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Mit Kunst das Herz des palästinensischen Volkes öffnen   

Sliman Mansour und Kamal Boullata

Palästinensisch christliche Künstler sind von ihrem Glauben wie von ihrer Herkunft gleichermassen geprägt. Das schreibt der Religionswissenschaftler Theo Sundermeier in seinem Buch «Für ein offenes Jerusalem – Palästinensische Christliche Kunst heute».

«Der Lastenträger von Jerusalem» ist eines der bekanntesten Werke von Sliman Mansour. | © Suleiman Mansour
Kamal Boullata: «Aubade I» (das Morgenständchen) von 1999Kamal Boullata: «Ascension III» (Himmelfahrt) von 2001

Christen und Muslime leben in Palästina auf engstem Raum zusammen. Das gilt gerade auch für Künstler, die nicht voneinander getrennt oder gegen einander ausgespielt werden wollen. Beide Gruppen leben in einem Umfeld, das sowohl tief von der arabischen Kultur und ihrer leidvollen Geschichte wie auch von «der christlichen Tradition geprägt ist, so dass christliche Symbole fast wie von selbst in ihre Werke einfliessen», betont Theo Sundermeier.

Christlich-palästinensische Künstler sprechen und denken wie Araber. Man dürfe sie nicht von dieser Kultur trennen. Im Gegenteil, so Theo Sundermeier, in ihrer Kunst kommt ein «inkulturiertes Evangelium» zur Sprache, das sich entschlossen der geschichtlichen Situation stellt.

Wichtige Vertreter der einheimischen Kunstszene

In seinem Buch hebt Theo Sundermeier zwei Vertreter der palästinensischen Kunstszene besonders hervor:

Der 1947 in Bir Zait geborene Sliman Mansour ist der wohl bekannteste palästinensische Künstler. Sein Vater wurde während seiner Ausbildung 1930 von den Nazis aus Deutschland vertrieben und starb, als Sliman Mansour vier Jahre alt war. Die Mutter zog mit der Familie nach Jerusalem. Schon früh wurde Mansours künstlerische Begabung entdeckt. Sliman Mansour studierte an der Akademie für Kunst und Design in Westjerusalem und danach an der Bezalel Akademie.

Später gründete Mansour die Künstlervereinigung «Rabita» und trat vehement für die palästinensische Kultur sowie den künstlerischen Nachwuchs ein. Mehrmals wurde er in den Jahren 1981-1982 verhört und eingesperrt. Viele seiner Werke wurden zerstört und zwar sowohl von den israelischen Soldaten wie auch von den Muslimbrüdern. Sliman Mansour ist zutiefst überzeugt, betont Theo Sundermeier, «dass es die Kunst ist, die das Herz des palästinensischen Volkes öffnet und hilft, seine Identität nicht zu verlieren».

Tief geprägt von der Altstadt Jerusalems

Von grosser Bedeutung für die christliche Kunstszene der Palästinenser ist auch der Exilkünstler Kamal Boullata, der 1942 in der Altstadt Jerusalems geboren wurde. Die Boullatas mussten 1948 im Krieg nach Ausrufung des Staates Israel nach Bethlehem fliehen. Der junge Boullata nahm weiterhin bei einem befreundeten Künstler in der Nähe des «Neuen Tores» in der Altstadt von Jerusalem Malunterricht. So wurden Strassen und Plätze um das Tor für ihn zu einem – bis heute prägenden – Ambiente und bestimmten tief sein Lebensgefühl, schreibt Theo Sundermeier.

1961 – 1965 studierte Boullata in Rom an der Kunstakademie und begann anschliessend, als Künstler in Jerusalem und Beirut, wo sich besonders auch palästinensische Künstler trafen, zu arbeiten. Er suchte nach neuen Wegen und einem eigenen Stil. Dieser ging weg vom figurativen Malen hin zu abstrakten Formen, streng orientiert am Rechteck/Quadrat und der das Blatt bestimmenden Linienführung. Nach dem 6-Tage-Krieg emigrierte Boullata aus Beirut und liess sich schliesslich nach verschiedenen Stationen in Südfrankreich nieder. Heute lebt er mit seiner Frau in Berlin.

Die starke strukturelle Ausrichtung der Bilder zeigt die frühen Erfahrungen des ersten Malunterrichts von Boullata. Aber die Tiefenschicht seiner Erfahrungen reicht weiter, meint Theo Sundermeier: «Es sind die Mauern Jerusalems, die Wände der Kirchen ..., die grossen Tore …, die in diesen Rechtecken zu Worte kommen und Erinnerungen wachrufen. Boullata findet in der Form der Steine das zeichnerische Mittel, all das auszudrücken, was ihn in seinem Leben prägte und ihn mit der Vergangenheit und Gegenwart palästinensischer Wirklichkeit heute verbindet.»

Beat Baumgartner


Zum Weiterlesen:

Für ein offenes Jerusalem. Palästinensische Christliche Kunst heute. Theo Sundermeier. 2014, 108 S., Evangelische Verlagsanstalt Leipzig. CHF 30.–