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Wie fördern Religionen den Frieden?   

Interview mit Adrian Holderegger

Adrian Holderegger ist «Botschafter des Friedens» der Vereinten Nationen. In dieser Eigenschaft ist er an verschiedenen Foren und Einsätzen beteiligt – sei es am UNO­Sitz in Genf oder in Konfliktgebieten wie etwa in Syrien, Jerusalem, Ramallah, Seoul, Addis­Abeba oder Kinshasa. In der Demokratischen Republik Kongo arbeitet er zudem in verschiedenen Ausbildungsprojekten mit. Im folgenden Interview erzählt er über seine Erfahrungen und Forschungen zur Friedensförderung.

Ein freudiger Tanz

Adrian Holderegger, wo stehen wir aktuell im Prozess der Stärkung der Friedensarbeit?

Derzeit stellen wir eine Zunahme der Bemühungen fest, überall auf der Welt den Frieden zu fördern und zu festigen. Ich weise auf die gemeinsamen politischen, kulturellen und teilweise religiösen Bestrebungen hin, Frieden und Stabilität zu schaffen im Nachgang von Völkermord, Bürgerkrieg oder Diktatur.

 

Allerdings bedeutet dies nicht unbedingt, dass wir von einem Durchbruch der Friedensbemühungen sprechen können. Wir wissen mittlerweile, dass in rund 40 Prozent der Fälle Friedensabkommen nach Bürgerkriegen innerhalb von fünf Jahren scheitern. Es muss auch gesagt werden, dass die UNO nach dem Ende des Kalten Krieges mehr als 30 internationale Missionen für die Friedenssicherung initiierte.

Auch gibt es rund vierzig Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, zwei internationale Kriegsgerichte sowie schliesslich die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs.

Es kam ebenfalls zu einem weltweiten Prozess für Reparationszahlungen und verschiedene Führer der Welt mussten sich für ihr Verhalten entschuldigen. All dies legt nahe, dass wir – global betrachtet – in einem «Jahrhundert der Stärkung des Friedens» leben, eingeleitet durch eine neue Welle der Demokratisierung sowie durch das Ende verschiedener Bürgerkriege überall auf der Welt. Doch dieses Bild ist irreführend. Denn diese Realität, obwohl statistisch gesehen korrekt dargestellt, muss durch ein Phänomen korrigiert werden, das in seinem Umfang neu ist: Der Terrorismus, der wichtige Regionen auf unserer Welt destabilisiert.

 

Wie steht es heute um den Beitrag der Religionen bei der Suche nach Stabilität und Festigung des fragilen Friedens – und dies angesichts der Tatsache, dass wir fast überall auf der Welt eine Wiederbelebung der Religion feststellen?

Das Konzept der Versöhnung ist der auffälligste, wichtigste und interessanteste Beitrag der Religionen für den Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens. Obwohl Versöhnung nicht ausschliesslich ein religiöses Konzept ist, waren es vor allem religiöse Denker und Aktivisten, die es auf die politische Agenda setzten.

In dieser Zeit intensiver Suche nach Frieden – unter dem Stichwort der «Versöhnung» – hat sich in der gleichen Zeit eine alternative Denkschule gebildet. Sie stellt eine bemerkenswerte Entwicklung dar und argumentiert ähnlich wie zahlreiche religiöse Denker.

Während langer Zeit in der Geschichte des Christentums war der Begriff «Versöhnung» eingeschränkt und eng verbunden mit religiösen und menschlichen Beziehungen. In der Politik selbst fristete dieser Begriff nur eine Randexistenz. Vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings äusserten sich vereinzelt Theologen differenzierter. Sie übertrugen das individualistische Konzept der Versöhnung auf die politische und soziale Ebene – ich nenne etwa Karl Barth, Dietrich Bohnhoeffer, die bekanntesten unter ihnen.

 

In einer seiner Enzykliken hat wohl auch Papst Johannes Paul II seinen Beitrag zu dieser Diskussion geleistet?

Ja, in seiner Enzyklika «Über das göttliche Erbarmen» hat Johannes-Paul II im Jahr 1980 die Versöhnung ein politisches Instrument genannt.

Er sagte: «Das wahrhaft christliche Erbarmen ist in gewisser Hinsicht auch die vollkommenste Inkarnation der ‹Gleichheit› unter den Menschen und daher auch die vollkommenste Inkarnation der Gerechtigkeit … Die von der Gerechtigkeit bewirkte Gleichheit beschränkt sich jedoch auf den Bereich der äusseren, der Sachgüter, während Liebe und Erbarmen die Menschen dazu bringen, einander in dem Wert zu begegnen, den der Mensch selbst in der ihm eigenen Würde darstellt.» (Nr. 14) Johannes Paul II war der erste Papst überhaupt, der die politische Dimension derart klar ansprach.

Insbesondere Südafrika war ein starker und speziell effizienter «Inkubator» für diese Idee der politischen und sozialen Versöhnung. Als Erzbischof Desmond Tutu Versöhnung zum zentralen Thema der Wahrheits- und Versöhnungskommission in seinem Land machte, konnte er dazu auf eine reiche theologische Denktradition zurückgreifen.

Wie sieht man bei Juden und Muslimen das Thema «Versöhnung»?

Interessanterweise scheinen sowohl die jüdische wie muslimische Tradition «Versöhnung» als gesellschaftliches Konzept lange vor dem Christentum gekannt zu haben. Bei gewissen Muslimen wie auch in der Alltagspraxis von mittelalterlichen jüdischen Gemeinden finden sich komplexe Denkmodelle zur Versöhnung. Etwa, auf der Ebene der Gemeinde, der Begriff «Teshouva» (hebräisch für «Reue» und «innere Umkehr»), der das «Bekenntnis der Sünden», die Entschuldigung, Vergebung und Wiedergutmachung miteinschloss.

Zurzeit will der amerikanische Rabbiner Marc Gopin dieses Konzept auf die politische und internationale Ebene übertragen, d.h. auf die Konflikte moderner Staaten. Ähnliche Bestrebungen unternimmt derzeit in der islamischen Welt auch Abu-Nimer. Er sucht nach Spuren des Konzeptes, nach entsprechenden Ritualen im Koran, im Hadith und in späteren islamischen Traditionen, die moderne Staaten im Prozess der Versöhnung anwenden können (z.B. in Palästina/Israel).

Christentum, Judentum und Islam unterstützen eine Ethik der Versöhnung, nicht nur mit Begriffen wie Gerechtigkeit, Frieden und Barmherzigkeit, die in ihren heiligen Schriften auftauchen, sondern auch durch Erzählungen, die eine Antwort zu geben versuchen auf das Problem des «Bösen». Anders als die Aufklärung, die auf dieses Problem eine Reihe von philosophischen Antworten gibt, ist die religiöse Antwort dazu nicht theoretisch, sondern praktisch, aktiv.

Die jüdischen Schriften beispielsweise beschreiben Gott als jemanden, der den Bund mit seinem Volk verschiedene Male erneuert hat, indem er Wiedergutmachung fordert, Vergebung oder etwa Gerechtigkeit für die Armen. Das ist eine klare Aktion.

Das Neue Testament fusst eindeutig auf dieser Tradition und spricht von Christus als Friedensstifter, als Modell gerechter, heilender und heilsamer Beziehungen. Der Koran beschreibt Allah als jemanden, der seine Hand zur Vergebung reicht, der aber auch bereit ist, die Unverbesserlichen zu bestrafen. Beide Handlungen haben quasi eine «wiedergutmachende Justiz» zum Ziel.

 

Sind solche Lehrmeinungen und eine politische Unabhängigkeit dafür die Erfolgsfaktoren?

Die Einheit und die Grösse der Kirche, die demographische Struktur einer religiösen Gemeinschaft und die «Führungsqualitäten» sind ebenfalls wichtige Erfolgsfaktoren. Interessant ist auch die Beobachtung, dass das Engagement für eine Art «Übergangs-Justiz» vor allem von Christen getragen wird.

Das hat vorwiegend demographische Gründe, weil das Engagement für eine «Übergangs-Justiz» vor allem in christlichen Ländern stattgefunden hat. Allerdings sind es auch in gewissen Gebieten muslimische Führer, die die Wahrheits- und Versöhnungskommissionen unterstützen, um das Ziel «Versöhnung» zu erreichen. Beispielsweise war Markokko das erste Land mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung, das eine Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Leben gerufen hat.

Dieses Konzept der Versöhnung wurde in Chile, Peru, Ghana, Osttimor, auf den Salomonen, in Sierra Leone, Liberia und – wie bereits erwähnt – in Marokko angewendet. Und es ist eine echte Alternative oder zumindest gleichwertig dem Konzept des «liberalen Friedens», das in der Aufklärung wurzelt. Dieses liberale Konzept basiert allein auf Vernunft und wird nun zunehmend ergänzt durch das religiöse Konzept der «Versöhnung» mit ihrer sozialen, politischen und gesellschaftlichen Dimension. Es ist ein Paradox religiöser Traditionen: Sie dienen sowohl dem Wohlergehen der Menschen im Sinne der Gerechtigkeit und des Friedens, andererseits können sie aber auch jene Kräfte schüren, die jede Basis sozialen und politischen Wohlergehens zerstört.