer Pfarrei im Freiburgerland gefeiert haben. Wir haben biblische und aus dem Koran Schöpfungsgeschichten und Friedensverheissungen gelesen. Ein iranischer Einwohner unseres Dorfes hat zuerst um das Wohlwollen Allahs gebeten und dann eine Kurzmeditation über die Gefahren des Krieges für die Freiheit und das Überleben im Mittleren Osten gehalten. Zum Schluss äusserte er eine starke Botschaft für den Schutz unseres höchsten Gutes, der Sicherheit.

Tatsächlich war für unseren Nachbarn Asad-Saïd die Suche nach «Sicherheit» nicht in erster Linie eine politische Frage, sondern eine Garantie für persönliche Stabilität, aber auch für die Gesundheit der Kinder, für die Nahrungsversorgung, für eine faire Justiz. Kurz – «Sicherheit» garantiert das Wohlergehen einer Gesellschaft.

Sicherheit für den Menschen

Ich erinnere mich daran, weil diese Botschaft die untrennbare Verbindung zwischen dem Horizont der «Freiheit» und jenem der «Sicherheit» als seiner materiellen Basis unterstreicht. Ich würde sogar noch weitergehen: «Sicherheit» umfasst das Ganze der menschlichen Grundbedürfnisse, in materieller, sozialer, rechtlicher und spiritueller Sicht.

Es geht allgemeiner um «menschliche Sicherheit». Im aktuellen Umfeld globaler politischer Unsicherheit – terroristische Anschläge, dschihadistische Drohungen, Klimawandel, instabile Börsen – steht «Sicherheit» zuoberst, auch wenn dabei unter Umständen gewisse Freiheiten geopfert werden müssen.

Wenn man von der Notwendigkeit der «menschlichen Sicherheit» spricht, so weist man auf einen sehr breiten sozialen Bereich hin, der die Freiheiten integriert. Tatsächlich umfasst das Sprechen von fundamentalen menschlichen Grundbedürfnissen mehrere Formen der Freiheit: die persönliche, die soziale, die Gewissensfreiheit wie auch die materielle und politische Freiheit.

Die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse

Wie bereits erwähnt, bieten die Begegnungszentren der Kapuziner eine Plattform der Begegnung, um die spirituellen Herausforderungen besser zu verstehen, die sowohl persönlicher wie auch politischer Natur sind. Tatsächlich sind es solche Orte des «Rückzugs», wo notwendige theologische Analysen und praktische Anwendungen bezüglich der «Freiheiten» und der «menschlichen Bedürfnisse» in Verantwortung erfolgen können.

In meinem Beitrag zur Religionssoziologie begnüge ich mich mit einer schematischen Darstellung der engen Verbindung zwischen «Freiheiten» und «Bedürfnissen». Hier vier theoretische Aspekte dieser fundamentalen menschlichen Bedürfnisse:

(1)        Das Bedürfnis, zu überleben: sich ernähren zu können, eine Wohnung haben, Bewegungsfreiheit.

(2)    Das Bedürfnis nach Wohlbefinden: psychische Sicherheit, soziale, geistige und körperliche Gesundheit, eine Atmosphäre des Vertrauens.

(3)    Das Bedürfnis nach sozialem Zusammenhalt: die Aufnahme in einer Familie, die Möglichkeit zu kommunizieren, die Redefreiheit, die Möglichkeit, sich zu versammeln, einen Job zu finden oder Gerechtigkeit zu erfahren, seinen eigenen Lebensstil auswählen zu können – sowohl in einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau wie auch in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung.

(4)    Das Bedürfnis, seinem Leben einen Sinn zu geben: das Bedürfnis nach Hoffnung, Religionsfreiheit und spiritueller Motivation, die Dimension nach Weiterleben, Kreativität und künstlerischem Ausdruck.

Diese vier Felder berühren verschiedene Aspekte, körperliche wie geistige, individuelle wie gesellschaftliche. In dieser Ausgabe von ite ist die Forderung nach Religionsfreiheit ein Schlüsselbegriff. Andererseits muss man sich fragen, ob innerhalb der konkreten politischen Auseinandersetzungen diese Forderung überhaupt Gehör findet. Ich frage mich darum, ob man nicht leichter ein positives Echo auslöst, wenn man – statt Religionsfreiheit zu fordern – an spirituelle Bedürfnisse appelliert.

Das Recht zu beten und das Bedürfnis nach Beten

Ein Beispiel: In Jerusalem haben wir in einer interreligiösen Gruppe palästinensischer Muslime und jüdischer Israelis vor kurzem über den Zugang zum Tempelberg und der Al-Aqsa-Moschee diskutiert. Wir verteidigten ihn zuerst mit dem Recht auf Religionsfreiheit. Aber bald merkten wir, dass uns der Bezug auf die Religionsfreiheit nicht dem spirituellen Ziel näher brachte, nämlich dem Bedürfnis, auf heiligem Boden zu beten.

In diesem Kontext schlugen sowohl der Rabbiner wie der Imam vor, nicht mehr mit der Religionsfreiheit zu argumentieren oder dem Recht auf das Gebet. Wir sollten vielmehr das Bedürfnis zu beten in Erinnerung rufen. Tatsächlich haben die moralischen und juristischen Forderungen unsere politischen Gesprächspartner zuerst auf Stur geschaltet. Sie sahen sich genötigt, sich zu rechtfertigen und die Legitimität der geltenden Vorschriften zu verteidigen.

Ihre Weigerung betrifft sowohl eine nationale Sicht wie auch die nationalen und internationalen muslimischen und jüdischen Gemeinschaften. Aber die Erinnerung an das Bedürfnis, zu beten, liegt auf einer ganz anderen Ebene: Die Achtung vor den tiefsten Wünschen von gläubigen Frauen und Männern und ein Bestreben, das von allen Gläubigen – ob Muslime, Juden oder Christen – geteilt wird.

Verantwortliche Haltung

Dieses Beispiel zeigt schön auf, dass wir im Alltag immer den Wert der persönlichen «Freiheit» in Bezug setzen sollten zum Bedürfnis der «Gemeinschaft». Das Abwägen dieser Fragen führt schliesslich zu einem konkreten Kompromiss: eine Haltung, die auf Verantwortung fusst.

Wir sind mit dieser Vorgehensweise auf gleicher Linie wie der Heilige Paulus mit seiner Methode der Versöhnung. In der Gemeinde von Korinth gab es (zu Zeiten Jesu) zahlreiche Konflikte: die Kompetenzen der Frauen und Männer in der kirchlichen Versammlung, die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für die Feier der Eucharistie gekommen ist, das Problem der Gleichberechtigung von Sklaven und freien Männern, das Recht, den Götzen geopfertes Fleisch zu essen. Der Heilige Paulus war aufgefordert, zu allen Fragen Stellung zu nehmen. Und seine Antwort lautete: Die Lösung darf nur gefunden werden auf Grundlage eines Kriteriums: die «Förderung der Gemeinschaft» (1 Kor 10,23): «Gebt aber Acht, dass nicht die Freiheit, die euer Verhalten bestimmt, die Schwachen in der Gemeinde zu Fall bringt.» (1 Kor 8,9).